Zuviel der Nostalgie?
Stellen Sie sich vor, Sie kaufen ein neues Auto und am Lenkrad gibt es einen Hebel, mit dem Sie den Zündzeitpunkt verstellen können. Oder unter dem Lenkrad gibt es einen Zugknopf für den Choke. Wenn Sie beim Starten vergessen, den Choke zu ziehen, dann läuft der Motor nicht rund und das Auto verhält sich beim Losfahren zappelig. Mit der richtigen Portion Choke aber benimmt sich der Wagen folgsam wie ein Lämmchen. Nun ist aber dieser Choke-Zug nicht mit einem Vergaser oder der Gemischbildung verbunden, sondern rein elektronisch. Ein Sensor misst, wie stark der Choke gezogen ist, und die Bordelektronik steuert den mehr oder weniger runden Motorlauf. Im Falle eines Elektroautos könnte sogar das Laufverhalten der Elektromotoren beeinflusst werden. Alles nur, damit man sich wie in einem Auto der Sechzigerjahre fühlt (oder im Falle der Vor-/Nachzündung sogar im Vorkriegswagen).
Absurd, finden Sie? Das würde niemand kaufen? Nun, Ferrari hat eben den 12Cilindri Manuale angekündigt. Die klassische Schaltkulisse auf dem Kardantunnel ist zurück. Als technisches Meisterwerk wird das Ganze beschrieben. Sogar ein Kupplungspedal gibt es an Bord. Aber die schön präsentierte Mechanik steuert nicht ein klassisches Getriebe an, sondern sendet Signale an das Achtgang-Doppelkupplungsschaltgetriebe (DCT). Wenn der Fahrer es wünscht, kann er seinen Ferrari weiterhin auch automatisch die Gänge wechseln lassen und das Kupplungspedal nicht benutzen.
Und Ferrari ist nicht der erste Sportwagenhersteller, der den Traditionalisten unter den Autofahrern das simulierte Handschaltgetriebe verkaufen (zurückbringen) will. Koenigsegg hat ein ähnliches System im Angebot und Porsche will den manuellen Schalteingriff neuerdings auch beim Taycan anbieten. Schon etwas länger im Programm ist das händische Schalten (ohne Kupplungspedal) beim Hyundai Ioniq 5 N mit Schaltwippen. Und so neu ist die Idee übrigens gar nicht, denn Audi erlaubte auch bei der stufenlosen Multitronic (CVT) bereits das manuelle Anwählen separater Gangstufen.
Nun ist zu sagen, dass solche Systeme, auch wenn sie an PlayStation oder Xbox erinnern, durchaus ihren Reiz haben können. Mit mehr Einflussmöglichkeiten auf die Technik fühlt man sich einfach dem Auto näher, vermutlich selbst, wenn alles nur simuliert ist. Aber ist dies alles nicht doch etwas zuviel der Nostalgie? Das Extrem wäre dann wohl eine Handkurbel vorne am Bug, um den Motor zum Laufen zu bringen. Mit simulierten Gegenkräften und Start der Maschine nur bei genügend Schwung.
Was aber werden die Leute in 20 oder 30 Jahren über diese Autos denken, wenn sie sie als Oldtimer oder Youngtimer kaufen sollen? Wird die zusätzliche Komplexität, die man mit solchen simulierten Mechanismen geschaffen hat, die Wartungs- und Unterhaltskosten erhöhen und mögliche zukünftige Käufer abschrecken? Und ergibt es wirklich Sinn, ein Produkt (respektive die Bedienung dessen) schlechter und suboptimaler zu gestalten, nur um der Nostalgie zu frönen?
Ganz klar, wir lieben Schaltgetriebe, aber eben “richtige” Schaltgetriebe, bei denen die Kupplung den Motor noch vom Getriebe trennt und dafür ein mechanisch übersetzter Tritt aufs Pedal nötig ist. Simuliert ist es vermutlich trotz aller Perfektion am Ende des Tages doch Nostalgie um der Nostalgie willen. Aber schauen wir mal, wie die potenziellen Käufer dieser Autos reagieren.

































