Puch und Mercedes-Benz G - einer der letzten richtigen Geländewagen

Erstellt am 16. Oktober 2019
, Leselänge 10min
Text:
Daniel Koch
Fotos:
Daniel Reinhard 
15
Daimler AG 
28
Mark Siegenthaler 
4

Am Genfer Salon 1979 stellte Mercedes-Benz (zusammen mit Puch) das neue G-Modell vor, wobei der Buchstabe G für Gelände stand und natürlich Programm war. Sicherlich vermutete damals niemand, dass Mercedes dieses Modell über 40 Jahre bauen würde. Allerdings hat sich der G nach der Jahrtausendwende mit immer mehr Luxus und Leistung weit von seiner ursprünglichen Bestimmung, dem Einsatz im Gelände, entfremdet, im Einklang mit dem Trend zum SUV.

Partnerschaftlicher Beginn

Seit 1972 planten und projektierten die Partner Daimler-Benz und Steyr-Daimler-Puch unter dem gemeinsamen Dach der eigens gegründeten Geländefahrzeug GmbH (GFG) das Modell G. Daimer-Benz, die dank dem Unimog bereits über eine hohe Kompetenz im Bau von Allrad-Nutzfahrzeugen verfügte, spannte nicht umsonst mit Puch/Steyr zusammen.


Puch G (1987) - Die G-Klasse ist für Mercedes ein Dauerbrenner
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Die Österreicher waren ebenfalls bekannt, wenn es um Geländefahrzeuge ging, zeichneten sie doch für den Haflinger und den Pinzgauer verantwortlich. Mit dem Modell G sollte nun die Lücke zwischen den genannten Allrad-Nutzfahrzeugen zum Personenwagenmarkt geschlossen werden.

Premiere in Genf

Am 15. Februar 1979, kurz vor der Eröffnung des Genfer Automobilsalons, titelte die Automobil Revue (AR) zur Premiere des G-Modells “Geländewagen unter zwei Markenzeichen” und wies auf die Zusammenarbeit der beiden Firmen hin. Der neue Allradler wurde in der Schweiz und Österreich als Puch, in anderen Ländern als Mercedes verkauft. Ausser der Marke und dem Produktionsstandort unterschieden sich die Fahrzeuge jedoch nicht.


Puch G (1987) - In der Schweiz und in Österreich wurde der G unter der Marke Puch verkauft
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Schon zu Produktionsbeginn wurden ein kurzer und ein langer Radstand sowie drei verschiedene Aufbauten und je zwei Diesel- und Benzinmotoren angeboten.

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Zwei Welten vereinen

Dass den Ingenieuren der Spagat zwischen Personenwagenformat und hoher Geländetauglichkeit gelungen war, stellten auch die Testfahrer der AR fest. Sie berichteten anlässlich der Probefahrten auf der Rennstrecke von Le Castellet und dem naheliegenden Motocross-Parcours: “Die gewonnenen Eindrücke haben bewiesen, dass es den Konstrukteuren gelungen ist, ohne wesentliche Veränderungen der Personenwagenproportionen und trotz hochgeschraubter Anforderungen den Kompromiss zwischen Gelände- und Strassenfahrzeug auf hohem Niveau zu schliessen, das heisst, dem Strassenfahrzeug ein Maximum an Geländetüchtigkeit und dem Geländefahrzeug ein hohes Mass an Sicherheit und Komfort im normalen Strassengebrauch zu verleihen.”


Puch G (1987) - MIt dem Geländewagen zum Pilze sammeln
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Der kurze G war knapp 3.95 m lang, was einem Mazda MX-5 im Jahr 2019 entspricht, die lange Version mass fast 4.40 m, dies ist etwa die Länge eines aktuellen 1er BMW. Im Vergleich zu heutigen Autos kann also selbst der lange G als kompakt bezeichnet werden.


Mercedes-Benz 280 GE (1985) - Baureihe 460, Station-Wagen kurz
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Belastungen im Gelände

Als Chassis diente dem robusten Allrounder ein äusserst verwindungssteifer Rahmen, der eine Vielzahl von Aufbau-Varianten erlauben sollte. Die Starrachsen mit Schraubfedern vorne und hinten wurden erst 2018  durch ein moderneres Fahrwerk abgelöst. 


Puch G (1987) - Die Form ist unverkennbar
Copyright / Fotograf: Mark Siegenthaler

Wie damals noch üblich, erfolgte der Antrieb über die Hinterräder, im Gelände konnten die Vorderräder zugeschaltet werden.


