Lasst den Gamma in Frieden!
Macht die Renaissance eines alten Modellnamens wirklich Sinn? Neue, junge Kunden können sich an das alte Modell nicht erinnern. Und alte Kunden werden möglicherweise bitter enttäuscht sein, wenn der Nachfolger so ganz aus der Art schlägt. Das bringt also im Grunde nichts. Man denke nur an den alten und neuen Ford Capri. Oder an den neuen und alten Opel GT. Da ist der Spott in den Fachkreisen quasi schon programmiert, statt einen historischen Namen in Ruhe zu lassen. Trotzdem versucht es Lancia jetzt mit einer Neuauflage des Namens Gamma. Und hängt das Modell gleich weit oben auf: Man interpretiere damit die Markenwerte neu, es sei ein moderner Ausdruck italienischer Eleganz, stehe für technologische Innovation und Effizienz. Ist das Selbstvertrauen oder Pfeiffen im Sturm?
Man muss 50 Jahre zurückschauen, um den letzten Gamma nochmal vor das geistige Auge zu holen. Und ersparen uns den Blick mehr als 100 Jahre zurück, als der allererste Gamma gebaut wurde. Also zurück zum 1970er-Modell. Selbst damit scheiden schon mal alle Menschen unter 60 als Erinnerungskäufer aus. Der Gamma war ein gehobenes Mittelklasse-Modell als Schräghecklimousine und als gerühmtes Coupé. Aus der Feder von Pininfarina-Star Aldo Bravarone, dem man auch den Dino 206/246 zu verdanken hat. Beides sind heute keine Karosserievarianten, die aktuell auf dem Markt gefragt wären. Und daher ist der neue Gamma nichts dergleichen, sondern ein SUV. Pardon, ein «Crossover mit der Silhouette eines Fastback», so versucht sich Lancia aus der Affäre zu stehlen. Also doch ein Schrägheck. Ein SUV mit Schrägheck.
Der alte Gamma war eine reine Lancia-Entwicklung, obwohl die Marke damals bereits zu Fiat gehörte. Offenbar liess man diese Freiheit abseits der Konzern-Synergien zu. Das ist heute nicht mehr der Fall. Der neue Gamma basiert auf der STLA-Medium-Plattform von Multimarken-Konzern Stellantis. Das ist ein E-Konzept, auf der Opel, Jeep, Peugeot und Fiat so ziemlich alles aufbauen können, was sie vermarkten möchten. Folgerichtig soll es mehrere Elektromodelle und einen Hybrid geben. Beim Vorgänger waren Vergasermotoren im Spiel, die seinerzeit für Unmut sorgten.
Das war unter anderem ein Grund für den eher mässigen Absatz. Wir erinnern uns, dass der Gamma nicht zu den Bestsellern gehörte. Rund 22‘000 Exemplare in sieben Jahren sind selbst für eine spezielle Marke wie Lancia eher ein Flop, zumal rund 6800 Coupés direkt bei Pininfarina hergestellt wurden. Mit dieser Absatzzahl dürfte Roberta Zerbi, Lancia-Verantwortlich bei Stellantis, nicht vor die Geschäftsführung treten. Allerdings soll der Gamma nur dort eingeführt werden, wo Lancia aktuell bereits verkauft wird: Italien, Frankreich, Spanien, Portugal, Niederlande, Belgien und Luxemburg. Nun sind Benelux und Portugal keine Riesenmärkte, allenfalls Italien und Frankreich versprechen Stückzahlen. In grösseren oder anspruchsvollen Märkten wie Schweiz und Deutschland ist vorerst kein Verkauf angestrebt. Von Selbstvertrauen zeugt das nicht. Vielleicht wäre ein neuer Name doch besser gewesen oder andersherum: Lasst doch den alten Gamma in Ruhe!


























