Auf Nebenstrassen durch die Automobilgeschichte (5): Die Wohltaten der Abgase
Es ist doch so: Die schönsten, interessantesten und manchmal auch schrägsten Entdeckungen macht man immer auf Nebenstrassen. Das gilt auch für die Nebenstrassen der Automobil-Geschichte.
Nach einem französischen Zeitungsbericht aus dem Jahr 1910:
Es ist noch nicht sehr lange her: Wenn Ihr Wagen in Paris ein wenig rauchte, näherte sich mit strenger Miene ein Polizist, registrierte Sie, und schon landeten Sie zwei Tage im Gefängnis. Das konnte zum Beispiel neben einer Métro-Baustelle passieren, wo eine Lokomotive schwarze, fette Wolken ausstösst, oder auf dem Pont de l'Europe, wo Baumaschinen Wirbel von schwarzem, klebrigem Rauch in die Luft steigen lassen. Sämtliche Abgase sind zulässig, ausser denen der Automobile.
Heute steckt man uns zwar nicht mehr ins Gefängnis, man hält uns nur noch an. Was für ein Fortschritt! Da wäre es gut, wenn Monsieur Lépine, der diese Weisungen verantwortet, mal eine der letzten Ausgaben des englischen «Daily Mirror» lesen würde. Er würde dann feststellen, dass man in London die Abgase als antiseptisch, hygienisch und luftreinigend einstuft. Es heisst da:
«Die Fliegen, die Insekten und die schädlichen Mikroorganismen werden dank der zunehmenden Autoabgase zu Millionen vernichtet. Bei einem Meeting der Salmon and Trout Association (Lachs und Forellen-Vereinigung), wo man sich mit den Fliegen für die Fischerei befasst, erklärte Lord Desborough, dass am Parliament Square wegen des dichten Verkehrs die Insekten vollständig verschwunden sind.»
Einer der angesehensten Chemiker von London erklärte, die Abgase von Autobus und Auto seien ein wirksames Insektizid. Da sie von Karbon-Natur sind, reinigen sie die Luft von Keimen und anderen Verunreinigungen. Die Londoner betrachteten die Abgase immer als Belästigung. In Tat und Wahrheit sind sie sehr positiv für die Gesundheit. Einem Früchtehändler zum Beispiel ist dieses Jahr auf dem Markt aufgefallen, dass sich auf seiner Auslage viel weniger Fliegen tummeln. Es lebe also der Duft des Petrols!
Monsieur Lépine hat Unrecht, die Abgase zu ächten, hygienisch gesprochen. Hygieniker, kommt den Autofahrern zu Hilfe! Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, könnte die medizinische Akademie ohne Hemmungen gewissen Autobussen die Goldmedaille über-reichen. Ab jetzt wird es sehr chic, von jemandem zu sagen: «Er tötet 24 Fliegen auf einen Schlag.» Oder anders gesagt: «Er fährt einen 24-Pferder.» Man muss es nur richtig verstehen.
Da schütteln heute wohl nicht nur Klimakleber und Artenschützer den Kopf ...


























