Vive la différence!
Saisonausklang? Von wegen! Nach intensiven Wochen mit Fotoshoots, Reisen und vielen Erlebnissen habe ich nicht den Eindruck, dass der Sommer vorbei ist und es nun ruhiger wird. Die eher spontane Idee, ein an einer Auktion gekauftes Auto auf eigener Achse von England in die Schweiz zu fahren, bescherte mir den vierten England-Aufenthalt in diesem Jahr. Wie die Sache ausgegangen ist, lesen Sie demnächst hier.
Dann war ich wieder einmal bei den Amis de la Romandie, am British Classic Car Meeting im malerischen Städtchen Saint-Prex – nicht ganz England, aber fast und der Bericht folgt! Die wichtigste Erkenntnis: "Les Romands" sind einfach aus anderem Holz geschnitzt als wir Deutschschweizer. Und wir berichten auf Zwischengas viel zu wenig über diese gefühlten weiteren 50 Prozent der Schweizer Oldtimerszene – wohlgemerkt, obwohl die Romandie nur rund ein Viertel der Schweiz ausmacht. Die Szene jenseits des berühmten "Röstigrabens", der Sprachgrenze zwischen Deutsch und Französisch, ist höchst aktiv und vielfältig. Und während bei uns Bratwurst und Bier den kulinarischen Höhepunkt bilden, gibt es "chez les Romands" den Apéro.
In Saint-Prex, offeriert von der British Automobile Society, hiess das: viel Weisswein, Käse, Fleischpastete und Vin Mousseux. Oder Gugelhupf mit Speck und noch mehr Champagne bei Freunden. Dazu freundliche Gespräche in einer Mischung aus Französisch von unserer Seite und Deutsch seitens unserer welschen Oldtimerfreunde. In solchen Momenten wird einem wieder klar, dass unser kleines Land ein kultureller Schmelztiegel ist, der die frankophone und die germanophone Welt zusammenbringt – und, wichtig, miteinander verschmilzt.
Wer sich fragt, warum sich Schweizer Automobilthemen anders anfühlen als deutsche oder österreichische, findet die Antwort nicht nur darin, dass wir Eidgenossen keine nennenswerte Autoindustrie zustande gebracht haben. Es ist vor allem der französische Einfluss. Und der ist leicht erklärt: Der Automobilismus kam in der Schweiz ganz klar über unsere Minderheit, die Romands, von Westen nach Osten. In der Frühzeit des Automobils, als das "Konkordat der Kantone" den Autoverkehr erstmals regelte, war die Hälfte aller Automobile der Schweiz in einer einzigen Stadt zu finden: in Genf, der westlichsten Stadt des Landes. Später strömten auch die jährlichen Neuheiten über Genf ins Land, an den Automobilsalon. Zudem hatten die meisten wichtigen Marken ihren Schweizer Sitz in Genf.
Wer die Schweizer Eigenart verstehen will, die sich auch im Umgang mit historischen Automobilen zeigt, sollte sich dessen bewusst sein. Über Automobile zu sprechen und zu schreiben, war hierzulande immer auch eine Frage der Französischkenntnisse – und der Bereitschaft, zwei kulturelle Prägungen zu akzeptieren, die das Land in sich vereint.
Heute ist der Salon Geschichte, und ausser Mazda und Honda (immerhin) hat kein namhafter Importeur mehr seinen Sitz in Genf. Die Schweizer Automobilwelt ist deutscher geworden. Umso schöner, dass sich unsere Romands bei den Klassikern umso deutlicher ins Zeug legen – nicht als Minderheit, sondern als wunderbare Alternative. Ganz nach dem Motto: "Vive la différence!" – es lebe der Unterschied!


























