Oldsmobile „Mini-Toronado“ 1968 - ein Spezial-Toronado für winterliche Notfälle

Stefan Fritschi
05.03.2012

Oldsmobile Toronado, umgebaut zum Schiebefahrzeug

Der Winter 1967/68 hatte es in sich. Lansing im US-Bundesstaat Michigan war damals nicht nur die Heimatstadt der ältesten US-Marke Oldsmobile, sondern auch komplett vom Winter in Beschlag genommen worden. Der Mitarbeiterparkplatz bot jeden Feierabend das gleiche Schauspiel. Die Mitarbeiterfahrzeuge sprangen nicht an und mussten angeschoben werden. Oder wenn sie liefen, waren sie auf dem kaum geräumten Platz schnell wieder festgefahren.

Frontantrieb bot ungeahnte Möglichkeiten…

Nur ein paar Mitarbeiter hatten keine Probleme: es waren die Besitzer des Ende 1965 erschienen frontgetriebenen Toronado. Dessen schwerer Big-Block-V8 sass auf der angetriebenen Vorderachse und bot enorme Traktionsvorteile. So durften die Toronado-Fahrer ständig festsitzende Hecktriebler-Kollegen aus ihrer misslichen Lage freischleppen.

Konstrukteure und Ingenieure beobachteten die Szene und machten sich an die Arbeit und kreierten den Oldsmobile Toronado „Pusher“.  Einem aktuellen 1968er Produktionsmodell wurde in der Mitte ein Stück seiner stattlichen Länge von 5,36 Meter (211 Inch) herausgesägt und alles fein säuberlich wieder zusammengeschweisst. Für die Rücksitzbank war kein Platz mehr, und so ist der 6-Sitzer zum 3-Sitzer geschrumpft. Die Türen und Seitenscheiben wurden ebenfalls verkürzt und passgenau und sauber wieder eingesetzt. Front und Heck wurden abgesägt und vorne wie hinten durch in Hartgummi eingegossene Ahornplatten ersetzt. In die Hartgummiplatten waren Löcher für Kühlung, sowie kleine Rundscheinwerfer und Blinker eingelassen, damit man auch bei Dunkelheit operieren konnte. Dazu gab es vorne und hinten eine versenkte Abschleppöse.

… als Schiebe- und Schleppfahrzeug

Mit der Hartgummifront und –heck konnten die feststeckenden Fahrzeuge nun ohne Beschädigung aus ihrer  misslichen Lage geschoben werden. Mit den Abschleppösen konnte man das auch ohne „Feindberührung“ mit Stange oder Seil bewerkstelligen. So oder so: der schwere Achtzylinder mit seinen 375 SAE-PS auf den angetriebenen Vorderrädern machte beste Werbung für den Toronado als ideales Winterfahrzeug. Ausserdem war das Gesamtgewicht durch zusätzlichen Ballast rund 200kg höher als beim Serientoronado und die Reifen mit Spikes ausgerüstet. Die Ausstattung wurde durch ein oranges Blinklicht auf dem Dach, verstärkte Batterien, Erste-Hilfe-Set für Mensch und Maschine und viele weitere Features ergänzt. Anschlüsse für Batteriekabel und Druckluft in einer Klappe im linken vorderen Kotflügel machten den Mini-Toro zum veritablen „weissen Engel“.

Oldsmobile Mini-Toronado von 1968

Durch den kurzen Radstand war er dazu sehr wendig. Einer der Verantwortlichen meinte: „Er wendet auf einem Zehncentstück und gibt noch Rückgeld…“ Auf die professionelle und keinenfalls gebastelt wirkende Schrumpfkur waren die Macher damals sehr stolz, und es gab im Februar 1968 sogar eine offizielle Pressemitteilung. Allerdings erinnerte die Optik des nunmehr 4 Meter langen Fahrzeugs eher an eine Bulldogge und war wenig elegant, aber dafür umso zweckmässiger.

Einzelstück im Rentenalter

Soweit möglich stammten die verwendeten Teile wie auch das 1968er Basisfahrzeug aus dem Ausschuss und wurden im Prototypen-Shop zusammengebaut. Als Abschlepp- und Anschiebefahrzeug wurde der Toro viele Jahre von der verantwortlichen Gebäudeabteilung verwendet – natürlich nicht nur im Winter.

Allerdings forderten die harten Einsätze ihren Tribut, und so war der Wagen 1981 bei seiner Ausserbetriebsetzung in ziemlich mitgenommenem Zustand. Er wurde der Autotechnik-Abteilung der örtlichen Uni übergeben, die ihn in in halbwegs restauriertem Zustand ca. 1984 dem R. E. Olds Transportation Museum übergab, wo er fortan wieder für einige Jahre wertvolle Dienste als Zug- und Schiebefahrzeug leistete. Tom Hummer, ein grosser Oldsmobile-Fan und Museumsunterstützer, hatte Erbarmen mit dem kurzen Olds und versetzte ihn in rund 200 Stunden Fronarbeit und mit selbstfinanzierten Teilen wieder in den Urzustand. Hummer gab ihm auch die weisse Lackierung, die der „Mini-Toro“ zwischenzeitlich eingebüsst hatte, zurück.

Das Arbeitstier ist jetzt in Rente und vielbeachtetes Ausstellungsstück im Olds-Museum. Mancher ehemalige Mitarbeiter wird sich bei seinem Anblick an die strengen Winter erinnern, als der „Kurze“ ihm aus der Patsche half…

Oldsmobile Mini-Toronado hat seine Ruhe im Museum gefunden

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