Der Konjunktiv der guten Gelegenheiten
Hätte, sollte, würde, wäre – der Konjunktiv und das klassische Fahrzeug sorgten in meiner Vergangenheit schon manches Mal für diese – nennen wir sie: "Momente".
Neulich, beim Bearbeiten unseres Beitrags zum Riley Two-Point-Six, dem Nachfolger des Pathfinders, erinnerte ich mich daran, wie damals, wohl Mitte der 1990er bei der Garage Koch, einer Opel-Vertretung im Luzernerischen Ebikon, auf dem Grünstreifen vor dem Garagenbetrieb ein schwarzes Auto mit Weisswandreifen stand. Ein Riley Pathfinder im Originalzustand. Der Preis: 7500 Franken oder damals etwa 7000 Mark. Dafür hätte es ein Auto mit 112-PS-Vierzylindermotor gegeben, dazu Lederausstattung und Rechtslenkung.
Ich dachte damals ernsthaft daran, meine DS 23IE für den Wagen zu verkaufen, der Riley wirkte unglaublich schick in seinem Anflug von Lancia-Aurelia-Design. Ich aber schreckte allerdings – noch eine ganze Weile vor dem Zeitalter des Internets – vor der Teilesuche zurück und liess es bleiben.
Auch ein Volkswagen T1 von 1957, angeboten von einer Destillerie im Kanton Schwyz, liess ich – etwa zur selben Zeit wie den Riley – für den aufgerufenen Preis von 400 Franken (!) stehen, der Wagen hatte mir zu viel Rost. Das Heizrohr war abgerostet weil Feuchtigkeit unter die Wärmeisolation gedrungen war. Wenn ich daran denke, aus welchen Ruinen heute Bullis neu aufgebaut werden ...
Einen 1963er Kombi, Ex-Schweizer Armee Funkwagen mit knusprigen Schwellern, habe ich dann für 300 Franken von einem Landgasthof gekauft und mit einem Freund gegen einen belgischen, in Forest gebauten Citroën 2CV von 1959 getauscht, diesen wiederum für 1700 Franken dem damaligen Präsidenten des kroatischen 2CV-Clubs – er war Taxifahrer in der Region Zürich – weiterverkauft.
Apropos Döschwo; Einige Jahre später sollte das Gelände eines in der Stadt Luzern bestens bekannten Citroën 2CV Mechanikers – er war ein Messi – geräumt werden. In einem seltenen Anflug von Grosszügigkeit offerierte mir der sonst ausgesprochen geizige Herr, der trotz seiner riesigen Halle selbst im Winter draussen schraubte, weil diese bis unters Dach proppenvoll mit Ware war, einen Citroën AK 400, also eine Kastenente an.
Ich war etwa zwei Minuten deren stolzer Besitzer, denn ich musste feststellen, dass es bei fast 1.90m Körperlänge kaum auszuhalten ist in dem Ding. Bestimmt hätte es dagegen eine Lösung gegeben doch die Kiste für das Reserverad steht seitlich in den Innenraum und verhindert es, dass der Sitz über die B-Säule hinaus nach hinten gleitet. Offenbar war mir die Seltenheit des Autos vor 25 Jahren noch nicht so bewusst. Darum liess ich das Auto stehen.
Auch eine Lambretta 125 Li Serie II kreuzt noch heute ab und zu meine Gedanken. Ich hatte die «Lahm-Berta» einst von einem Kollegen abgekauft, mit der Option auch gleich das Nummernschild «LU 3003» zu übernehmen – in der Schweiz sind Schilder auf die Person, nicht nur auf das Fahrzeug zugelassen und könnten darum auch gut und gerne beim alten Besitzer bleiben beim Verkauf eines Fahrzeuges. Ich lehnte es ab, das tolle Schild mit zu übernehmen, es war mir einfach eines zu viel.
Die Lambretta hatte einen losen Kühlring auf dem Schwunglichtmagnetzünder – notabene von Ducati – ansonsten war sie gut-patiniert und mit allen Feinheiten aufgerüstet: Extrachrom rundum, Gepäckträger mit Reserverad und Chromabdeckung und, ganz wichtig, mit Einzelsitzen. Aus heutiger Sicht ein absoluter Traum. Ich aber war mir Vespen gewohnt , die waren leichter und agiler, vielleicht aber auch weit weniger spurstabil, zugegeben. Und ich wollte eine Trockensumpfanlage für meinen Caterham Seven haben, was Geld kostete.
