Wie fährt man einen Citroën DS 19?

Bruno von Rotz
07.02.2011

Als der Citroën DS 19 Mitte der 50er-Jahre erschien, war er so anders als alle übrigen Automobile, dass die AR-Testredakteure in ihrem Testbericht in der AR 51/1956 Empfehlungen mitgaben, wie man den DS 19 fährt.

Citroüen DS 19

Ein kurzer Ausschnitt aus dem rund 13 A4-Seiten langen detaillierten Langstreckentest-Bericht zeigt, wieso sie dies für nötig hielten:

“Die konstruktiven Neuerungen machen sich auch in einer ungewöhnlichen, vereinfachten Anordnung der Bedienungsorgane bemerkbar. So wird der Motor durch das Verschieben des aus dem Armaturenbrett unter dem Lenkrad hervorragenden Schalthebels angelassen, so dass es nicht möglich ist, aus Versehen den Anlasser mit einem eingeschalteten Gang zu betätigen. Die Leerlaufstellung befindet sich zwischen den Stellungen des ersten und zweiten Gangs; zwischen den drei oberen Gängen ist keine Leerlaufstellung vorhanden. Ferner fällt angesichts der automatischen Kupplungsbetätigung das Kupplungspedal weg. Auch das Bremspedal hat die ungewöhnliche Form eines kleinen Knopfs, der nicht unmittelbar auf die Bremse wirkt, sondern die Ventile der Servobremse öffnet. Der notwendige Fussdruck ist ganz gering, und der Fuss legt auch bei schärfstem Bremsen einen kaum fühlbaren Weg zurück. Ein drittes, links aussen angebrachtes Pedal übernimmt die Funktion der Handbremse sowie einer Anfahr- und Notbremse. Es wirkt ohne Servowirkung auf die vorderen Scheibenbremsen und kann in angezogener Stellung durch einen Knopf links unter dem Armaturenbrett arretiert und gesichert werden. ...

... Beim Uebergang von einem konventionellen und besonders von einem sportlichen Wagen auf den neuen Citroën muss man sich indessen an das ganz andere Ansprechen der Lenkung, das Fehlen der Kupplung, die «Fernbedienung» des Getriebes und an den kleinen, ohne Kraftaufwand wirksamen Bremsfussknopf gewöhnen. Die neue Konstruktion ist insofern nicht vollständig narrensicher, als sie auch neue Fahrfehler möglich macht. Erst nach einiger Fahrpraxis verliert der an die übrigen Wagen gewöhnte Automobilist seine zum DS 19 nicht mehr passenden Reflexe, und erst dann werden er und seine Mitfahrer die sensationellen Eigenschaften dieses Fahrzeugs voll geniessen können. Wer den DS 19 nicht so fährt, wie er gefahren werden will, gelangt deshalb zu Fehlurteilen. Schliesslich würde man einer normalen Kraftübertragung auch nicht vorwerfen, dass ihr Getriebe kratzt, wenn man die Kupplung nicht betätigt. Genau so verhält es sich mit dem DS 19, dessen neue Konstruktion auch eine bestimmte Fahrweise erfordert.

Abgesehen von der Gewöhnung an die neuartige, einfachere Bedienung sind nur wenige Dinge zu beachten. Vor allem sind sämtliche Bewegungen weich und ohne Hast auszuführen und frühzeitig zu beginnen. Beim Anfahren wird das Einkuppeln durch etwas Gas beschleunigt und daraufhin sanft und langsam zunehmend Gas gegeben. Das Lenkrad darf nicht ruckartig bewegt werden, sondern man beginnt frühzeitig mit dem Drehen bis gegen den Scheitelpunkt einer Kurve und drehe dann ebenso gleichmässig wieder zurück. Beim Aufwärtsschalten nimmt man den Fuss vom Gaspedal und passt die Motordrehzahl kurz vor dem Einrücken des neuen Gangs diesem an, während beim Herunterschalten vor dem Einlegen des neuen Gangs eine mit zunehmendem Tempo zu steigernde Dosis Gas gegeben wird. Auch die Bremse ist wegen ihrer starken Wirkung vorausschauend und sanft abgestuft zu bedienen.”

Vermutlich würde es heutzutage kaum mehr ein Grossserienhersteller wagen, ein Fahrzeug in den Verkauf zu bringen, das sich derartig vom bestehenden Standard abhebt. Schade, aber auch verständlich, denn moderne Autotester würden kaum so viel Geduld und Verständnis für diese "Eigenheiten" aufbringen.

Aber immerhin können wir jetzt den Testbericht der AR von damals lesen und darüber staunen. Und den nächsten vorbeifahrenden DS noch viel bewundernder betrachten ...

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