Abenteuer Oldtimer
Mein erstes Auto war in den Siebzigerjahren eine Alfa Romeo Giulia Super. Auch wenn ich als unerfahrener 18-jähriger mit deren Technik ein Waterloo erlebte, habe ich das Julchen heiß geliebt. Selbst meine wenig autoaffine damalige Freundin und heutige Frau bekommt noch immer leuchtende Augen, wenn wir eine Giulia sehen. So stand schon früh fest: Irgendwann wollen wir wieder so ein italienisches Kunstwerk unser Eigen nennen.
In Wanne-Eickel oder Bad Wörishofen kann ja jeder ein Auto kaufen. Nein – ein alter Alfa muss aus Italien sein, sagte ich mir vor einigen Jahren. Bei Autoscout24.it findet man zahlreiche Angebote, auch für Giulias der Baujahre 1970–73, schwierig wird es jedoch, wenn man die italienische Sprache nicht beherrscht.
Ich studiere die Anzeigen zusammen mit einer Bekannten, die Italienerin ist und für mich die Anrufe tätigt. Das ist nicht so einfach, wie es sich anhört, denn wenn man nicht selbst mit dem Verkäufer spricht, bekommt man kein Gefühl für dessen Seriosität und auch nicht für den Zustand des Autos. Doch wir haben Glück und stoßen auf eine weiße Giulia Super 1300 TI, Baujahr 1973 mit angeblichen 126'000 km, die in Neapel steht. Und das Beste ist: Der Verkäufer spricht Englisch. Ich kann also die weiteren Verhandlungen selbst führen.
Anfang Dezember fliege ich nach Neapel, um das gute Stück anzusehen. Der Verkäufer, mit dem ich mittlerweile per Pietro bin, hat ein mittelständisches Unternehmen, aber nicht in der Autobranche und holt mich am Flughafen ab. Wir fahren zu seiner Firma, wo der Alfa in einer Garage untergebracht ist. Auf dem Weg kehren wir noch in einem Café ein, wo Pietro mich zu einem Cappuccino einlädt. Das ist hier so!
Die Giulia ist von oben in gutem Zustand, von unten sieht es jedoch schlechter aus, aber nichts, was ich mir nicht zutrauen würde. Der größte Nachteil ist, dass das Auto ursprünglich weinrot war und erst später weiß lackiert wurde. Das geht eigentlich gar nicht bei einem Oldtimer. Dieser Nachteil wird aber dadurch ausgeglichen, dass Pietro Englisch spricht und außerdem ein unheimlich netter Kerl ist.
Die Probefahrt gestaltet sich etwas schwierig. Der Alfa ist zwar angemeldet, aber nicht versichert, was in Italien zwei verschiedene Dinge sind. Pietro schickt einen Mitarbeiter mit einem anderen Fahrzeug auf die Straße, um nachzusehen, ob die Polizei auf der Lauer liegt. Dann befahre ich die Strecke mit der Giulia. Viel testen kann ich so natürlich nicht, aber das Auto fährt und bremst ganz passabel und die Gänge lassen sich tadellos schalten.
Bei einem Oldtimer geht es für mich nicht nur um das Fahrzeug, auch die Geschichte muss stimmen. Die weiße Giulia ist von Anfang an im Besitz der Familie. Pietros Vater hat sich eine kleine Kollektion italienischer Autos zugelegt, an denen er in der Freizeit immer mit seinem Sohn gebastelt hat. Leider ist der Vater vor zwei Jahren verstorben und jetzt hat Pietro keine Freude mehr an den Autos, weil sie ihn zu sehr an den Vater erinnern. Das ist doch eine wunderbare Geschichte. Wir werden uns handelseinig.
