Vom Geist des Windes
Kühlerfiguren sind ein Thema für sich. Wenn man spontan Beispiele nennen sollte, woran denkt man? Vielleicht an die „Emily“ von Rolls-Royce, das „winged“ oder das „flying B“ von Bentley, den „Leaper“ von Jaguar, wenn man englische Veteranen vor dem geistigen Auge hat. Bei den französischen Herstellern etwa an den von Rembrandt Bugatti geschaffenen Elefanten auf dem Kühler des Bugatti Royale oder den stilisierten Vogel bei Voisin. Bei den Amerikanern wird es vielleicht der oft etwas despektierlich sogenannte „Pizzabote“ von Packard sein. Bei deutschen Marken erinnert man sich vielleicht an die „1“, die frühe Audis zierte, das „W“ von Wanderer und natürlich an den Mercedes-Stern.
Doch schmückende Kühlerfiguren findet an heutigen Automobilen nicht mehr. Das mag primär Sicherheitsgründe haben. Doch der eben erwähnte Stern etwa war ja längst nicht mehr starr, sondern kippte im Kollisionsfall weg. Fakt ist: Kühlerfiguren sind schlichtweg auch aus der Mode gekommen. Und aus dem heute allseits üblichen Kunststoff gefertigt, mag man sie sich ohnehin gar nicht erst vorstellen – vergangene Zeiten also.
Nun war das Automobil ja nicht immer ein Alltagsgegenstand. Vor rund 90 oder 100 Jahren waren Kühlerfiguren kleine Kunstwerke, die etwas symbolisieren sollten. Figuren aus der Mythologie fanden sich ebenso wie Tiere etc.
Ein Foto von Daniel Reinhard brachte mich auf die Idee, die Kühlerfigur „Victoire“ oder englisch “spirit of the wind“, einmal etwas näher zu betrachten. Sie wurde einst gern auf die Kühler von Luxusautomobilen - etwa einem Delage - appliziert. Im Original ist die Figur aus formgepresstem Glas gefertigt, dergleichen wäre schon aus Sicherheitsgründen an heutigen Automobilen zweifellos undenkbar. Die Oberfläche ist mattiert und wirkt auf den Betrachter wie gefroren. Schöpfer des vielfach kopierten Werks ist René Lalique (1860 bis 1945). Wer diesen Namen allerdings lediglich mit Parfüm assoziiert, tut dem Firmengründer und Künstler Lalique Unrecht. Der in Ay, einem kleinen Ort in der Champagne, geborene Lalique begann seine Karriere als - wie man heute sagen würde - Schmuckdesigner in Paris und wandte sich schon bald wertvollen Materialien wie Steinen und Glas zu. Dabei orientierte er sich oft an Naturformen wie etwa Pflanzen. Er wurde zu einem Meister der Stilrichtung Art Nouveau, der in Deutschland gemeinhin als „Jugendstil“ bezeichnet wird. Nach 1908 beschäftigte er sich ausschließlich mit Glaskunst, ab 1921 mit der kunsthandwerklichen Glasproduktion.
Dem an der Thematik Interessierten sei an dieser Stelle das beeindruckende Musée Lalique in der nordelsässischen Stadt Wingen-sur-Moder nachdrücklich ans Herz gelegt. Lalique arbeitete unablässig und kreativ. Daher war es kein Zufall, dass er auch im anschließenden Stil des Art Déco (so genannt nach einer epochalen Kunstausstellung in Paris 1925) eine wichtige Rolle spielte.
Und nun sind wir wieder bei unserer Kühlerfigur, die man sicher als für den Art Déco typisch bezeichnen kann. Der Künstler hat sie im Jahre 1928 geschaffen. Sie zeigt das Gesicht einer stilisierten, androgynen Figur mit weit nach hinten waagerecht wegwehenden Haaren, was erkennbar die Geschwindigkeit symbolisieren soll. Daher also der englische Name „spirit of the wind“, also „Geist des Windes“. Und nun werden Sie vielleicht fragen, was es mit der französischen Bezeichnung „Victoire“- also „Sieg“ – auf sich hat. Nun, der Waffenstillstand des Ersten Weltkrieges ist im Jahre 1918 unterzeichnet worden. Lalique wollte zum zehnjährigen Jubiläum mit diesem Kühlermaskottchen daran erinnern.
Und heute? Sieht man von der Präsentation auf dem Kühler eines Luxusautos vergangener Zeiten an aktuellen Schönheitswettbewerben ab, dürfte die Figur „Victoire“ heutzutage wohl eher als Briefbeschwerer oder Buchstütze benutzt werden. Oder sie - wie der Verfasser - seinen zeitlich passenden Modellautos an die Seite stellen. Sagen Sie aber bitte nicht, dass wir hier „nur“ von einer Kühlerfigur geschrieben haben.
P.S. Eine grosse Sammlung von Kühlerfiguren haben wir in einer eigenen Bildersammlung zusammengestellt.

































