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Ende der Fünfzigerjahre wollte Renault von VWs grossem Erfolg in den USA ein ebenso grosses Stück abhaben. Nachdem sich die Dauphine ab 1957 zu einem der beliebtesten Importwagen gemausert hatte, planten die Franzosen den Deutschen auch im Segment der Lieferwagen Marktanteile abzujagen. Der handlich-kompakte VW Transporter war nämlich in den USA quasi konkurrenzlos. Zum Modelljahr 1960 lancierten sie deshalb die in Mexiko gebaute Variante des Renault Estafette als "Petit-Panel" auf den US-Markt.
Auffälligstes Unterscheidungsmerkmal zur europäischen Ausführung waren die grösseren, etwas glupschigen Sealed-Beam-Scheinwerfer mit sieben Zoll Durchmesser. Neben dem normalen Kastenwagen bot Renault auch eine Version mit zwölf Zoll höherem Kunststoffdach an, die sich "Hi-Boy" nannte. Doch obwohl das Hochdach mit Stehhöhe auf dem US-Markt ein Alleinstellungsmerkmal war und die Ladefläche dank Frontantrieb deutlich grösser und niedriger, hatte der Renault gegen den Konkurrenten aus Wolfsburg keine Chance.
Anzunehmen, dass die Verkaufszahlen dreistellig waren, ist schon eine sehr optimistische Schätzung. Am Dauphine-Motor mit 32 PS wird's nicht gelegen haben. Der Verkaufsschlager von VW war anfangs sogar noch zwei PS schwächer. Allerdings hatte Renaults Ruf in den USA wegen schlechter Ersatzteilversorgung, dünnem Händler- und Werkstattnetz sowie mässiger Qualität in den drei Jahren seit der Dauphine-Einführung arg gelitten – keine guten Voraussetzungen für ein täglich hart rangenommenes Verschleissfahrzeug.
Obwohl Prospekte gedruckt und Werbeanzeigen geschaltet wurden, sollen Hi-Boy und Petit-Panel laut einem französischen Magazin nie eine Typengenehmigung erhalten haben. Allerdings haben es dafür dann doch zu viele auf amerikanische Strassen geschafft. Ein Nutzer auf "Barn Finds" erinnert sich, in den frühen Sechzigerjahren für einen Fernsehtechniker in Pine Lawn, Missouri, gearbeitet zu haben, der einen Petit-Panel als Werkstattwagen hatte.
Ein Leser von "Curbside Classics" hat Anfang der Siebziger in Kalifornien gut ein Jahr lang in einem der Renault-Lieferwagen gewohnt. Etwa zur selben Zeit ging in der amerikanischen Fernsehserie "Adam-12" ein Petit-Panel prominent in Flammen auf. Es gibt sogar ein paar Überlebende: in Aberdeen, Washington, und Boulder, Colorado, soll je US-Estafette auf einem Schrottplatz stehen. Und Anfang 2017 wurde auf Craigslist ein Petit-Panel im Grossraum Los Angeles verkauft.
Kanada kam neben Petit-Panel und Hi-Boy in den Genuss von zwei weiteren Estafette-Varianten: dem Pritschenwagen "Pick-Up" und dem neunsitzigen Kombi "Multi-Bus". Doch auch dort blieb der grosse (und sogar der kleine) Erfolg aus. Da half auch keine noch so selbstbewusste Werbung mit Aufforderung zum Konkurrenzvergleich. Bereits 1961 nahm Renault die Transporter wieder vom Markt. Im selben Jahr startete der Ford Econoline, der das Estafette-Konzept als Frontlenker mit Frontmotor übernahm – aber nicht das Hochdach.


