Wie bekomme ich meine Errungenschaft jetzt nach Moosburg in Oberbayern? Einen Unternehmer mit dem Transport beauftragen, das kann ja wiederum jeder und es würde nicht zur Story passen. Nein, ich muss die Giulia auf eigener Achse durch Italien fahren und ihrer neuen Heimat zuführen! Pietro versichert mir, er sei mit dem Wagen im letzten Jahr noch in Mailand gewesen, es sei also langstreckentauglich. Wir machen einen Termin aus und ich mache mit dem Verkehrsamt alles klar, um deutsche Kurzzeitkennzeichen zu erhalten. Diese sind in der gesamten EU gültig, oder zumindest toleriert. Zwei Tage vor dem Termin fragt mich Pietro, ob ich auch mit Zollkennzeichen kommen könne. Das sei einfacher für seine Abmeldung des Autos in Italien. Ich gebe „Zollkenzeichen“ bei Google ein und finde folgenden Eintrag: „Warnung! – deutsche Kurzzeitkennzeichen in Italien nicht gültig…“ In dem Eintrag berichten zahlreiche Deutsche, wie sie wegen des deutschen Kurzzeitkennzeichens von der italienischen Polizei gestoppt wurden, ihr Fahrzeug beschlagnahmt und sie erst nach Zahlung einer Strafe von € 1000 auf freien Fuß gesetzt wurden. Ein Anruf beim ADAC bestätigt diese Praxis der italienischen Behörden. Ich müsse mir italienische Kurzzeitkennzeichen besorgen. Wie ich an die dafür erforderliche italienische Versicherung komme, müsse ich selbst herausfinden und man wünsche mir viel Glück. Diese Möglichkeit erübrigte sich nach Rücksprache mit Pietro, denn er hatte vom ACI Neapel, der für Kfz-Verwaltung zuständig ist, die Auskunft bekommen, dass sie überhaupt keine Kurzzeitkennzeichen ausgeben.
Wochen vergehen, in denen wir alle Möglichkeiten, wie Autozug, Abholung mit eigenem Transportanhänger, Beauftragung von Fremdfirmen usw. ausloten. Letztlich findet Pietro die Möglichkeit, eine 5-Tage-Versicherung für sein italienisches Kennzeichen zu kaufen. Damit kann ich nach Hause fahren, ihm die Schilder zurückschicken, und dann kann er das Auto endgültig in Italien abmelden. Ihm ist zwar nicht ganz wohl dabei, weil jegliche Verkehrsverstöße, die ich in den fünf Tagen begehe, zu seinen Lasten gehen und er sich außerdem darauf verlassen muss, dass ich ihm die Schilder wirklich zurückschicke, doch er ist eben ein wirklich netter Kerl.
Bei der Besichtigung hatte ich übrigens festgestellt, dass die Reifen der Giulia zwar noch gutes Profil haben, aber schon 15 Jahre auf dem Buckel haben. Als ich meiner Frau und ihrer Kfz-sachverständigen Schwester erzähle, dass ich damit im Januar die Alpen überqueren will, habe ich von dieser Seite keine Unterstützung mehr zu erwarten, außer vielleicht dass sie die Männer in den weißen Kitteln für mich bestellen. Nun gut – ich habe noch Schneeketten im Keller. Die sind zwar eigentlich für eine andere Reifengröße, könnten aber eventuell auch auf die Giulia passen. Jedenfalls erfüllen sie die Forderung der Norditaliener und Österreicher, dass man im Winter Ketten mitführen muss.
Ende Januar ist es dann so weit: Ich habe zweieinhalb Tage Zeit, wobei ich an dem zweiten Tag eigentlich einen anderen wichtigen Termin hätte. Der Neapel-Flug geht leider erst nachmittags, so kann ich an diesem Tag nur noch etwa drei Stunden Richtung Norden fahren. Wenn aber alles klappt, dürfte der folgende Tag für den Rest der insgesamt 1200 km reichen. Voraussetzung ist, dass nichts Gravierendes dazwischenkommt.
Im Flugzeug nach Neapel sitze ich neben einer unheimlich netten und gesprächigen Italienerin. Sie arbeitet für die italienische Regierung in Brüssel. Ich lerne viel über die Mentalität der Italiener und insbesondere der Neapolitaner. Das ist schon mal eine tolle Einstimmung. In Neapel steige ich bei 7° und Regen aus dem Flugzeug. Das erste Auto, das ich sehe, ist ein Audi mit einem Kurzzeitkennzeichen aus Landshut. Pietro ist nicht da, hat mir aber eine SMS geschrieben, dass er aufgehalten wurde. Ich habe Gelegenheit, mir 45 Minuten lang das Treiben vor einem italienischen Flughafen anzusehen.
Als Pietro kommt, müssen wir zunächst zum Bahnhof Neapels fahren, um von dort noch jemanden mitzunehmen – im Feierabendverkehr. Wie alle Autofahrer nutzt Pietro jeden Quadratzentimeter der Straße und fährt in alle erdenklichen Lücken, die ich noch nicht einmal erahnt habe. Niemand hupt, niemand blinkt, alle sind total gelassen, Pietro telefoniert derweil mit Gott und der Welt.
