Auf Nebenstrassen durch die Automobilgeschichte (8): Die Tyrannei der Chauffeure
Es ist doch so: Die schönsten, interessantesten und manchmal auch schrägsten Entdeckungen macht man immer auf Nebenstrassen. Das gilt auch für die Nebenstrassen der Automobil- Geschichte.
Tristan Bernard, der erfolgreiche Dramatiker und Autor, der in grossbürgerlichen Häusern verkehrte, macht sich 1909 in einem Artikel lustig über die Tyrannei, welche die Chauffeure, “diese hohen Persönlichkeiten”, über ihre Herrschaft ausüben, welche keine Ahnung von Autotechnik hat.
Früher war es die Amme, welche mit ihrer Allmacht das friedliche Innenleben eines bürgerlichen Haushalts störte. Heute ist der Chauffeur-Mechaniker der neue Tyrann der Familien. Die Fürsorglichkeit, mit welcher man mit einer Amme spricht, um ihre Milch nicht zu schädigen, hat durchaus Ähnlichkeit mit der scheuen Unterwürfigkeit, welche man gegenüber diesem neuen familiären Gott, dem Mechaniker, an den Tag legt.
Für den Selbstfahrer, welcher die Technik kennt, verliert der angestellte Mechaniker viel von seiner Bedeutung. Er ist dann nur noch wie eine ausgetrocknete Amme, die leicht zu ersetzen ist. Aber fährt der Besitzer nicht selbst, ist es nur der Mechaniker, der bei Problemen den mysteriösen Motor befragen kann wie die Eingeweide eines heiligen Tiers.
Und vor allem im Fall von Ferienreisen wird er zu einer wichtigen Persönlichkeit der Familie. Er ist es, der das Tagesprogramm bestimmt, er entscheidet über Ausflüge und deren Dauer. Einige Fachausdrücke wie “Zündzeitpunkt verschieben” oder “Kerze ersetzen” verwendet er gegenüber dem Hausherrn mit Autorität, der sie wiederum seinen Gästen mit gewichtigem Kopfnicken übermittelt.
Für einen Gast ist es besonders schwierig, mit dem Mechaniker in Kontakt zu kommen. Er macht schüchterne Gesprächsversuche. Er kreist unauffällig um den Wagen, den der junge, unzugängliche Mechaniker mit seinen meist speziellen Vornamen wie Anselme oder Donatien wäscht. Manchmal geht der Gast aufs Ganze und stellt eine scheue Frage: “Sind sie zufrieden mit den Reifen?” oder “Wie schnell ist der Wagen auf der Geraden?”. Der Mechaniker beschränkt sich auf eine nackte Zahl. Wenn er eine sehr gute Laune hat, spricht er sogar. Was für ein Gefühl! Der Gast spitzt die Ohren und hört sich alles mit Interesse an, ob Dinge, die er kennt oder solche, die er nie verstehen wird.
Dass er ein solches Gespräch führen konnte, gibt dem Gast ein Überlegenheitsgefühl gegenüber den andern Gästen, ja sogar gegenüber dem Besitzer, der seinen Neid nicht ganz verbergen kann. Wenn der Gast bei einer Ausfahrt vorne sitzen kann, wirft man ihm vor, mit dem Chauffeur gesprochen zu haben.
Eines der höchsten Gefühle für den Beifahrer ist, wenn er den Auftrag bekommt, bei gefährlichen Stellen zu hupen. Ich konnte einmal die kindliche Freude eines Untersuchungsrichters von 55 Jahren miterleben, der diese Aufgabe bekam: Was für eine Befriedigung, wenn er auf flacher, gerader Strecke weit vorne einen schwarzen Punkt in Form eines Gespanns oder eines Vagabunden erblickte.
Die Fanfare ertönte. Wenn er aber die Hupe zu schnell drückte, erklang nur ein heiseres “Couac”, das den Mann vor Scham erröten liess.
Die beinahe göttliche Macht des Chauffeur-Mechanikers offenbart sich am eindrücklichsten bei Pannen. Der Wagen hält an. Er steigt aus. Niemand wagt, etwas zu fragen. Ist es ein unbedeutender Halt? Oder ein gravierendes Problem? Der Chauffeur verzieht keine Miene. Man weiss nicht recht, ob man aussteigen soll.
Ohne ein Wort zieht er sich eine blaue Weste über. Da verstehen alle, dass es eine längere Sache sein wird. Man steigt schweigend aus und entfernt sich etwas, um sich über das Mysterium zu unterhalten, während der Meister, auf dem Rücken liegend, Kopf und Oberkörper unter dem Wagen, aussieht, wie wenn er von dem monströsen Tier gesäugt würde.
Erst nach längerer Zeit wird der Besitzer oder ein Gast, der den Kontakt gefunden hat, für Erkundigungen delegiert. Und wenn die Panne ernst ist, wenn man zu Fuss ins nächste Dorf gelangt ist, wenn man Hilfe gefunden hat, um den Wagen zum Dorfschmied zu bringen und wenn die Mitreisenden mit Pferdewagen und Eisenbahn repatriiert sind, bleibt nichts anderes übrig, als zu Hause auf die Rückkehr des Mechanikers zu warten. Vielleicht dauert das einen Tag, vielleicht zwei Tage oder eine Woche. Man ist keineswegs erleichtert, diesen Despoten los geworden zu sein. Man fürchtet ihn, aber man braucht seine Kenntnisse.
Ausfahren kann man vorderhand nicht mehr, man hat seine Pferde entlassen. Und zu Fuss? Was für eine Qual! Das Haus, um sein Automobil gebracht, von der Welt abgeschnitten, gleicht einer belagerten Stadt.
Der Text erschien in einer medizinischen Zeitschrift. Wieviel in dieser ironischen Darstellung Realität ist, wieviel Übertreibung, lässt sich heute nicht mehr sagen. Aber klar ist: Die neuen Freiheiten, die neuen Möglichkeiten, welche das Automobil damals bot, waren in den Anfängen nicht ohne gewisse Schattenseiten zu geniessen …


























