Eine Frage des Fahrverhaltens oder des Stils – oder von beidem
Zugegeben, ich bin da manchmal etwas heikel: Moderne Reifen auf einem klassischen Auto sind mir meistens ein Gräuel. Besonders falsche Reifenformate mit niedriegeren Querschnitten und Felgen mit mehr Einpresstiefen und dergleichen haben bei mir selten eine Chance. Dasselbe gilt für Weisswandreifen auf Autos, die aus einer Zeit stammen in der selbst die letzten übriggebliebenen Vertreter der 1950er und 1960er-Jahre kaum noch damit anzutreffen waren – den 70er oder gar 80er-Jahren. Eine besondere Allergie besitze ich zudem gegenüber Nutzfahrzeugen mit Weisswandreifen – wie dem VW-Transporter mit diesen weissen Gamaschen über seinen «Füssen». Sie nehmen den Autos die Würde. Auch bei Sportwagen finde ich diese «Pneu» oft deplaziert. Allerdings gehörten «Whitewalls» besonders bei Autos für den US-Markt noch zu Beginn der 1960er-Jahre zur Grundausstattung, so etwa beim Jaguar E-Type – pardon – beim XKE wie er drüben hiess. Und ja, Speichenfelgen auf Autos, die nie welche ab Werk hatten, gehören in dieselbe Kategorie.
Ein guter Kompromiss: American Classic Weisswand-Radialreifen im Diagonal-Look
Allerdings gibt es, wie so oft, auch Ausnahmen. Denn eines ist sicher: Moderne Reifen sind in jeder einzelnen Disziplin besser als Vertreter älterer Baumuster, selbst wenn der historische Reifen nagelneu ist. Besonders deutlich wird dies beim Vergleich von Diagonal- mit Radialreifen. Letztere haben einen geringeren Rollwiderstand, bremsen sehr viel besser, halten besser in der Kurve und sind dauerhafter, da sie sich weniger erhitzen und das Profil besser auf der Strasse abrollt. Aber eben, die meisten Radialreifen sehen auch entsprechend aus – wie ein Radialreifen. Es gibt nur wenige Ausnahmen aus den USA, wo Radials im «Bias-Look» erhältlich sind – zu einem entsprechenden Preis. Ihr Vorteil ist der authentische Look – eben, wie ein Diagonalreifen – mit den Eigenschaften eines Gürtelreifens. Bei meinem DeSoto lagen Welten zwischen den alten BF Goodrich vom Format 7.60 / 15 und deren Ersatz von American Classics im selben Format. Dies fängt beim Abrollgeräusch an und hört beim reduzierten Benzinverbrauch auf. Es wäre wünschenswert, wenn es mehr klassische Reifen- und Profildesigns mit einem modernen Unterbau auf dem Markt gäbe.
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Jaguar XJ im Test der Automobil Revue 1969. Orginalgetreue, aber neue Radialreifen zeigen gegenüber einer modernen Reifenkonstruktion gewisse Schwächen. Der Vergleich, wäre ein moderes Pendant verfügbar, wäre interessant.
«Kein Problem, es gibt ja auch Autos, bei denen Gürtelreifen von Anfang an Serie waren», das stimmt, doch in einigen Fällen erscheint mir auch dies etwas kompromissbehaftet. Dies gilt etwa für die Michelin XWX im Format 215/70 R15 wie sie bei Jaguar auf dem XJ und XJ-S üblich waren. Es ist schön, dass diese von Michelin noch angeboten werden – hergestellt in Serbien vermutlich mit den alten Formen. Und wer Wert auf den absolut authentischen Look legt, tut gut daran, sich solche zu besorgen. Doch der Reifen ist relativ laut im Abrollgeräusch und auch nicht besonders haltbar, wenn man sein Auto regelmässig bewegt oder gar längere Reisen damit unternehmen will. Leider ist der Michelin neben dem Pirelli im selben Format der einzige «Pnö», der sowohl zeitgenössisch korrekt wie auch technisch sinnvol für den Wagen ist. Es gibt zwar Alternativen wie die in vielerlei Formaten verfügbaren Vredestein Sprint Classic, aber dafür konnte ich mich bisher noch nicht erwärmen. Doch wer weiss.
Ja, Reifen sind es wert, sich dazu einige Gedanken zu machen. Vor einigen Jahren ist mir ein Teilnehmer eines Concours d'Elegance begegnet, der mit Stolz behauptete, dass sein italienisches Kleinseriencoupé auf Fiat 600-Basis noch immer die Reifen trage, wie sie bei der Premiere in Genf damals aufgezogen waren, das war 1959...
