Er reicht mir das Telefon. Ich soll mal eben einen Autohändler in Frankfurt anrufen. Er will von ihm ein Auto kaufen, es gibt jedoch Probleme mit dem Ausweis der Mehrwertsteuer und der Deutsche würde kein Englisch verstehen. Ich kann den Deal für Pietro auf den Weg bringen.
Wir machen noch einen Abstecher zu einer Werkstatt. Pietro muss mit dem Patrone noch etwas klären. Er hat hier noch eine Inspektion an meiner Giulia durchführen lassen, damit ich auch gut damit nach Hause komme! Fast zwei Stunden später als von mir erhofft erreichen wir Pietros Firma, wo die Giulia auf mich wartet.
Wir gehen zunächst ins Büro, um die Vertragsangelegenheiten und die Bezahlung abzuwickeln. Mitten im Raum steht eine große Waschwanne, die die Tropfen auffängt, die aus der Decke kommen. So oft regnet es halt nicht in Neapel. Die Sekretärin serviert Espresso. Ich bin eigentlich kein Fan davon, aber dieser ist köstlich. Die fünf Tage der Versicherung laufen schon seit gestern, mir bleiben also der Rest von heute plus drei Tage, Deutschland zu erreichen. Aber so viel Zeit habe ich sowieso nicht. Ich muss morgen Abend zu Hause sein, im Notfall geht vielleicht noch übermorgen. Pietro bucht mir ein Hotelzimmer in Orvieto, etwa 100 km nördlich von Rom. Der Portier will bis Mitternacht auf mich warten.
Die Giulia steht frisch gewaschen für mich bereit. Die Wäsche war angesichts des Wetters vergebene Liebesmüh. Ich versuche mein mitgebrachtes Navi zu installieren, doch der Zigarettenanzünder hat keinen Strom. Das können wir vergessen. Gut, dass ich auch einen Straßenatlas mitgebracht habe. Der handelt Italien jedoch auf einer einzigen Seite ab.
Der Motor der Giulia startet auf die erste Schlüsselumdrehung und wir fahren zusammen zur Tankstelle. Es regnet Bindfäden. Meine rechte Hand sucht den Scheibenwischerhebel am Lenkrad vergebens. Ich erinnere mich: Der Kippschalter für den Scheibenwischer ist in der Giulia auf der Mittelkonsole neben meiner rechten Wade. Ich werde den Schalter nicht oft suchen müssen. Bis der Wischer später ganz ausfällt wird es durchgehend regnen.
Auf der Fahrt zur Tankstelle fällt mir auf, dass die rote Generator-Lampe leuchtet. Pietro beruhigt mich: Die komme immer mal wieder, das habe nichts zu bedeuten. An der Tankstelle fliegt ein Scheibenwischer weg. Zum Glück ist das nicht auf der Straße passiert und wir finden das Teil gleich wieder.
Ich lasse volltanken und wir fahren zu Pietro zurück, um den Scheibenwischer zu reparieren. Klebeband und ein Kabelbinder müssen es tun. Dann ist der Zeitpunkt des Abschieds gekommen. Die Sekretärin macht noch ein Foto von uns beiden mit der Giulia. Pietro hat Tränen in den Augen. Die Giulia hat ihn sein Leben lang begleitet.
Da mein Navi nicht geht, fährt Pietro mir bis zur Autobahn voraus. Am ersten Kreisverkehr drängt sich ein optimistischer Süditaliener zwischen uns und zwingt mich zu einer Vollbremsung. Die Bremsen der Giulia sind jedenfalls in Ordnung und ich bin hellwach. Ich habe mich bei Googlemaps mit den Örtlichkeiten vertraut gemacht, doch ich erkenne nichts wieder. Die Neapolitanische Realität sieht komplett anders aus. Ohne Pietros Führung würde ich heute noch in Kampanien herumirren. Als wir die Autostrada erreichen, leuchtet die Warnblinkanlage an seinem Wagen und die Hupe ertönt drei Mal. Jetzt bin ich auf mich allein gestellt.
Die sechsspurige Autobahn ist hervorragend ausgebaut und würde locker 220 km/h vertragen. Im Lande der Ferraristi ist hier gerade mal die Hälfte erlaubt. Aber ich will der Giulia ja ohnehin nicht so viel zumuten und halte mich an die Vorgabe. Der Motor läuft sauber, das Auto fährt gerade aus, auch wenn das Lenkrad dabei etwas schief steht. Gewöhnungsbedürftig ist der Blinkerhebel, der sich anfühlt wie ein Löffel, der im Pudding steht. Gleichzeitig will der Hebel richtig bewegt werden, von Anschlag zu Anschlag um gefühlte 30 cm. Den Blinker mit dem kleinen Finger betätigen ist hier nicht.