Mercedes-Benz G (1981) - Baureihe 460, offener Wagen, glattflächiges Design
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Selbstverständlich gab es eine echte Geländeübersetzung, optional konnten für Vorder- und Hinterachse Differentialsperren geordert werden.

Handschaltung der Automatik vorgezogen

Die manuelle Viergang-Schaltung wurde in späteren Jahren durch Fünfganggetriebe ergänzt, es konnte aber schon von Anfang an eine Viergang-Automatik bestellt werden.


Puch G (1987) - Der Allradantrieb konnte manuell zugeschaltet werden
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Im Zeitalter vor der elektronischen Berg-Abfahrthilfe und anderer Computer-gesteuerten Helferlein wurde die manuelle Schaltung oft der Automatik bevorzugt.

Breite Motoren-Auswahl

Zu Beginn der Produktion wurden drei Benziner- und zwei Diesel-Motoren mit vier, fünf und sechs Zylindern, einem Hubraum von 2.3 bis 3.0 Liter und einer Leistung zwischen 72 und 150 PS angeboten.


Puch G (1987) - Für die Motorisierung konnte stets ins Mercedes-Regal gegriffen werden
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Über die ganze Bauzeit sollte dem G zugute kommen, dass man jederzeit ins umfangreiche Motoren-Regal von Daimler-Benz bzw. Mercedes greifen konnte.

Intelligente Nutzung bestehender Teile

Auch bei der Lenkung konnte der G vom umfassenden Teileregal bei Daimler-Benz profitieren, was Entwicklungskosten sparte und die Option bot, auf Wunsch des Kunden eine DB-Servolenkung zu verbauen. Im Antriebsstrang wurden Teile des Mercedes Leichtbau-Transporters verwendet, die lediglich für den harten Geländeeinsatz verstärkt werden mussten. Um die Fuhre wieder sicher zu stoppen, gönnte man dem G vorne Scheibenbremsen mit zwei Kolben und hinten Trommelbremsen. Damals innovativ, heute fast Standard war die Bremsbelag-Verschleissanzeige.


Puch G (1987) - Beim Innenraum legte man auf Funktionalität mehr Wert als auf Wohnlichkeit
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Sogar im Innenraum fanden sich Teile, die auch in einer Mercedes Limousine verwendet wurden.

Eckiger Aufbau

Anlässlich der Vorstellung des neuen Geländewagen nannten die Redaktoren der AR die Karosserielinie “scharf profiliert” und wies darauf hin, dass das Design jegliche Anklänge an den Stil der Mercedes-Personenwagen vermied.


Mercedes-Benz 280 GE (1985) - Baureihe 460, Station-Wagen lang
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Der G war und ist als eigenständiges Fahrzeug zu erkennen.

Schlechter Kompromiss?

Die Automobil Revue ging in der Ausgabe Nr. 8 vom 21. Februar 1980 nochmals der Frage nach, ob so ein Alleskönner wie der G einfach alles ein bisschen kann, oder alles richtig gut.


Mercedes-Benz G (1981) - Baureihe 460, Station-Wagen lang, Steigvermögen bis zu 80 Prozent
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Auf der Strasse wurden dem neuen Geländewagen beste Manieren attestiert. Die Fahreigenschaften hinterliessen einen sehr guten Eindruck und auch das spontane Ansprechen des Motors gefiel. Es wurde gelobt, dass das Untersteuern in Kurven sehr leicht zu beherrschen war und sich der Geländewagen auch bei plötzlichem Lastwechsel neutral verhielt.


Mercedes-Benz G (1981) - Baureihe 460, es stehen vier Modelle mit zwei Radständen und fünf Aufbauvarianten zur Wahl
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Hervorragende Gelände-Eigenschaften

