Der EX-122 Prototyp – die älteste Chevrolet Corvette der Welt

Erstellt am 21. Juni 2012
, Leselänge 6min
Text:
Stefan Fritschi
Fotos:
Richard Spiegelmann 
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Archiv 
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Am 17. Januar 1953 hatte der allererste, von Hand gebaute Prototyp der Corvette im New Yorker Hotel Waldorf-Astoria anlässlich der „Motorama“-Show des GM-Konzerns seinen ersten Auftritt. Das Konzeptfahrzeug EX-122 war im Wesentlichen bereits identisch mit dem späteren Serienauto Corvette C1.

Ein neues Modell in nur sieben Monaten

GM-Vizepräsident Harley Earl war ein grosser Fan von Sportwagen. Diese gab es aber nicht im eigenen Hause, und so wurde ein Projekt auf Kiel gesetzt, welches diese Lücke schliessen sollte.

Am 2. Juni 1952 erhielt das Projekt grüne Licht und die Arbeit am Konzeptfahrzeug konnte beginnen. Als Inspirationsunterstützung stand ein Jaguar XK 120 bereit.

Es entstand ein sehr hübscher Kunststoff-Roadster, der sich offensichtlich an britischen und italienischen Design-Vorbildern orientierte. Earl‘s Enthusiasmus wurde aber nicht von allen GM-Managern geteilt. Man hatte keine Erfahrung in der Serienproduktion mit dem neuen Material Fiberglas, und ausserdem war ein kleiner Sportwagen weniger profitabel als die grösseren Autos. Also gab man EX-122 höchstens eine Chance als Showobjekt und Experimentalfahrzeug.

Im Falle von positiven Ergebnissen wollte man die Fiberglas-Technologie bei einer grösseren, gewinnbringenden Limousine einsetzen. Dem Team stand deshalb nur ein kleines Budget zur Verfügung. Man musste auf einen vorhandenen 3,8 Liter-„Blue Flame“-Reihensechszylinder mit Zweigang-Automatikgetriebe zurückgreifen. Die sehr gelungene und elegante Karosserie sass auf einem herkömmlichen Kastenrahmen mit Blattfedern.

Positives Echo der Motorama-Besucher

Das Motorama-Publikum wollte genau dieses kleine Auto haben und keine grosse Limousine. Und einer der Besucher war von der Optik des Fahrzeugs so begeistert, dass er gleich Vorschläge machte, wie man die Technik verbessern könnte und bei GM anklopfte, um seine Visionen vorzustellen: Zora Arkus-Duntov, der später als „Mister Corvette“ legendär werden sollte.

Nur fünf Monate später rollten die erste Exemplare des nunmehr „Corvette“ getauften ersten amerikanischen Kunststoff-Sportwagens vom Band. Allerdings verursachte die ungewohnte Produktionsmethode viel Kopfzerbrechen, und auch der Bestellungseingang war aufgrund der schwachen Motorisierung und den vergleichsweise hohen Preis sehr bescheiden.

Mehr als einmal wollten die Chevrolet-Oberen die Corvette-Produktion einstampfen, aber sie wurde schliesslich doch noch eine Erfolgsgeschichte. Nicht zuletzt weil Arkus-Duntov die Fahrleistungen später auf das Niveau der italiensichen und englischen Importfahrzeuge brachte. 

V8-Motor im EX-122 rettete die Corvette vor dem Aus

EX-122 schrieb das wohl wichtigste Kapitel dieser Geschichte. Sein 150 PS-Reihensechszylinder wurde versuchsweise durch einen Small-Block-V8 mit 195 PS ersetzt. Die Testfahrten mit dem erstarkten Prototypen zeigten das Potenzial dieses Konzepts, und der V8 wurde ab 1955 zur Standardmotorisierung der Serien-Corvette. Die Verkaufszahlen schossen in die Höhe: EX-122 hatte die Corvette gerettet!

Der ehemalige GM-Versuchsleiter R. F. Sanders kannte die Geschichte und Details des Einzelstücks EX-122 in- und auswendig. Er errechnete, dass die Baukosten im Jahr 1952 ca. 55'000 bis 60‘000 $ ausmachten. Der grösste Teil davon waren Lohnkosten für die Prototypenwerkstatt. Er unterstrich, dass sich die Bauqualität auf allerhöchstem Niveau befand, weil man den Wagen schliesslich an der Motorama einem breiten Publikum vorstellen wollte.

Allerdings handle es sich bei EX-122 streng genommen nicht um die wirklich allererste Corvette, weil es bereits davor Versuchsfahrzeuge gab. Diese waren allerdings mit Dummy-Karosserien ausgerüstet, die nicht im Entferntesten an die Corvette erinnerten. Erst EX-122 wurde vom verabschiedeten Tonmodell ablaminiert und auf Show-Finish getrimmt. Danach wurde der Wagen noch bei vielen Städten in den ganzen USA gezeigt und schliesslich im Eingang des GM-Hauptverwaltung in Detroit ausgestellt.

