Das längere Leben nach dem Tod!
Fast in jedem Haushalt ist so ein Objekt zu finden: am häufigsten vermutlich eine Keksdose oder eine alte Waschmitteltrommel, die in ihrer neuen Verwendung ihren ursprünglichen Zweck und ihre vorgesehene Lebenszeit um ein Vielfaches überlebt haben – die also quasi ein zweites Leben erhalten haben. Das gibt es auch bei Autos – Modelle, die nach Ende ihres geplanten Modellzyklus als Lizenzbau „nach unten durchgereicht“ worden sind und über viele Jahre weitergebaut wurden. Manche haben sogar den ursprünglichen Hersteller überlebt.
Einen offiziellen Rekord für das längste Leben nach dem Tod gibt es zwar nicht. Die Kandidaten für eine entsprechende Liste sind aber erstaunlich.
Der Rekordhalter: ein Engländer in Indien
Bei Morris in Cowley lief die Oxford-Limousine der Serie III nur von 1956 bis 1959 vom Band. Dann war in UK bereits Schluss, die Ablösung wartete in Form der von Pininfarina gezeichneten Limousine. In Indien fing aber die Karriere erst an. Hindustan Motors hatte sich die Rechte gesichert, die Pressen für die Karosserie wurden aus England verschifft, und in Uttarpara bei Kalkutta entstand daraus der Hindustan Ambassador. Er wurde zum Dienstwagen der Regierung, zum Taxi und zum indischen Klassiker schlechthin. Im Lauf der Jahrzehnte erhielt er zwar neue Motoren, zuletzt auch einen 1,8-Liter von Isuzu. Doch die rundliche Karosserie aus den Fünfzigerjahren blieb ihm zeitlebens erhalten.
Erst im Mai 2014 stellte Hindustan die Produktion ein, wegen zuletzt ständig sinkender Nachfrage und zunehmender finanzieller Probleme. Der Wagen überlebte sein Original um 55 Jahre.
Der Herausforderer: Seven bleibt Seven
Der Rekord des Ambassadors wird wohl bald fallen. 1973 wollte Lotus das Image des Bausatzherstellers loswerden und den Seven aufgeben. Graham Nearn, Händler in Caterham südlich von London, besiegelte im Mai 1973 mit Colin Chapman per Handschlag in einem Pub die Übernahme von wenigen Werkzeugen, einigen Motoren und hauptsächlich den exklusiven Rechten für den Seven. Schon im Juni lief die Produktion an, zunächst mit der Series 4. Nach nur 38 Exemplaren kehrte Caterham aber zur klassischen Series 3 zurück.
Gebaut wird der Seven bis heute, seit 1987 nicht mehr in Caterham, sondern in Dartford. Das sind 53 Jahre. Und es werden noch einige mehr. Wenn alles gut geht, zieht der Caterham 2028 am Ambassador vorbei. Ein Purist mag einwenden, dass am heutigen Seven kein einziges Teil mehr dem Lotus-Original entspricht. Die Idee aber ist dieselbe geblieben.
Der letzte Flat-Fender-Jeep
Schon 1947 sicherte sich Mahindra & Mahindra die Lizenz zum Bau des Willys-Jeeps. Aus der Montage von Bausätzen wurde bald eine eigene Fertigung, vor allem des CJ-3B. In Amerika lief dieser Jeep Mitte der Sechzigerjahre aus, die Angaben schwanken zwischen 1964 und 1968.
In Indien entwickelte ihn Mahindra über Jahrzehnte weiter, bis zum Mahindra Major. Als dieser am 1. Oktober 2010, also 42 oder 46 Jahre nach dem Ende des Originals, eingestellt wurde, galt er als letzter Jeep mit den charakteristischen flachen Kotflügeln weltweit.
Avanti: ein Coupé, fünf Besitzer
Studebaker baute den Avanti nur von Juni 1962 bis Dezember 1963, rund 4600 Stück. Dann schloss das Werk in South Bend, und zwei lokale Studebaker-Händler kauften Namen, Werkzeuge und Fabrikfläche. Als Avanti II lebte das Coupé weiter, nun mit Chevrolet-V8.
Die Geschichte verlief holprig: In South Bend wurde bis 1987 gebaut, danach in Youngstown bis 1991, nach einer Pause in Villa Rica (Georgia) und zuletzt kurz im mexikanischen Cancún. Insgesamt wechselte die Marke fünfmal den Besitzer. Im März 2006 war endgültig Schluss, der letzte Eigentümer wurde später wegen Betrugs verhaftet. Zwischen dem letzten Studebaker-Avanti und dem letzten Avanti überhaupt liegen damit 42 Jahre.
Der Fiat, der Russe wurde
Aus Turin rollte der Fiat 124 nur von 1966 bis 1974 in die Welt hinaus. Im russischen Togliatti dagegen rollte im April 1970 der erste VAZ-2101 vom Band. Er war eine angepasste Lizenzkopie des 124 und der Beginn einer der grössten Erfolgsgeschichten der Autoindustrie.
Die Fiat-124-Ableger gelten nach Käfer und Ford Model T als drittmeistverkauftes Modell eines einzigen Typs.
Der Lada lief als 2107 in Russland letztmals im September 2012 vom Band, zuletzt im Werk Ischewsk, in Ägypten sogar bis 2015. Das sind 38 beziehungsweise 41 Jahre nach dem Ende in Italien. Ehrlicherweise muss man sagen: Mit seiner kantigen Karosserie hatte der 2107 äusserlich nicht mehr viel mit dem 124 gemein. Unter dem Blech aber steckte noch die Grundkonstruktion des alten 124ers aus Turin.
Ein Auto? Lächerlich!
Den Spitzenplatz in diesem Ranking aber würde, so es denn dazugezählt würde, ein Motorrad einnehmen: die Enfield Bullet. Sie wurde in England erstmals 1932 lanciert und ständig weiterentwickelt.
1952 bestellte die indische Armee die Bullet, ab 1955 wurde sie in Indien gebaut. Mit dem Niedergang der britischen Zweiradindustrie endete die Produktion im Stammland 1962, 1967 schloss das Werk in Redditch. Seither wird die Bullet allein in Chennai weitergebaut – 64 Jahre nach dem Ende in UK. Und mehr noch: Mit 94 Jahren ist die Bullet auch das am längsten kontinuierlich gebaute Motorrad der Welt! Respekt!


























