Etwas Herz für den Alltagswagen
Wie steht es bei ihnen? Schonen sie ihre Klassiker und lassen die Hauptarbeit von einem Alltagswagen erledigen? Das heisst: Bei Regen, Hagel oder Schnee muss das zuverlässige Alltagsauto herhalten, bei Prachtwetter darf der Oldtimer an die Sonne? Oder sind da die Gefühle für den neuen wie den alten Wagen in etwa gleich? Oder – noch interessanter – wird der Alltagswagen dermassen gehegt und gepflegt, dass er dereinst in den Status eines Liebhaberfahrzeuges wechseln darf?
Klar ist: Der Alltagswagen sollte in der Regel mindestens dieselbe, sorgfältige Pflege wie ein Klassiker erfahren. Dies gilt zumindest dann, wenn von diesem eine hohe Zuverlässigkeit eingefordert wird. Oder anders ausgedrückt: Wer ankommen will, pflegt auch seine Alltagskiste.
Allerdings habe ich früher eine andere Philosophie vertreten. Einem tollen Klassiker, bei dem ich keinen Aufwand und keine Arbeit gescheut habe, stand eine mit letzter Kraft über die Kontrolle gebrachte Kiste, deren letztes Leben ich noch für meine Transportzwecke in Anspruch genommen habe, gegenüber. Das Motto lautete: "Fahren bis zum nächsten Kontrolltermin".
Natürlich wären diese Wagen heute alle Klassiker, an erster Stelle sicher der 1984er Citroën 2CV, gekauft 1993 für 450 Franken von einer jungen Mutter, die das dünnwandige Gefährt als sicherheitstechnisches Risiko für sich und ihr Baby gesehen hat. Sechs Jahre und etwa 120'000 Kilometer später ist dann das Chassis durchgesackt; der Rost hatte meinem Döschwo nach vielen gesalzenen Wintern den Garaus gemacht.
Der danach eingesetzte Citroën BX Break mit 1,6-Liter-Motor war eine dieser Schweizer Versionen mit dem fürchterlichen, elektronisch geregelten Vergaser, der dem einst 92 PS starken Motor nicht nur fast 20 Pferde gestohlen hat, sondern dem Fahrer auch jede Freude. Ihn stoppten die an den hinteren Radhäuser schleifenden Räder, weil die Schwingenlager hoffnungslos ausgeschlagen waren und ihr Ersatz den Zeitwert des Autos um das Doppelte übertroffen hätte.
Der darauf folgende Xantia Turbodiesel, dessen Kupplung irgendwann am letzten, seidenen Faden hing und der wegen den absurden Preisforderungen der Marke mit dem Doppelwinkel für die entsprechenden Ersatzteile und einem Loch in einem Federbeindom über den Jordan gehen musste, war der letzte Vertreter dieser Sorte Auto in meinem Fuhrpark.
Ersetzt habe ich ihn mit einem nagelneuen Fiat 500 von 2007, einem Wagen aus den allerersten Produktionswochen des Modells. Bei der Wahl war ich damals mehr als unsicher, ob dies nur ein kurzlebiges Lifestyle-Auto sein würde, oder etwas mit Hand und Fuss. Dessen Kauf bedeutete einen neuen Lebensabschnitt: Ich als Neuwagenkäufer! Das hatte es zuvor noch nie gegeben.
Die damals angegeben Wartungsintervalle von 30'000 Kilometer habe ich verkürzt: Bei 20'000 gab es jeweils einen Service. Zudem habe ich dem Wagen auf den ersten 5000 Kilometern nur moderate Drehzahlen zugemutet und auch sonst stets versucht, den Motor ordentlich warm zu fahren, bevor der 1,2-Liter (angesichts der bescheidenen Leistung von 69 PS) hart rangenommen wurde.
Und weil ich eine Anhängerkupplung habe einbauen lassen – damit liess sich das Restgeld vom Xantia verbraten –, liess ich diese und sämtliche Aufhängungsteile sorgfältig mit Karosseriewachs einsprühen. Gerade die hauchdünn-farbgeduschten Anhängerkupplungen sind nach einem Winter zündrot und mir ein Dorn im Auge. Dasselbe gilt für die vorderen Querlenker und die hintere Verbundlenkerachse. Dank einigen Franken Mehraufwand für einige Dosen Sprühwachs präsentiert sich der polnische Italiener auch von unten noch immer ganz ansehlich.
Den ersten Stopp nach der Übergabe vom Fiat-Garagisten war bei einer Papeterie, wo ich mir ein Fahrten-Kontrollheft gekauft habe. Jeder Liter Benzin, den ich seither getankt habe, ist fein säuberlich vermerkt. Und das Auto hat aktuell 291'500 Kilometer auf dem Zähler, doch nun bin ich auf der letzten Seite des Büchleins angekommen – der Grund für diese Zeilen.
Wenn das Heft voll ist, werde ich alles addieren: die Anzahl Liter und der dafür gezahlte Preis. Der Ölverbrauch ist aber noch immer kaum messbar – und Pannen gab es erst eine einzige. Doch selbst diese hat mich nicht davon abgehalten, nach Hause zu fahren. Nur das Getriebe wird langsam etwas lauter, die Synchronisation ist aber noch immer einwandfrei. Nächstes Jahr wird der Fiat 20 Jahre alt. Vielleicht sollte ich mit überlegen, ob er irgendwann vom Alltagswagen in den Klassiker-Status wechseln darf. Verdient hätte er es ganz bestimmt!


