Der Testfahrer der AR war beeindruckt von den bei vorwiegend kaltem Winterwetter durchgeführten Probefahrten. In den meisten Fällen genügten auf verschneiten und vereisten Strässchen der Allradantrieb. Selbst aufgeschüttete Neuschneewälle wurden einfach durchpflügt. Sein Resümee: “Zum Abschluss der Prüfung bot sich uns die Gelegenheit zu einer Fahrt auf dem tiefverschneiten Testgelände von Steyr. Zu welch herausragenden Leistungen der Wagen fähig ist, wenn er an allen vier Rädern mit Ketten bewehrt ist, lässt sich hier nur andeuten. Der Aufstieg auf den Schöckel, den Hausberg von Graz, über enge, arg zerklüftete und extrem steile Forstwege, die wegen des reichlich vorhandenen Schnees selbst mit festen Bergschuhen nur mühsam zu begehen gewesen wären, schaffte der G scheinbar mühelos. Nur an zwei kritischen Stellen musste in den ersten Geländegang zurückgeschaltet und die Differentialsperre zu Hilfe genommen werden. In zum Teil tiefen Gräben und Senken gruben sich die Räder durch die hüfthohe Schneedecke und schleuderten Holzreste und Steine weg, bis sie festen Halt fanden. Die bei dieser Klettertour auftretenden harten Stösse drangen glücklicherweise nur in gedämpfter Form bis ins Wageninnere.Die Starrachsen mit ihren extrem langen Federwegen konnten die Geländeunebenheiten ausreiten, und der massive Chassisrahmen, der den auf Gummilagern ruhenden Karosserieaufbau trägt, zeigte sich verwindungssteif.”


Mercedes-Benz G (1981) - Baureihe 460, offene Variante
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Gelobt wurde auch der hohe Bedienungskomfort, der klar strukturierte und funktionale Innenraum, die robuste Bauweise und die gute Übersicht. Bemängelt wurde lediglich, dass die Heckscheiben schnell verschmutzten und es keinen Heckscheibenwischer gab. Zudem störten die Spiegelung des Armaturenbretts in der Windschutzscheibe bei einem bestimmten Lichteinfall.


Puch G (1987) - Nach über 300'000 produzierten Fahrzeugen ist noch lange nicht Schluss
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Das Fazit des AR-Test Teams: “Der Puch 230 G ist eine echte Bereicherung des Geländewagenangebots, das in den letzten Jahren von anderen Marken vorwiegend nach unten erweitert worden war. Seine Fähigkeiten sowohl im normalen Strasseneinsatz als auch in schwierigstem Gelände belegen die reiche Erfahrung, welche die beiden beteiligten Firmen in der Entwicklung und im Bau solcher Fahrzeuge besitzen; Die realisierte technische Lösung hat uns überzeugt. Das Fahrzeug ist dort, wo sein hohes Leistungsvermögen gefordert wird, seinen erheblichen Preis wert.”

Und wie gut waren die anderen?

Im Jahr 1980 unterzog die Zeitschrift “Auto Motor und Sport” den G dem unvermeidlichen Vergleichstest mit den damaligen Mitbewerbern. Gegen den Mercedes 240 GD traten Jeep CJ-7, Lada Niva, Land Rover V8, Toyota Land Cruiser und der VW Iltis an.

Der Bedienung des G wurde im Vergleich mit “wie aus einer anderen Welt” beschrieben, denn die Konkurrenten empfanden die (an Alltagsautos gewöhnten) Testfahrer knorrig, hart und unbequem.

Auch bei der Fahrsicherheit kam der Mercedes mit grossem Abstand am besten weg, was den Eindruck der Testfahrten durch die AR bestätigte. Beim Jeep wurden “erschreckende” Fahreigenschaften festgestellt, der Land Rover wurde immerhin als “gutmütig” empfunden, und Lada, VW und Toyota attestierte man “durchschnittliche Fahrtalente”.


Mercedes-Benz 280 G (1984) - Baureihe 460 zusammen mit S-Klasse W126 und Sattelzugmaschine auf der Einfahrbahn in Untertürkheim
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Beim Fahrkomfort bekamen der Mercedes und der Lada gute Noten, bei den anderen Kandidaten des Sextetts notierten die gepeinigten Tester: “Eine Federung im herkömmlichen Sinn existiert im Toyota offenbar nicht” und der Jeep lege seinen Insassen den Gebrauch dämpfender Kaugummis nahe, um schmerzhafte Kollisionen der oberen und unteren Zahnreihen zu vermeiden.

Bei den Motoren schnitt keiner der Allradler richtig gut ab, entweder waren sie den Testfahrern zu schwach, zu durstig oder beides. Im Gelände schliesslich präsentierte sich der Mercedes nicht nur als der beste Allrounder sondern punktete auch mit seiner beeindruckenden Off-Road Tauglichkeit. Beim Jeep hingegen wurde vorne zu wenig Traktion festgestellt, während man im Land Rover mit dem langen hinteren Überhang Mühe hatte. So wurden neben dem Mercedes lediglich beim VW, der ursprünglich für militärische Zwecke entwickelt wurde, sehr gute Geländeeigenschaften festgestellt. Wenn man bedenkt, dass die Konstruktionen der Konkurrenten teilweise schon mehrere Jahrzehnte alt waren, verwundert das Ergebnis allerdings nicht. Schade, dass im Vergleich kein Range Rover berücksichtigt wurde.