So habe ich die «Bertha» – ohne sie je zuzulassen – nach einigen Jahren in der Werkstatt für etwa das Doppelte meines Kaufpreises weitergegeben, für mich damals ein Superdeal. Sie ist für den fünffachen Preis vor einiger Zeit im Showroom eines einschlägigen Basler Klassik-Spezialisten wieder aufgetaucht.
Ja, und der Lotus Europe Hemi 807, den mir ein Schrotthändler aus dem Wallis angeboten hat – für kleines Geld. Der Grund war, dass ich dort einst einen Scheibenwischer für einen International Harvester Schulbus gesucht habe, weil ich auf dem Weg ins Wallis damit beide Scheibenwischerarme bei strömendem Regen verloren hatte. Den Ort werde ich nicht im Detail nennen, nur soviel: Von Lotus Esprit über Studebaker zu Bentley lagert wohl noch heute so mancher Edelschrott auf der professionell auf Beton und mit Ölabscheider geführten Halde. Vielleicht half es, Französisch so ziemlich fliessend sprechen zu können, auf jeden Fall rief mich der Schrottplatz-Besitzer kurz nach meinem Besuch an, er hätte da einen Lotus Europe aus einer Garage gezogen, kurz darauf hatte ich einige Bilder in meinen Sprachnachrichten.
Ein Lotus Europe Hemi 807 war ein Sondermodell nur für die Schweiz, auf Initiative des damaligen Importeurs Perrin in Genf gebaut, und mit einem potenten Gordini-Motor auf Basis des ansonsten in diesem Modell verbauten Renault 16-Motors ausgerüstet. Das fragliche Auto war nicht nur die Grundlage für den Typenschein dieses Wagens und somit der erste überhaupt, es war auch das Genfer-Salonfahrzeug und jenes Auto, das auf dem Beiblatt für die Salon-Neuheiten des Automobil Revue Katalogs von – war es 1969? – zu sehen ist, ein prächtiger Fund! Allerdings war es auch ein jämmerlich zurechtgebogener Unfallwagen, dessen gesamte Wagenfront wohl eher aus Spachtel denn aus GFK bestand. Aber die wichtigsten Teile wären da gewesen – mein Verstand war aber abwesend, ich reichte das Ding an einen Autohändler und Restaurator in Delémont weiter, ohne den ziemlich aussergewöhnlichen Lotus, er leistete einst über 100 PS – ohne die Komplikation des späteren Twin Cam – selber je besessen zu haben. Heute bin ich mir nicht sicher, ob das ein Glück oder eher ein Unglück war. Tatsache ist, das Ding ist mir nie mehr aus dem Kopf gegangen.
Und das jüngste Beispiel ist ein Jaguar MK II, der mir durch die Lappen gegangen ist, weil ich zu faul war, das Telefon abzunehmen. So hat ihn ein anderer Kollege eines mich anrufenden Kollegen gekauft, diesen grauen 3.4-Liter Jaguar Mk 2 für 13'500 Franken. Erst kürzlich ist der neue Besitzer damit von einer völlig klaglos absolvierten Ferienreise an die Côte d'Azur zurückgekehrt. Hätte ich doch, wäre ich doch, würde ich doch…
Man kann all dies jedoch auch von einem anderen Standpunkt aus betrachten: Ich habe mir wohl auch so manchen Ärger erspart und bin um manche Enttäuschung herumgekommen – vielleicht auch um den Ruin. Zudem habe ich deshalb noch diese oder jene Geschichte mehr zu erzählen, wenn ich in dieser eher Klassiker-armen Winterzeit, irgendwo an einem Stammtisch oder in einer Schrauberbude, mit Freunden Räubergeschichten zum Besten gebe. Und überhaupt: Bald winkt mir sowieso die nächste einmalige Gelegenheit, die es nicht zu verpassen gilt – vielleicht!

