EX-122 wird zum Dauertestfahrzeug umfunktioniert

Als die Serienproduktion startete, liess das Interesse am Prototyp stark nach, und er wurde zur Spielwiese der Entwicklungsabteilung. Langstreckentests mit dem neu eingebauten V8-Motor gaben wichtige Hinweise über die Haltbarkeit von Kunststoffautos – und dem armen Auto den Rest. Schliesslich wurde der Wagen komplett zerlegt und alle Teile auf Verschleiss untersucht. Der weisse EX-122 musste ganz neu aufgebaut werden und bekam eine rote Lackierung sowie die Karosserie des 1955er Jahrgangs.

Nach einigen tausend weiteren Meilen als VIP-Fahrzeug wurde er von Sanders am 11. April 1956 privat gekauft. Allerdings hatte Familie Sanders öfters Schwierigkeiten mit den Zulassungsbehörden, weil es keine Chassisnummer gab und ein Versuchsfahrzeug nicht von Privatleuten gefahren werden durfte. Ausserdem duldete die Uni der Tochter keine Autos auf dem Campus obwohl sie als „the girl with the little red sports car“ bekannt war.

Deshalb bekam „Little Red“ für 1000 Dollar am 10. Oktober 1959 einen neuen Besitzer namens John W. Ingle aus New York. Der Wagen wurde öffentlich gezeigt und gefahren. Notabene wie jede andere Corvette ohne speziell auf ihren einmaligen Ursprung hinzuweisen. Wohl auch, weil der Wagen optisch und technisch nicht mehr als das Showcar von anno 1953 erkennbar war. Er wuchs ihm so sehr ans Herz, dass ihm im Anwesen der Ingles ein eigener Raum mit Blick auf den Lake Canandaigua gebaut wurde.

1993 wurde EX-122 vom nach eigenen Angaben „grössten Corvette-Händler der Welt“, den Gebrüdern Kerbeck aus Atlantic-City, bei den Ingles entdeckt. Sie erkannten sofort die historische Bedeutung des in Vergessenheit geratenen Motorama-Conceptcars. Aber sie mussten noch bis 2002 warten, bis sie ihn endlich in ihre Corvette-Sammlung übernehmen konnten. 

Rückbauen oder erhalten?

Nun stellte sich die entscheidende Frage: soll EX-122 so bleiben oder auf den Motorama-Stand von 1952 zurück gebaut werden? Die Expertenmeinungen gingen weit auseinander, und man machte sich die Entscheidung nicht leicht. Aber schliesslich sollte der Corvette-Fangemeinde die echte Nummer 1 vom Waldorf-Astoria wieder zurückgegeben werden, das sie fast 50 Jahre lang vermissten.

Anhand von Plänen und Fotos wurde der Wagen komplett wieder in den Urzustand zurückversetzt. Obwohl er optisch fast wie eine Serien-C1 aussah, waren doch fast alle Details ein bisschen anders. Die Dicke und Anordnung von Chromleisten, zwei Hutzen auf den Kotflügeln, andere Schriftzüge und viele weitere Abweichungen im Interieur: jedes Detail sollte so sein wie 1953.

Nur beim Motor entschieden die Kerbecks, nicht mehr den alten Blue-Flame-Reihensechser einzubauen. Auch das hat einen historischen Grund: der später eingebaute V8 war der erste Achtzylinder der Geschichte, welcher je in eine Corvette eingebaut wurde und der Rettungsanker für die Serie. Es bestände höchstens noch die Möglichkeit, dass ein früher Corvette-Kunde selber den R6 gegen einen V8 tauschte bevor dieser ab Werk erhältlich war.

Die neue EX-122-Heimat wird zur Pilgerstätte der Corvette-Community

Zum 50-Jahr-Jubiläum 2002 war sie fertig, und die Fans konnten EX-122 erstmals im Urzustand bewundern. Die Kerbecks heimsten an vielen Shows erste Preise ein. Aber was noch toller war: mancher frühere Mitarbeiter von Chevrolet oder dessen Nachkommen brachten Fotos, Zeichnungen oder Blaupausen von Originalteilen, die noch nicht exakt dem Original entsprachen. Auf diese Weise konnten nachträglich noch einige Teile optimiert werden.

Zwischenzeitlich hatte auch Chevrolet EX-122 anhand der VIN (Vehicle Identity Number) eindeutig als Corvette Nummer 1 identifiziert. Ein zweites, fast identisches Showcar für Kanada gilt als Nummer 2, und der erste serienmässig produzierte C1 ist die Nummer 3. Der Showroom von Kerbecks-Corvette in Atlantic-City ist heute die Pilgerstätte für Corvette-Fans: dort ist EX-122 frei zugänglich und kann bewundert und fotografiert werden.

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