Erinnerungen

Den G gab es für militärische Zwecke in unzähligen Ausführungen, im klassischen Blechkleid oder gepanzert, mit Bewaffnung und ohne. Allen Varianten war gemein, dass sie die Truppe nicht im Stich liessen und ihnen kein Hindernis zu schwierig war.


Mercedes-Benz 280 G (1981) - Baureihe 460 unterwegs im Winter
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Manch ein Leser wird an seine aktive Zeit bei der Schweizer Armee, der deutschen Bundeswehr (wo er “Wolf” hiess), dem österreichischen Bundesheer oder anderen staatlichen Organisationen zurückdenken, wo er ein G-Modell gefahren ist oder in einem solchen gefahren wurde. Erinnerungen an Erlebnisse mit dem knorrigen, eckigen Kumpel können gerne in der Kommentarspalte dokumentiert werden.

Im Namen des Herrn

Von den vielen Spezial-Aufbauten, die über die Jahrzehnte entstanden sind, ist wohl das “Papamobil” von 1980 die bekannteste. Der Papst wurde darin bei seinem Besuch in Deutschland chauffiert. Das Kennzeichen des umgebauten 230 G war die durchsichtige Kuppel aus acht Millimeter starkem Plexiglas. So blieb der Pontifex vor der Witterung geschützt, war aber gleichzeitig für alle Gläubigen stets gut sichtbar.


Der Papstwagen oder "Papamobil": Für den Besuch in Deutschland von Papst Johannes Paul II. wurde ein Mercedes-Benz 230 G mit einem Spezialaufbau versehen
Copyright / Fotograf: Daimler AG

Nach dem Attentat von 1981 erhielt der Aufbau eine schusssichere Verglasung. Eine leistungsstarke Klimaautomatik im Fond des Papstwagens sorgte bei Sonnenschein für angenehme Temperaturen im Abteil des Heiligen Vaters. Bei Regenwetter und hoher Luftfeuchtigkeit verhinderte die Anlage, dass die Scheiben beschlugen. Ausserdem waren in Seiten, Boden und Dach der Kuppel verschiedene Scheinwerfer eingebaut, mit denen der Papst indirekt und direkt beleuchtet werden konnte, um ihn auch bei Dunkelheit gut sichtbar zu machen.

Sportskanone

Neben unzähligen Abenteuern, die wüsten- und weltreise-taugliche Umbauten wohl erzählen können, errang der Allrad-Würfel von Mercedes sogar sportliche Erfolge. Als Höhepunkt siegten1983 Jackie Ickx und Schauspieler Claude Brasseur an der Rallye Paris-Dakar. Dabei begnügten sie sich nicht mit dem Klassensieg, sie fuhren gleich den Gesamtsieg ein.

Steigende Nachfrage

In den letzten 40 Jahren wurde der G mehrfach einer sanften Modellpflege unterzogen. Die Kundschaft änderte sich langsam, aber stetig, insgesamt wurden bis 2019 über 300’000 Exemplare verkauft. 2016 wurden erstmals über 20’000 Fahrzeuge in einem Jahr gebaut und die Nachfrage stieg weiter an. An der North American International Auto Show 2018 enthüllte der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG, Dieter Zetsche, zusammen mit Arnold Schwarzenegger, die komplett neu entwickelte G-Klasse. Viele prominente Kunden, neue Motoren mit mehreren hundert PS und viel Luxus innen und aussen haben in den letzten Jahren gezeigt, wohin es mit dem ehemals auf Funktion getrimmten Fahrzeug geht. Mit dem ursprünglichen Pflichtenheft der Entwickler hat das nicht mehr viel zu tun. Dennoch, für Mercedes-Benz ist der G eine grosse Erfolgsgeschichte.

Weitere Informationen

 

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von Bernard
11.11.2020 (21:02)
Antworten
http://www.bbc.co.uk/news/special/2014/newsspec_8703/index.html
Sehr informativ zum Thema Qualitäten des G.
LG
von fb******
22.10.2019 (17:17)
Antworten
Ich vermisse eine Erwähnung des Peugeot P4 VLTT. Zwar mit Peugeot-Motor und nicht in Graz produziert, aber ansonsten SEHR ENG mit der G-Klasse verwandt.
Antwort vom Zwischengas Team (Daniel Koch)
22.10.2019 (22:23)
Danke für den Hinweis, ein sehr interessanter Aspekt!
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