Nur zehn Jahre Unterschied
Kürzlich hatte ich das Vergnügen, als Beifahrer in einem Delage AC von 1910 einige Runden zu drehen. Der Wagen startete nicht nur beim ersten Kurbeldreh, er absolvierte auch klaglos die Fahrten durch die Gassen des mittelalterlichen Städtchens, in dem wir ihn fotografiert haben. Der Delage verfügt bereits über einen Blockmotor (angeblich von Ballot), hat vier Zylinder und einen Hubraum von rund 1,5 Litern und eine Leistung von rund 15 PS. Dazu gibt es ein unter dem Wagenboden liegendes Dreiganggetriebe, und der Antrieb zur Hinterachse erfolgt mittels Kardanwelle – schon ein richtiges Auto halt. Er ist zwar nicht überaus schnell, aber auch heute noch ein wunderbarer Wagen zum geruhsamen Reisen auf wenig befahrenen Nebenstrassen – mit Windschutzscheibe und Verdeck als Wetterschutz für vier Reisende.
Vor etwas längerer Zeit, es war wohl 2019, wurde ich von Opel auf ihr Testgelände in Dudenhofen eingeladen. Das Thema war die Fahrzeugbeleuchtung. Diese Gelegenheit nutzte die überaus rührige und kompetente Truppe von Opel Classic in Rüsselsheim, um uns anhand ausgewählter Sammlungsstücke den Fortschritt in der Lichttechnik zu demonstrieren.
Man meinte es wirklich gut mit uns Journalisten, denn die Geschichte sollte bis ganz zurück zum Anfang reichen. Und dieser Anfang heisst bei Opel „Patentmotorwagen System Lutzmann“ – dieser hat eine Kerzenbeleuchtung. Nach einer Mitfahrt mit einem Mechaniker von Opel Classic liess man mich damit selbst einige Runden drehen.
Der Lutzmann von 1899 verfügt über zwei Gänge und Riemenantrieb. Der Riemen wird mittels eines Hebels an der Lenksäule „umgelegt“, während der Einzylinder mit ebenfalls 1,5 Litern Hubraum – wie der Delage – bei etwa 650 bis 800 Umdrehungen vor sich hinbollert. Im ersten Gang ist die Geschwindigkeit kaum grösser als Schritttempo. Legt man allerdings den grossen Gang ein, so macht der Wagen quasi einen Satz nach vorne, und man meint auf dem Bock jeden einzelnen Arbeitshub des Motors zu spüren. Derweil wird einem bei dem nun vorgelegten Tempo etwas mulmig. Zwischen 20 und 30 km/h dürften es dann schon sein, und man empfindet dies als – zu schnell! Aber immerhin: Der Lutzmann fährt, und dies doch schneller und ausdauernder als es damals ein Pferdegespann vermochte.
Nur zehn Jahre später aber bewegt sich der Delage in einer völlig anderen Sphäre. Er ist ein Auto, das höchstens noch mit seinen "Funzeln" am Torpedo den Eindruck einer Kutsche hinterlässt. Die ersten beiden Gänge heulen und poltern zwar fürchterlich, aber im grossen, dritten Gang, der direkt übersetzt ist, kehrt Ruhe ein, und das gleichmässige Schnurren des Motors lässt einen träumen. Dieses Auto fährt, während sich der Pionier von 1899 noch anfühlte wie ein Ritt auf der Kanonenkugel. Verrückt, wie rasant die Entwicklung damals voranschritt. Selbstverständlich werden wird den Delage in Bälde im Detail vorstellen.


























