Kleine Wunder
Ich habe sie damals eigentlich nicht gross beachtet, die Modellautos für die Eisenbahn. Der Marktführer in den frühen 1980er-Jahren war eindeutig Wiking. Dort, wo ich meine Nase an den Schaufenstern plattdrückte, gab es kaum etwas anderes zu kaufen.
Wie bereits beim Blog meines Kollegen Gerhard Schütz sehr deutlich zum Ausdruck kommt, war Geld ein sehr hoch gehaltenes, heiliges Gut, das äusserst weise investiert werden wollte. Bei mir war das genauso. Dasselbe für ein kleines Plastikauto zu bezahlen wie für ein Druckguss-Modell von Matchbox oder Corgi Toys, damit tat ich mir extrem schwer. Zudem fand ich bereits damals, dass "mehr" auch besser sei. Und mehr Gewicht in der Hand war in jedem Fall besser als diese Leichtgewichte zum Apothekerpreis.
Doch dann, in meinen Jahren als Teenager, änderte sich sehr viel an der Modellauto-Front. Die klassischen Hersteller gingen unter: Dinky, Corgi und Matchbox gingen in Konkurs, und schon zuvor war da kaum mehr etwas von Interesse in der ständig noch billiger produzierten Modellpalette zu finden. Dafür traten andere Hersteller auf den Plan, und mit ihnen eine neue Form von Laden: der Spezialist für Modellautos. Hier begegneten mir beispielsweise erstmals die moderat eingepreisten Mercedes 170V des portugiesischen Herstellers Vitesse. Da lagen sogar die Aussenspiegel zum Kleben mit dabei, oder die schweren Kleinserienmodelle von Somerville oder Brooklin – richtige Modellautos, keine Spielzeuge mehr. Und beim Modellbahnhändler tat sich eine kleine Revolution auf.
1987 präsentierte Herpa ein Modell des Ferrari Testarossa in 1:87 mit zu öffnendem Motorraum. Ich war hin und weg und genauso hin und hergerissen, denn dieser Winzling war nun wirklich teuer – rund 9 Mark, vermutlich mehr als 10 CHF – und entsprach so ganz und gar nicht meinem Preisgefühl, der Relation von Preis und schierer Masse, die man dafür bekam.
Allzu lange zum Überlegen gab es damals aber nicht, denn der nächste Paukenschlag des 1978 erstmals mit einem Opel Ascona Kombi in Erscheinung getretenen Unternehmens aus Dietenhofen in der Nähe der Spielzeugstadt Nürnberg folgte sogleich: Beim Ferrari F40, vorgestellt an der Spielwarenmesse Nürnberg im Frühling 1989, liess sich neben der Motorhaube auch die Front hochklappen. Vom Testarossa hatte Herpa zu diesem Zeitpunkt bereits weit mehr als eine Viertelmillion Exemplare verkauft. Rund 30'000 Modellautos produzierte Herpa damals – pro Tag!
Nun, es hat etwas gedauert, bis ich endlich in den Genuss dieser echten Highlights der Modellbaukunst der späten 1980er-Jahre gekommen bin. Sie waren, wie sehr oft bei meinen kleineren Modellen, Beifang. Und jedes Mal, wenn ich wieder eines davon zur Hand nehme, erinnere ich mich an die Begeisterung von damals, die ein solcher Winzling auslösen konnte. Heute erscheinen neue Modelle, besonders im Hotwheels-Massstab 1:64, fast im Wochentakt – auch sie sehr oft absolut grossartig –, aber da habe ich die Übersicht längst verloren.
Übrigens: Was die digitale Welt mir bei der Vorbereitung dieses kleinen Blogs nicht verraten mochte, liess sich aus unserem Fundus an gescannten Zeitschriften, quasi aus analoger Quelle zusammentragen. Die AMS Nummer 20 von 1988 lieferte Hintergrundwissen, das mir weder irgend eine KI noch eine verteifte Websuche bieten konnte. Etwas zu stöbern lohnt sich!


























