Pflaster an Bord!
Er führt ein düsteres Leben, der Verbandkasten, auch Erste-Hilfe-Kasten oder Auto-Apotheke genannt. Meist liegt er im Kofferraum oder unten den Sitzen, leicht zugänglich ist er nur selten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er immer dicker wurde, weil immer mehr in ihn hineingehört: Neben Pflastern und Wundkompressen auch Mullbinden und Brand-Verbandpäckchen, Mundschutztücher, Handschuhe und Gesichtsmasken.
Was genau drin sein muss definiert in Deutschland die DIN 13164 und in Österreich die ÖNORM V 5101. In der Schweiz besteht keine Verbandkasten-Pflicht, aber eine Pflicht zur Ersten Hilfe für verletzte Personen. Insofern wird eine Auto-Apotheke empfohlen, aber ihr Inhalt ist nicht festgelegt, sondern orientiert sich an den gängigen Normen. Nicht verpflichtend ist der Kasten beispielsweise auch in Italien, Spanien oder Frankreich. Dass er überall gebraucht wird, dürfte aber anerkannt sein.
Die Idee zu speziellen Erste-Hilfe-Kästen für Kraftfahrzeuge kam bereits vor 100 Jahren auf. Es gab immer mehr Autos und immer mehr Unfälle mit Verletzten – aber keinen Rettungsdienst wie heute. Nach dem Weltkrieg entwickelten in Deutschland die Berufsgenossenschaften dann einen Einheitsverbandkasten der gern im Auto mitgeführt wurde. Sein Inhalt war ähnlich wie heute, teilweise aber mehr auf Arbeitsunfälle ausgerichtet.
So gehörte etwa ein lederner Fingerling zum Umfang, mit Kramer-Schienen und Spitalwatte zum Polstern konnten sich Laien im Fixieren gebrochener Gliedmaßen üben, Splitterpinzetten und Jod durften ebenfalls nicht fehlen. Wer heftig vor den Kopf bekommen oder zu viel Blut gesehen hatte, den erweckten Riechampullen mit Ammoniak aus der Bewusstlosigkeit.
Erst 1972 wurde der Verbandkasten dann Pflicht in Deutschland. Was drin sein muss hat sich über die Jahre immer mehr den Bedürfnissen im Straßenverkehr angepasst. So gab es in den 1970er-Jahren zusätzlich Mundschutztücher, um die Mund-zu-Mund-Beatmung hygienischer zu machen. Einmalhandschuhe kamen in den 1980ern ins Programm, als Aids ein Thema wurde. Und 2022 sorgte die Corona-Pandemie dafür, dass der Normenausschuss „Medizin“ im Deutschen Institut für Normung Gesichtsmasken einführen liess. Dünner wird der Verbandkasten nicht mehr.




























