Biscuits und unabwendbare Zwischenhalte
Nein, völlig falsch, es geht nicht um Pannen und andere unvorhergesehenen Gründe, anzuhalten. Es geht auch nicht um leere Tanks oder geplante Versorgungspunkte auf einer Reise. Es geht um Orte, bei denen man einfach anhalten MUSS, weil man ansonsten nicht das Gefühl hat, dort durchgefahren zu sein.
Solche Orte haben sich in meinem Leben mit Klassikern über die Jahre hinweg herausgeschält; sie sind auf meiner Landkarte als kleine Fähnchen im Gedächtnis eingeprägt worden.
Dabei gibt es allerlei Gründe, aus denen ich anhalten muss. Ein Beispiel: Trubschachen ganz am Anfang des Emmentals wenn man von Luzern überland in Richtung Bern fährt. Der grösste Arbeitgeber im kleinen Dorf heisst «Kambly» und ist einer der wichtigsten Biscuit-Hersteller der Schweiz. Hier vorbeizufahren, besonders an einem normalen Arbeitstag, ist schlicht unmöglich. Denn hier gibt es «Bruch» – aber nicht in dem Sinn, wie man nun vermuten könnte. Denn das, was im Fabrikladen in schlichten 500g Säcken verkauft wird (siehe Bild) ist – von der Genusseite her betrachtet – alles andere als «Bruch». Für kleines Geld verkauft die Fabrik nicht ganz lupenreine Backwaren in Grossgebinden. Das Beste daran aber ist, dass vor jeder Sorte ein Gefäss steht, das zum Probieren einlädt. Meine Empfehlung: Choco-Lune. Da ich den Versuchungen nicht widerstehen kann, bleibt in der Folge dann oft ein gewisser Geldbetrag im Emmental zurück. Nein, ich habe dort keine Aktien.
Ein anderer Pflichtstop ist die Tankstelle von Frieda Stern in Gurtnellen. Die Dame, bei der selbst Gert Fröbe immer wieder vorgefahren ist und sie jeweils mit «Frau Frieda» begrüsst hat, führt ihr Geschäft seit über 50 Jahren. Kreditkarten kann man hier vergessen, nur Bares ist Wahres, leider ist der Kiosk mittlerweile geschlossen – wer aber Zigaretten kaufen will, kriegt immer noch welche. Wie lange der Ort, eine wahre Zeitkapsel, so noch exisiteren wird, ist allerdings fraglich.
Brücken sind ebensolche Orte, an denen ich manchmal nicht einfach vorbei, oder darüberfahren kann. Eine davon liegt auf dem Weg von Kerns nach Flüeli-Ranft. Die gedeckte, relativ kurze Holzbrücke liegt recht unscheinbar in einer leicht hügeligen Landschaft. Wer sich aber die Mühe macht, irgendwo davor oder danach kurz anzuhalten und zu Fuss darüber zu gehen, wird höchst erstaunt feststellen, wie unglaublich tief die Schlucht ist, die das Holzkonstrukt überspannt: Sagenhafte 100 Meter! Die «hohe Brücke» ist die höchste ihrer Art in Europa.
Man soll sich nicht täuschen lassen: Zwischen hier und dort drüben liegt eine 100 Meter tiefe Schlucht, einmal Hinunterschauen ist für mich jedesmal Pflicht.
Apropos Brücke: Gehen wir nochmals zurück ins Reusstal. Noch vor Frau Sterns Tankstelle liegt die Intschireuss-Brücke der alten Gotthardbahn-Bergstrecke. Die doppelte Beton-Kasten-Brücke überspannt die darunterliegende Reuss zwar «nur» in 77 Metern über dem Wasser, doch die Gemeinde hatte den Nerv, als Abkürzung für die Kinder des gegenüberliegenden Weilers zur Bushaltestelle an der Gotthardstrasse zwischen die beiden Betonkasten einen leichten Gitterrost zu montieren. So lässt sich die Reuss auch als Fussgänger quasi im Untergeschoss der Eisenbahnbrücke überqueren, beleuchtet wird das Ganze nur von unten, durch das Gitter hindurch. Wer Höhenangst hat oder schwache Nerven, sollte die Passage lieber unterlassen.
Blick durch das Bodengitter der Intschireuss-Brücke, 77 Meter über dem Wasser
Nicht immer gilt es anzuhalten. Manchmal sind es einfach kleine Schwenker oder Extratouren abseits der eigentlichen Route. Beim Befahren des Simplonpasses vom Wallis nach Italien habe ich mich einst gefragt, wie denn eigentlich die landwirtschaftlichen Fahrzeuge nach Simplon Dorf gelangen, wenn doch die Passtrasse als Nationalstrasse klassiert ist und demnach tabu für den Langsamverkehr? Die Lösung war ein Blick auf Goolge-Maps. Allerdings eröffnete sich die Lösung nicht mit der Strassenkarte, sondern mit dem Betrachten des Luftbildes, wo – ohne als Route markiert zu sein – deutlich ein Weg zu erkennen war. Eine völlig legal befahrbare Strasse führt an Felsen entlang weit in einem Talboden hinein, unter der Hauptstrasse hindurch und quert den Bach sogar in einer Furt – ein kleines Abenteuer. Und dies ist der Weg, den ich seither immer wähle, statt mich zwischen den internationalen Fernverkehr zu zwängen, der weit oben über die Hauptstrassen donnert.
Normalerweise fahre ich hier mit dem Klassiker hoch, zur Not tat es damals auch ein Porsche-Testwagen auf der alten Simplon-Route – oben donnert der Schwerverkehr über die Brücke
Warum ich das hier überhaupt schreibe? Wieder einmal habe ich die kleine Abkürzung genommen, die am Comersee gleich jenseits der Schweizer Grenze das linke mit dem Rechten «Bein» des Sees verbindet. Vom Ort Nesso führt eine windige, enge Bergstrasse zu einer Hochebene, die zwischen den beiden See-Armen liegt. Auf dem Weg dahin gibt es eine Mariengrotte. Selber völlig unreligiös, doch immer wieder von Ritualen und Volksglauben fasziniert, gebietet mir dieser Ort hier anzuhalten. Gut, vielleicht hilft die kurze Pause auch, das Adrenalin wieder etwas herunterzufahren, denn die kurvige Strasse weckt regelmässig den Hooligan in mir: Gas geben, schalten, bremsen, herunterschalten, einlenken, Gas geben… Neulich war ich mit einem Alfa Romeo Stelvio wieder einmal da, leider ein Automat – der mich übrigens recht positiv überrascht hat, sofern ich das hier überhaupt schreiben darf.

































