Was ein alter Führerausweis alles erzählen kann
Es hängt ein wenig versteckt im Treppenhaus des Pantheon in Muttenz: die Fotografie des Schweizer Führerausweises – damals noch Führerbewilligung genannt – von Bertha Diener-Rüegg aus Fischenthal-Neuhaus ZH, zusammen mit einem Foto, dass sie auf einem Motorrad zeigt. Es ist nur ein kleines, fast unscheinbares Dokument, doch es hat viel zu erzählen. Es ist lebendige Zeitgeschichte.
Vor 100 Jahren bestand die Hebamme Bertha Diener-Rüegg am 22. April 1926 in Zürich die Prüfung für Motorzweiräder ohne Sozius. Sie war damals 30 Jahre alt. Obwohl schon 1915 Anna Zbinden-Grossenbacher als erste Frau im Kanton Bern einen Führerschein bestanden hatte, blieb der Ausweis lange Zeit eine teure und damit exklusive Angelegenheit. Für eine Hebamme, die zu den damals üblichen Hausgeburten kommen musste, dürfte aber die Motorisierung eine grosse Hilfe gewesen sein. Die Frau auf der Photographie wirkt resolut und gehörte vermutlich zu jenen modernen Frauen der 1920er-Jahre, die durch ihren Beruf ein neues Selbstbewusstsein entwickelt hatten. Und sich mit dem selbst verdienten Geld einen Führerschein leisten konnten.
Das Motorrad könnte ein amerikanisches Ner-a-Car sein, das von 1921 bis 1926 verkauft wurde. Besonders markant ist die Achsschenkellenkung am Vorderrad. Der breite Kotflügel vorn sollte vor Schmutz schützen und es gab einen breiten Durchstieg, der Frauen das Aufsteigen in Strassenkleidung erleichterte. Der Zweitakt-Einzylinder wirkt stark beansprucht, da das Foto aber undatiert ist, sind keine exakten Rückschlüsse möglich. In der oder den Packtaschen am Heck konnte die Hebamme einiges an Instrumenten mitnehmen. Vorn ist ein Kontrollschild angebracht mit einem nicht identifizierbaren Wappen, einer Ziffer und einem Buchstaben. Das war das System von 1904, erst ab 1933 wurde die heutige Form mit Kantonswappen gültig, als immer mehr Fahrzeuge eingelöst und Kontrollschilder gebraucht wurden.

































