War dies mein letzter Abgastest?
Alle Jahre wieder bei einem Auto ohne Abgasreinigung – bei einem Katalysatorfahrzeug ohne anerkannte On-Board-Diagnose alle zwei Jahre – ruft der Schweizer Gesetzgeber zur Kontrolle der Abgaswerte. Diese wurden einst bei der Homologation des Fahrzeuges von dessen Importeur festgelegt und gelten für Automobile, die nach dem 1.1.1976 zugelassen wurden.
Die obligatorische Abgaswartung wurde 1986 eingeführt und sollte sicherstellen, dass nur Fahrzeuge mit einwandfreier Gemischaufbereitung und Abgasanlage in den Verkehr gelangen. Die Massnahme lag ausserhalb des ordentlichen Prüfintervalls und brachte den Werkstätten eine gute Gelegenheit, über ein Kundenauto mit möglichen Abgasproblemen zusätzliche Arbeit zu generieren. Für die Automobilisten hiess das: ein weiterer, zwingender Gang in die Werkstatt oder zumindest in eine Servicestelle. Dem Autogewerbe konnte die Regelung recht sein, von dieser Seite kam wenig Widerstand. Sie passte zudem bestens ins politische Klima, in dem Waldsterben und saurer Regen den Diskurs dominierten – mit den Tests liessen sich guter Wille und Kooperationsbereitschaft demonstrieren. So weit, so gut.
Heute sieht die Situation wesentlich anders aus. Als der Bundesrat Ende 2012 die generelle, obligatorische Abgaswartung partiell aufhob, waren bereits rund 60 Prozent der immatrikulierten, testpflichtigen Fahrzeuge mit der besagten On-Board-Diagnose (OBD) ausgerüstet. Für sie entfiel die Pflicht zum jährlichen respektive zweijährlichen Termin am Testgerät, denn die OBD speichert eventuelle Fehler selbsttätig und meldet sie dem Fahrer über die Kontrollleuchte.
Heute dürfte der Anteil noch wesentlich höher liegen. In einer freien Werkstatt wie in einer Markenvertretung mit gesundem Kundenstamm, taucht kaum noch ein Fahrzeug auf, das einen Abgastest alter Schule benötigt. Viele Garagen haben das entsprechende Testgerät deshalb ausrangiert. Neben dem fehlenden Bedarf sind modern ausgebildete Mechaniker den Umgang mit Vergasern nicht mehr gewohnt und gar nicht mehr in der Lage, die Werte zu interpretieren und die Gemischaufbereitung entsprechend einzustellen. Der Hauptgrund aber ist, dass sich der Unterhalt des Geräts selbst nicht mehr lohnt. Allein das Eichen des Testers, eine amtliche Massnahme, durchgeführt von einem Eichmeister, dessen Aufwand gemäss Gebührenverordnung zu verrechnen ist, kann zuzüglich Fahrspesen jährlich bis zu CHF 1000 bis 1200 kosten. Bei weniger als einem Auto pro Monat lohnt sich der Aufwand kaum noch.
Neulich bin ich mit meinem Jaguar XJ12 zu meiner Servicestelle des Vertrauens gefahren – einem Reifenspezialisten mit klassischer Tankstelle und Werkstatt, wo man mit Servicearbeiten und Radgeometrie zusätzlich zum Reifenhandel einem immer seltener werdenden Gewerbe nachgeht. Genau deshalb finde ich hier Dinge, die mir am Herzen liegen. Zum Beispiel einen Abgastester.
Geschäftsführer Wolfgang Sieber von der Firma Pneu Schaller in Oberrieden kennt die Problematik. Etwa drei Autos stehen bei ihm pro Monat noch für einen solchen Abgastest in der Werkstatt. Das rechnet sich für ihn nur noch ganz knapp. Denn als Servicestelle bedient die Filiale in Oberrieden auch manchen Oldtimer, womit es selten nur um einen Abgastest geht, sondern häufig auch um weitere Unterhalts- und Reparaturaufträge. Und in den seltenen Fällen, dass ein Kunde noch einen älteren Wagen fährt, nutzen auch verschiedene Markenvertreter das Gerät in Oberrieden.
Zudem ist dieser Werkstattbetrieb noch so gestaltet, wie man es sich als engagierter Oldtimerbesitzer wünscht: Man spricht direkt mit der Fachperson, die am Auto arbeitet, steht gemeinsam unter dem Lift, und der Erfahrungs- und Wissensaustausch geschieht in beide Richtungen. Oder wie Sieber es betont: "Ich lerne durch den direkten Kontakt mit den Kunden immer wieder etwas hinzu. Der Erfahrungsschatz der Besitzer ist unermesslich, es wäre ein grosser Fehler, da nicht möglichst viel abzuholen. Ich könnte mir gar nicht vorstellen, in einer Grossgarage ohne direkten Kontakt zu arbeiten!" Sieber betreut auch eine grosse Autosammlung eines bekannten Enthusiasten in der Region Zürichsee und weiss, wovon er spricht – besonders auch bei Oldtimerreifen und im besonderen Umgang mit Speichenrädern.
Den Abgastest besteht der Jaguar ohne irgendeinen Eingriff. Perfekt gewartet und richtig warmgefahren, reicht es, die Sonde in einen der beiden Auspuffe zu stecken. Die Werte liegen exakt dort, wo sie das Wartungsdokument vorschreibt. Die Katalysatoren tun nach über vier Jahrzehnten offenbar noch immer ihren Dienst. Das ist gut zu wissen und lässt auch auf eine korrekt funktionierende Gemischaufbereitung schliessen. Der Abgastest hat gewiss auch seine Vorteile, keine Frage.
Damit ist erst einmal für zwei Jahre wieder Ruhe. Doch wer weiss, vielleicht wird der Abgastest in der Zwischenzeit ja abgeschafft. Es gab Überlegungen, ihn nur noch an einem einzigen Prüftermin zu verlangen. Das hilft der Sache allerdings auch nicht: Sind die meisten betroffenen Autos dereinst ohnehin als Veteranen unterwegs, fällt der Test faktisch nur noch alle sechs Jahre an – die Geräte würden noch seltener genutzt und ihr Betrieb damit noch unsinniger und kostenintensiver.
Wolfgang Sieber trägt die Werte in das Dokument ein, setzt seinen Stempel darunter und bemerkt ganz zu Recht, dass man sich wohl auch so sicher wiedersehen werde. Womit er natürlich richtig liegt, denn der Jaguar hat auch neue Reifen erhalten – und irgendwann werden auch diese wieder Ersatz benötigen. Denn bei der minimalen Profiltiefe wird – im Gegensatz zum ungewissen Abgastest – garantiert auch in Zukunft alles beim Alten bleiben, was gut ist.

































