80 Jahre Ende der Schweizer Benzinrationierung
Neulich bin ich über das Bild von der Eröffnung der Sustenpass-Strasse gestolpert. Diese erste, moderne alpine Alpentraverse wurde am 7. September 1946 dem Verkehr übergeben. Gemäss den Chronisten soll man an diesem Tag gegen 15'000 Automobile und hunderte Gesellschaftswagen und Motorräder auf dieser Verbindungsstrasse zwischen dem Berner Oberland und dem Urner Reusstal gezählt haben. Wer sich die zeitlichen Umstände etwas vor Augen führt, mag sich darüber wundern. Denn der September 1946, das war ja nur knapp etwas mehr als ein Jahr seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Die Eröffnung der Sustenpassstrasse am 7. September 1946, Bild: Archiv Kulturverein Gadmen
Bemerkenswert war aber, dass in der Schweiz bereits per 15. November 1945 dem normalen Autobesitzer wieder in Aussicht gestellt wurde, dass es für ihn auch ohne Bedarfsnachweis wieder Benzinrationen geben würde. Auf Ende des Jahres folgte eine signifikante Erhöhung dieser Bezugsmenge. Und was bereits zum Jahresende gerüchteweise die Runde gemacht hatte, dass die Rationierung bald ganz aufgehoben würde, war ab 1. März 1946 Realität. Ab diesem Datum konnte wieder jedermann soviel Treibstoff beziehen, wie ihm richtig schien oder er sich leisten konnte. Denn das Ganze hatte noch einen nicht unerheblichen Haken: Der Literpreis betrug für damalige Verhältnisse stolze 90 Rappen. Das war doppelt soviel wie bei der Einführung der Rationierungen im Herbst 1939. (Das oberste Bild zeigt die «Autometro» -Tankstelle an der Ecke Rämistrasse-Stadelhoferstrasse in Zürich um 1936, Quelle: ETH e-pics)
Und ein Element, das im Rückblick oft übersehen wird, wurde ebenfalls von der Liste der rationierten Güter gestrichen, sogar noch zwei Wochen vor dem Treibstoff: die Reifen! Diese gab es schon ab Mitte Februar 1946 wieder frei zu kaufen. Nur bei einigen Formaten, besonders für Nutzfahrzeuge, herrschte noch Mangel. Zuvor waren sogar gebrauchte Reifen strengen Beschränkungen unterworfen gewesen. Diese betrafen nicht nur den Bezug, sondern auch die erlaubten Höchstgeschwindigkeiten, Reifendrucke und Achslasten – alles im Bestreben, die Lebensdauer zu verlängern.
Nun, all dies war ab 1. März 1946 in der Schweiz Schnee von gestern. Und tatsächlich gab es bereits wieder einige wenige Neuwagen zu kaufen. Emil Frey hatte es noch ganz knapp vor dem Jahreswechsel Ende 1945 geschafft, Austin aus England in die Schweiz zu holen, die ersten Neuwagen auf dem Europäischen Festland überhaupt, die frei zu kaufen waren. Und Walter Haefner von der AMAG fuhr Anfang 1946 mit einer Karavane von Standard Eight und Fourteen vom entsprechenden französischen Seehafen, wo das Schiff aus England seine Ladung gelöscht hatte, quer durch das kriegsversehrte Frankreich in die Schweiz.
Neuer Standard Eight Convertible vor der AMAG-Niederlassung 1946, Archiv der AR
Und zahlreiche Autobesitzer nutzen die Festtage zum Jahreswechsel, um ihren Wagen «von den Böcken zu holen». Es scheint klar, dass die meisten der damals noch gutbegüterten Autobesitzer ihren Wagen während des Krieges in einer Garage untergebracht hatten, manche auch in einer leerstehenden Lagerhalle. Was erstaunt, sind die Zahlen, wie schnell diese zum Teil mehr als fünf Jahre nicht bewegten Wagen wieder zugelassen und auf der Strasse waren. Im Kanton Zürich betrug die Zahl der von November 1945 bis Frühling 1946 zugelassenen Autos schon wieder die Hälfte des Vorkriegsbestandes, im Kanton Baselstadt ebenso. Die Berner waren besonders zuversichtlich – oder autoverrückt, oder beides – wo sogar 60 Prozent der Wagen entsprechend des Vorkriegsbestandes in dieser kurzen Zeit wieder in Verkehr gesetzt wurden.
Die Strassenverkehrsämter, in der Schweiz die Zulassungsstellen, hatten dafür zum Teil 14-Stunden-Schichten eingelegt um deponierte Schilder auszugeben und Fahrzeugbriefe zu stempeln, denn darin war damals noch je nach Kanton die jährliche Bezahlung der Strassenverkehrssteuer vermerkt. In der Schweiz ist das Nummerschild bekanntlich auf den Halter, nicht auf das Fahrzeug ausgestellt, das heisst, dass dem Meier, Hugentobler oder Buchegger wieder exakt das selbe Schild ausgehändigt wurde, wie er es bei der Einführung der Fahrverbote 1939 beim Amt deponiert hatte. In der Schweiz ist das ein nicht unerheblicher Aspekt und damals kannte man selbst in den Städten in der Regel auch deshalb von jedem Wagen in der Strasse des eigenen Wohnquartiers auch den Besitzer, selbst wenn er sich einen neuen Wagen geleistet hatte.
Zürcher Rathausbrücke im Sommer 1939, bald nach dem 1. März 1946 gehörten parkierte Autos in den Schweizer Städten wieder zum Alltag, bei der Aufhebung der Benzinrationierungen war die Hälfte des Vorkriegsbestandes schon wieder zugelassen. Bild: ETH e-pics
Seit dem 1. März 1946 also fährt die Schweiz, bis heute, wieder so Auto, wie man dies als nötig, zweckmässig oder schlicht einfach ohne Angabe von Gründen als wünschenswert betrachtet hat. Die Ausflugsorte frohlockten wieder, auch der Tourismus begann wieder Aufschwung zu nehmen und das Haslital, da wo an ebendiesem 7. September 1946 fast jeder zehnte Schweizer Automobilist – oft samt Familie und Verwandschaft – hingefahren war, es dürfte an diesem, wohl ersten grossen Stau der Schweizer Nachkriegsgeschichte damals seine wahre Freude gehabt haben.


























