Alles Plastik! Tudor Rose – Billigspielzeug von damals!
Ist es ein Bekenntnis des eigenen Versagens, wenn man einmal mehr zugeben muss, schwach geworden zu sein? Vermutlich schon. Insgeheim freut man sich aber doch, wenn die Sammlung um ein rares Stück wächst – vor allem, wenn man gar nicht danach gesucht hat.
Für Sammler sind Auktionsplattformen, was der Supermarkt für den Alkoholiker ist: Man sollte sie meiden und landet trotzdem immer wieder dort. Die Suchbegriffe sind klar – irgendetwas mit „alt“, „Vintage“, „gebraucht“ oder „antik“, dazu die Kategorien „Modellbau“ und „Modellbahn“. Meistens kann ich mich zurückhalten und lege interessante Stücke einfach unter „Merken“ ab. So habe ich sie wenigstens beisammen und das Gefühl, ein wenig gesammelt zu haben, ohne Geld auszugeben.
Neulich aber staunte ich: Eine Auktion auf Ricardo ging ohne ein einziges Gebot zu Ende. Angeboten war ein Jaguar XK140 in etwa 1:20, samt Originalverpackung. Hergestellt hatte ihn Tudor Rose – eine Marke, die kaum jemand mehr kennt.
Da wurde ich schwach. Nach Auktionsende schrieb ich dem Anbieter eine Nachricht und kaufte das Modell über „Preis vorschlagen“. Ich war so fair und bot ihm den Ausrufpreis – genau den Betrag, zu dem er die Auktion eröffnen wollte.
Boxe und Inhalt sind in erstaunlichem Zustand für ein relativ billiges Spielzeug, ich nenne diese oft "Grosseltern-Spiezeug", das man nur dann hervorgenommen hat, wenn die Enkel zu Besuch waren
Rosen aus Plastik
Hinter Tudor Rose stand Rosedale Associated Manufacturers. Der Sitz war in London, produziert wurde vor allem im walisischen Treforest, wo ab 1936 Kunststoff verarbeitet wurde – also wie bei Mettoy, das seine Corgi Toys in Swansea baute, in Wales. Nach dem Krieg kam ein Werk in Cinderford am Rand des Forest of Dean dazu. Zuerst entstanden Kämme, Knöpfe und Haarschmuck, ab den frühen 1950er-Jahren war Spielzeug das Hauptgeschäft: zuerst hohle Fahrzeuge aus Hartplastik, später weichere Modelle aus Polyethylen. Es gab einen Routemaster-Bus mit Friktionsantrieb, Lastwagen, VW-Busse, Oldtimer wie Ford Model T und Morris „Bullnose“, Züge, Puppen und Weltraumspielzeug. Ein Kranlastwagen steht heute sogar im Victoria and Albert Museum in London.
Ein Katalogblatt von 1956 – © brightontoymuseum.co.uk
Verkauft wurde billig und in grossen Mengen bei Woolworths – Ende der 1960er-Jahre ging rund drei Viertel der Produktion an diese Warenhauskette, aber diese Abhängigkeit rächte sich, denn Anfang der 1970er-Jahre überschwemmte die britische Kronkolonie Hong-Kong den Spielzeugmarkt mit ähnlichen Produkten zu wesentlich günstigeren Preisen und das Billigwarenhaus füllte fortan seine Gestelle mit Ware aus Fernost: 1975 kam die Firma unter Zwangsverwaltung, und als Mettoy sie 1978 kaufte, wurde schon kein Spielzeug mehr hergestellt. Geblieben sind leichte, oft verblichene Plastikautos, die gelegentlich auf Flohmärkten auftauchen. Mit Originalverpackung aber sind sie selten.
Motor vorne, die Schwungmasse besteht aus Zamak! Und ja, es gibt einen Riss, aber das ist beim Gesamtzustand zu verkraften
Ein Jaguar mit Frontantrieb
Kinder sehen die Dinge nicht ganz so eng. Dass der Tudor-Rose-Jaguar, vermutlich etwa zeitgleich mit dem grossen Original erschienen, seinen Schwungradmotor an der Vorderachse trägt, dürfte keinen gestört haben. Der Motor sitzt ja auch beim Vorbild vorne, oder? Der Grund war wohl schlicht der Platz.
Dass zu einem eher billigen Plastikauto auch noch die Schachtel überlebt hat, ist ein grosses Glück. Der Sonne darf ich aber weder Box noch Modell aussetzen: Polyethylen ist nicht UV-beständig, der Weichmacher verflüchtigt sich, erste Risse zeichnen sich ab und rot war noch nie eine besonders lichtechte Farbe, die Front des Jaag ist ausgebleicht. Für mich ist es trotzdem ein schöner Fund, der einen Ehrenplatz bekommt. Und die „Merken“-Liste? Die wächst weiter.


























