Die Werd – Badeinsel der Schrottautos
Tognazzo, der Name taucht immer wieder auf, wenn man sich in der Schweiz mit alten bis uralten Autos beschäftigt. Erst neulich wieder ist mir der Name im Zuge einer Recherche in Form einer Plakette des SMVC (Schweizerischer Motor Veteranen Club) an einer Spritzwand begegnet. Doch der Reihe nach – denn weil das Wetter warm bleiben soll, denken wir erst einmal an ein kühles Bad.
Zürich besitzt eine lauschige Badeinsel inmitten der Limmat, die Werdinsel mit dem Flussbad Au in Zürich-Höngg. Eine ehemalige Spinnerei und eine alte Mühle, heute schön hergerichtet, erinnern daran, dass das Wasser des Flusses einst eher der Wirtschaft als dem Vergnügen gedient hat. In der Limmat zu baden, das wäre damals niemandem in den Sinn gekommen. Heute ist das ganz anders, der Ort ist ein tolles Erholungs- und Freizeitgebiet.
1928 kaufte der Automechaniker und Fahrlehrer Viktor Tognazzo die Insel und richtete in den Gebäuden der ehemaligen Spinnerei – und drum herum – einen Autoabbruch ein. Es war eine der ersten Einrichtungen dieser Art in der Schweiz. Tognazzo liess es nicht einfach beim Zerlegen und Verkaufen der Teile bewenden. Eine systematische Einordnung der Teile in Lagergestellen, geordnet nach Marken, liess den Ort bald zur ersten Anlaufstelle für all jene werden, die ein Auto reparierten, das aus dem üblichen Lebenszyklus damaliger Automobile längst ausgeschieden war. Zehn Jahre und mehr nutzte damals kaum jemand seinen Wagen.
Ein Auto zu besitzen war ein Zeichen von Wohlstand, ein altes Auto zu besitzen ein Zeichen von Geiz und Knausrigkeit. Denn anders als heute, wo ein Oldtimer von Klasse, Geschmack und einer durchaus konsumkritischen Haltung zeugen kann – nebst all den anderen guten Gründen, einen Klassiker zu fahren – unterstellte die Öffentlichkeit einem Autobesitzer, dass er angesichts der laufenden Kosten, die sowieso unabhängig vom Alter anfallen, finanziell durchaus in der Lage wäre, sich ein neueres Modell zu leisten.
Für Tognazzo aber bedeuteten diese Autos neben seinem Lebensunterhalt auch stets Faszination für die Technik, die er bewunderte. Durch die Gunst der frühen Stunde sind viele Automobile der reichhaltigen frühen Schweizer Automobilbaugeschichte dank Tognazzo erhalten geblieben.
Das gilt ganz besonders auch für die Arbeit von Viktors Sohn Arturo. Unter seiner Führung der Autoverwertung, ein Begriff, den es damals noch gar nicht gab, wurden in der Schweiz die ersten historischen Automobile wieder hergerichtet und das Bewusstsein geschaffen, dass das Erbe der Strassenmobilität eines Schutzes bedarf. Arturo Tognazzo war 1957 einer der Mitbegründer des Schweizerischen Motor Veteranen Clubs SMVC, der ersten Vereinigung dieser Art für historische Fahrzeuge.
Die Werdinsel aber wurde durch den wachsenden Fundus an ausgeschlachteten Autos der Stadt ein Dorn im Auge. Schon in den 1950er-Jahren begann die Kritik an dem „unschönen“ Anblick der Schrotthalde rund um das Gebäude. Aus unerfindlichen Gründen gelang es Zürich 1958, Arturo Tognazzo die Insel abzukaufen. Damit verbunden war ein Vertrag, der den Betrieb bis 1971 garantierte. Danach sollte sich Tognazzo zurückziehen und das Gelände räumen. Allerdings dauerte es nochmals zehn Jahre, bis dies schliesslich vollbracht war. Heute zeugt nichts mehr von diesem Ort, an dem ein wichtiger Meilenstein der Schweizer Oldtimerbewegung gesetzt wurde – möglicherweise sogar der erste.
Tognazzo aber, sein Einfluss lebt fort. Manche Teile lagern heute bei anderen Lieferanten, und noch mehr stecken in Autos, die rund um den Globus noch immer in Betrieb sind.
Die Automobil Revue berichtete 1971 über die bevorstehende Schliessung
Alle Bilder: ETH e-pics / Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich


























