Was uns hier fehlt
Der Bericht ist schon erschienen, die Eindrücke an mein Wochenende in Brands Hatch aber hallen noch nach. Zuerst ist es die Strecke selbst, die mir Eindruck gemacht hat. Wie eine eins-zu-eins Scalextric-Slotcar-Piste (für unsere deutschen Leser: wie eine Carrerabahn-Rennstrecke) liegt der Rundkurs zwischen zwei Hügeln und lässt die Zuschauer an den meisten kritischen Stellen direkt an dem Geschehen teilhaben. Zudem gibt es Wiesen – sorry – Rasenflächen, die bis an die Strecke reichen und für Zuschauer samt ihrem Auto reserviert sind. Man fährt also hin, parkt, steigt aus und setzt sich auf die mitgebrachte Picknick-Decke. Britischer könnte das gar nicht sein.
Und dann das Geschehen auf der Strecke. In der Generations Trophy fuhren Vater und Sohn, Grossvater und Enkeltochter abwechslungsweise im selben Auto. Und wie die gefahren sind, vor allem der Nachwuchs. Wer den Drift über alle vier Räder mit einem MG B im Paddock Hill Bend beherrscht, darf sich doch für ein gerüttelt Mass an Fahrkönnen rühmen. Und es sind alle Wagen so um diese Kurve gefahren. Offenbar funktioniert in UK die Ausbildung junger Talente, das Niveau hat mich glatt weggehauen.
Rookies mit viel Können am Lenkrad
Währenddessen haben wir uns hier in der Schweiz jahrzehntelang gegen eine Rennstrecke verschlossen. Wer es trotzdem wissen wollte, musste sich im Ausland organisieren. Da liegt die Hürde schon um einiges höher, als wenn man, wie bei Brands Hatch, in knapp einer Stunde von London auf eine hervorragende Infrastruktur trifft. Aber vermutlich ist es nicht nur diese, die uns in der Schweiz fehlt. Es ist auch die Kultur und Haltung gegenüber dem Motorsport.
Flabbergasting: Die Anzahl der aktiven oder ehemaligen Rennpisten im Vereinigten Königreich
Im Vereinigten Königreich gehört der Motorsport viel stärker zu den ganz normalen Tätigkeiten als irgendwo sonst. Es gibt eine Vielzahl von bezahlbaren Meisterschaften für bezahlbare Rennwagen und eigentlich jedes Wochenende irgendwo eine Gelegenheit, Rennen zu fahren oder zumindest einen Trackday zu besuchen. Solche Dinge fehlen in der Schweiz. Zwar ist das Rundstreckenverbot kürzlich gefallen, doch ob wir je eine gute, sichere Rennstrecke haben werden, ist mehr als fraglich. Ganz abgesehen davon, dass die dümmlichen Spekulationen der (Boulevard-)Tagespresse über mögliche Formel-1-Rennen hierzulande der Sache gewiss nicht helfen. Sie wird zweifelsfrei NICHT kommen, die Königsklasse. Was aber kommen sollte, ist mehr Verständnis dafür, dass Motorsport keine Frage von Geld und PS ist, sondern einer Haltung und des Enthusiasmus, der dahintersteckt – egal in welcher Hubraumgrösse. Die Briten machen es uns vor und sind darin – Weltklasse!


























