Sind “Autler” Übermenschen?

Bruno von Rotz
31.03.2012

Piccolo von 1906

Im Jahre 1906 erschien in der Zeitschrift “Deutscher Motorradfahrerfolgender Beitrag, den wir unseren Lesern nicht vorenthalten möchten, nicht nur, weil uns der Begriff “Autler” sehr gefällt, sondern auch, weil er die Probleme der frühen Autofahrer sehr schön illustriert:

Was das Reichsgericht verlangt. Der Automobilfahrer, der bei schlechtem Wetter eine Tour macht, tut gut daran, alle 5 Minuten abzusteigen und nachzusehen, ob auch nicht eine Schicht Strassenschmutz seine Nummer verdeckt; denn ist diese nicht deutlich sichtbar, so schreibt ihn der Gendarm auf, ohne dass der Autler es merkt; denn merkwürdigerweise erkennt der Gendarm die Nummer gerade dann, wenn sie „polizeiwidrig" unlesbar ist. Auch bei freiester Bahn kostet das Fahren in der Mitte der Strasse einige Taler: der Autler hat sich stets rechts zu halten; von der Linken will unsere Obrigkeit nichts wissen.

Wenn der Autler zu leise tutet, so macht er sich strafbar; tutet er aber zu laut, so gibt es gleichfalls ein Polizeimandat. Jeder Autler muss die Polizeivorschriften im Kopfe haben und sie peinlich innehalten. Leute, die davon etwas verstehen, behaupten freilich, es sei für den gewissenhaftesten Autler unmöglich, sein Leben ohne jeden Konflikt mit der gestrengen Obrigkeit zu beschliessen.

Aber das Reichsgericht denkt anders: was die Polizeivorschriften verlangen, kann nur einen Anhalt für die Sorgfalt geben, die ein Autler zu beobachten hat; sie bestimmen wohl das Mindestmass der erforderlichen Sorgfalt, aber eine erschöpfende Regelung stellen sie nicht dar. Also hat das Reichsgericht in einem Urteil vom 20. September verkündet, das in der jüngsten Nummer der Juristischen Wochenschrift ausführlich mitgeteilt wird.

Auf der von Landshut nach Freising führenden Staatsstrasse, die viel von Automobilen befahren wird, scheute ein Pferd, das vor einen mit mehreren Personen besetzten Wagen gespannt war, vor einem Automobil und lief davon. Schliesslich warf es den Wagen um. Hierbei wurde eine Frau auf die Strasse geschleudert und erlitt einen Schädelbruch, der ihren Tod herbeiführte. Der Ehemann der Verunglückten und ihre beiden unmündigen Söhne verklagten nun den Lenker des Automobils auf Zahlung von 10’000 Mark Abfindung, eventuell auf eine jährliche Geldrente von 1’000 Mark und 100 Mark Beerdigungskosten.

Das Landgericht München erklärte als erste Instanz den Anspruch dem Grunde nach für berechtigt. Dagegen wies das Oberlandesgericht München als Berufungsinstanz die Klage ab. Hiermit war aber das Reichsgericht nicht einverstanden; es hob das Urteil der Vorinstanz auf und wies die Sache zur nochmaligen Verhandlung an einen andern Senat des Oberlandesgerichts zurück.

Der Senat des Oberlandesgerichts, der die Klage abwies, darf sich nicht noch einmal mit der Sache befassen; denn er hat dem höchsten Gericht das Mass der im Verkehr mit Kraftfahrzeugen erforderlichen Sorgfalt zu gering bemessen. Er hatte ja verneint, der Automobilfahrer habe, da jene Strasse einen lebhaften Automobilverkehr hat, damit rechnen dürfen, dass die ihm begegnenden Pferde „im allgemeinen sich nicht mehr ganz besonders ängstlich seinem Automobil gegenüber verhalten würden. Ein grober Irrtum! Denn - so sagt das Reichsgericht - auf eine minder grosse Empfindlichkeit der ihm dort begegnenden Pferde gegenüber Automobilen dürfte der Beklagte nicht vertrauen.

Ansicht gegen Ansicht! Aber das Reichsgericht ist die höhere Instanz, und darum hat es Recht.

Jener Automobilfahrer hat dadurch gesündigt, dass er an dem Pferde vorbeifuhr, obwohl es „bei Annäherung des Automobils alsbald unruhig wurde, den Kopf hob und anfing, mit den Vorderbeinen zu trippeln". Sodann ist nach dem Reichsgericht anzunehmen, dass der Beklagte bemerkt habe oder „bei gehöriger Aufmerksamkeit" habe „wahrnehmen müssen", wie der Kutscher vom Wagen stieg und das unruhig gewordene Pferd gegen die Strassenwand führte. Ferner hat der Kutscher dem Autler ein Zeichen zum Halten gegeben. Es handle sich, wie das Reichsgericht ausführt, nicht bloss darum, ob der Beklagte das Zeichen gesehen hat, sondern auch darum, ob er es bei pflichtgemässer Achtsamkeit hätte wahrnehmen müssen. Die Vorinstanz hat nun nochmals zu prüfen, ob die Gefahr erkennbar war, und ob bejahendenfalls der Beklagte in einer angemessenen Entfernung von dem Fuhrwerk, also mehr als z5 Meter davon entfernt, hätte anhalten können. Wenn er das konnte, so musste er es, bis die Gefahr beseitigt war.

Das Reichsgericht verlangt also von dem Automobilfahrer tatsächlich, dass er jedem Pferde ansehe, ob es automobilscheu ist oder nicht; denn die blosse Unruhe lässt noch nicht vermuten, dass das Pferd auch gleich wild davonrast, wenn ein Automobil sich nähert. Die Scheu soll der Autler sogar auf mehr als 25 Meter erkennen! Ist es denn überhaupt wahrscheinlich, dass ein Pferd auf eine solche .Entfernung vor dem Automobil scheut? Ist das aber der Fall, dann wird es erst recht scheuen, wenn nun das fauchende Ungeheuer, Automobil genannt, vor ihm Halt macht.
Wird man von dem Lokomotivführer verlangen, dass er die neben den Bahngleisen sich hinziehende Chaussee daraufhin beobachte, ob auf ihr eisenbahnscheue Pferde herumlaufen, und wenn er ein solches entdeckt, den Zug zum Halten bringt? Ist es nicht viel richtiger zu fordern, dass lokomotivscheue Pferde auf solche Strassen nicht gebracht werden?

Noch mehr als die Polizei traut das Reichsgericht euch Autlern zu. Und darüber freut euch! Seid stolz auf die hohe Meinung, die das höchste deutsche Gericht von euch hat. Das Ueberrnass von Sorgfalt, das euch zugemutet wird, kann kein gewöhnlicher Sterblicher leisten: das erheischt Uebermenschen. Vielleicht erkennt das Reichsgericht einst, dass auch ihr nicht schlechter und nicht vollkommener als andere Menschen seid, vielleicht erkennt es das, wenn erst sämtliche Reichsgerichtsräte selbst Automobil fahren; dann wird es ihnen zum Bewusstsein kommen, dass sie von euch mehr verlangen, als Menschenkraft vermag.

Mehr über die automobile Rechtssprechung im Laufe der Zeit kann in den verschieden Ausgaben des Motorfahrers, des Motorradfahrers und der ADAC Motorwelt im Zwischengas-Zeitschriftenarchiv nachgelesen werden.

Securus Mobil von 1906

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