Das Ohrensausen danach
Kennen Sie es, dieses Rauschen in den Ohren, vielleicht ist es gar ein Tinitus-artiges Pfeifen? Sie hören es besonders gut, wenn sie nach einem bewegten Tag endlich zuhause angekommen sind und den Tag nochmals Revue passieren lassen.
Nach einem Tag auf der Messe ist dieser Moment besonders intensiv. Die Eindrücke sind noch ganz frisch, die kunterbunten Farben zeichnen sich vor ihren Augen noch immer ab, sobald sie diese schliessen. Meine Rétromobile ist bereits wieder passé. Der Flieger hat mich mit 20 Minuten vorzeitiger Landung wieder nach Zürich gebracht. Bei einer Flugzeit von eigentlich 55 Minuten fragt man sich, wie stark wohl der Rückenwind gewesen sein muss. Aber das ist gar nicht der Punkt.
Ein vorschnell bereits am Freitagabend der Messe gezogenes Fazit, während diese noch bis Sonntag dauert, ist die Tatsache, dass der grosse Star, an dem tausende von Besuchern vorbeigezogen sind, an der 50. Rétromobile ein Schienenfahrzeug war. Der oder die Autorail von Bugatti scheint bei den Autofans von ganz besonderer Magie zu sein. Mehr noch vielleicht als bei den Freunden der Schiene, denn für diese ist der Leichttriebwagen aus Molsheim kaum mehr als eine normalspurige Strassenbahn mit etwas höherer Endgeschwindigkeit.
Für Autofans aber ist es die faszinierende Vorstellung, dass damit, angetrieben von vier Bugatti-Royale-Motoren, Bauern, Schüler und ganz profane Citoyens von A nach B gebracht wurden. Mir als Schweizer kommt dies etwa so vor, wie die Alfa Romeo Postbusse, die in einer kleinen Serie für die Schweizerische Post und einige Verkehrsbetriebe nach dem Zweiten Weltkrieg im Einsatz standen, weil die heimische Nutzfahrzeugindustrie mit dem Bau neuer Fahrzeuge hinten und vorne die Nachfrage nicht decken konnte. Also durfte der ganz normale Durchschnitts-Eidgenosse für kleines Geld mit einem Alfa Romeo an den Berner Bremgartenring fahren und dabei zusehen, wie ein Wagen der genau gleichen Marke auf der Rennstrecke einen Grand Prix gewann.
Links: Ein Alfa Romeo 430A/1 der Verkehrsbetriebe Zürcher Oberland VZO von 1948. In Frankreich fuhr der Bugatti auf der Schiene, in der Schweiz der Wagen des Grand Prix-Gewinners für das Volk auf der Strasse. Bild: ETH e-pics
Ebenso verrückt und kaum aus der Erinnerung zu drücken ist das Bild der Bugatti-Vorderachsen in verschiedenen Erhaltungszuständen beim entsprechenden Teilehändler. Etwa eine Handvoll waren da säuberlich auf einem extra Halter ausgestellt. Dabei erinnere ich mich an die Erzählungen vom Bugattisten Martin Pfrunder, wie er damals Anfang der 1960er-Jahre über das Werksgelände in Molsheim geschlendert ist, während er seinen Wagen dort hatte unterhalten und pflegen lassen und auf ebensolche Achsen gestossen war, die auf einer Kreuzbeige quasi im wuchernden Gras unter freiem Himmel lagen. Ich mochte gar nicht erst fragen, was diese auch einfach als simples Objekt sehr formschönen Achsen an der Rétromobile kosten sollten.
Un objet d'art? Vorderachsen aus Molsheim
Axel Schütte zeigte uns einen Talbot Lago, der – mit seinen vorklappbaren Kotflügeln und der klassisch zu öffnenden Motorhaube – etwa so aussah wie eines dieser in der Ausstellung «Körperwelten» gezeigten Präparaten, bei denen irgend ein Torso aufgeklappt wurde, um das Innere zu zeigen, eine schaurige, doch faszinierende Ästhetik.
Und, ganz langsam am mental Zurückfahren, geistert da auch noch das in mir fixierte Bild einer kleinen, zylinderförmigen Lampe vor meinem Auge herum. Eine ebensolche habe ich gesucht. Sie besteht aus einer Art Knopf, den man aus dem Armaturenbrett herauszieht und bei der damit gleichzeitig der Kontakt geschlossen wird, der eine Glühbirne brennen lässt. Einst gab es diese um Armaturen zu beleuchten, aber auch um dem Beifahrer das für den Fahrer blendfreie Kartenlesen zu ermöglichen. Ein einziges Exemplar habe ich schliesslich entdeckt, doch das eher schäbige Ding war mit dreimal zu teuer.
Da bleibt die Erkenntnis, dass für gezielte Suchen solche Messen nicht zwingend zielführend sind, andererseits jedoch läuft man stets an Dinge heran, die einem kalt erwischen, faszinieren und die man – ob materiell in einer Tüte verpackt oder immateriell in der Erinnerung festgebrannt – mit nach Hause bringt. Bei mir war es dieses Jahr nach einigen Modellen am ersten Tag – noch mehr Modelle am letzten Tag. Zum Glück nur verkleinerte Autos, es hätte ja auch ein richtiges Auto sein können! Oder ein Modell zum Preis eines richtigen Autos, wie der wunderbare Tatra T77 als Waldfund, gebaut von der Hand eines wahren Künstlers und für 30'000 Euro zu haben.



