Die rote Generatorlampe geht aus, Pietro hat also recht gehabt. Nachdem ich alle Stellungen der beiden Heizungs- und Lüftungshebel durchprobiert habe, muss ich feststellen, die Heizung geht nicht. Das ist in 40 Jahren Süditalien wahrscheinlich niemandem aufgefallen. Ich fahre am nächsten Rastplatz raus, ziehe meine Jacke wieder an und lege Mütze und Handschuhe bereit. Die Kälte im Auto hat einen weiteren Nachteil: Die Scheiben beschlagen unablässig. Vielleicht hat Pietro deshalb zwei Päckchen Papiertaschentücher im Auto gelassen. Muss ich mir noch einen Eiskratzer besorgen, wenn die Scheiben später in den Alpen nicht nur beschlagen, sondern anfrieren?
Es regnet weiter, der Scheibenwischer verteilt das Wasser nur gleichmäßig über die Windschutzscheibe. Bei einem Oldtimer sind Originalteile gefragt, trotzdem ist anzuraten, auf Wischergummis neueren Datums zurückzugreifen. Später werde ich diese Qualität der Sichtverbesserung aber noch zu schätzen wissen.
Das Radio, an dem man Sender von Hand suchen muss, stellt seinen Dienst ein, zunächst periodisch, dann ganz. Ich lasse mich fortan vom sonoren Sound des Alfa-Vierzylinders unterhalten. Auch die Tankanzeige ist ganz lustig: In Linkskurven ist der Tank übervoll, in Rechtskurven leuchtet die Warnlampe. Der Benzinstand wird noch von einem richtigen Schwimmer gemessen, der die Signale ohne eine elektronische Filterung an die Tankuhr weitergibt. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.
Die rote Lampe kommt zurück, es scheint aber nichts auszumachen. Bei Rom meine ich zu beobachten, dass die Instrumentenbeleuchtung schwächer wird. Das muss täuschen, denn durch die Lichter der Stadt ist die Umgebung viel heller, als vorher auf der einsamen Autobahn. Als der Blinker langsamer wird, beginnt mir Böses zu schwanen. Etwas später wird auch der Scheibenwischer langsamer und bleibt schließlich ganz stehen. Bei strömendem Regen ohne Scheibenwischer durch die Nacht zu düsen, ist nicht lustig. Ich hänge mich an einen Lkw. So kann ich meine Spur halten und komme immer noch voran. Irgendwann zieht mir der Lkw an einer Steigung davon. Ich stelle fest, dass ich das Gaspedal bis zum Anschlag durchgetreten habe, die Giulia aber nur noch 80 km/h schafft. Nachdem ich die Steigung hinter mir habe, nimmt der Wagen wieder Fahrt auf, doch an der nächsten Steigung ist es dasselbe: Ich schalte in den vierten Gang zurück, doch das Julchen macht nur noch 60 km/h. Außerdem muss ich zur Kenntnis nehmen, dass nach zwei Stunden Fahrt mein Tank fast leer ist. Wie viel hat mir dieser Tankwart in Neapel eigentlich eingefüllt? Was soll ich machen, wenn der Alfa ohne Strom oder Benzin auf offener Strecke mitten in der Nacht in strömendem Regen den Dienst ganz einstellt? Ich male mir aus, wie ich versuche, telefonisch auf Italienisch Hilfe zu bekommen.
So kann es nicht weiter gehen. Als ein Rasthof kommt, fahre ich von der Autobahn an die Tankstelle. Jetzt ist Linksbremsen angesagt, damit ich mit dem rechten Fuß den Motor am Leben erhalten kann. Ich komme an der Zapfsäule zum Stehen und rekapituliere, was ich noch habe: Der Motor läuft, ich sollte ihn aber nicht abstellen, weil die Batterie vermutlich leer ist. Die Beleuchtung geht einigermaßen. Benzin kann ich hier kaufen, übernachten allerdings nicht. Ich muss also weiter. In dem Moment wird es dunkel. Aber nicht die Giulia ist ausgegangen, sondern alle Lichter der Tankstelle! Der Mann im Kassenhäuschen erklärt mir: Stromausfall. Es gibt kein Benzin. Meine Optionen werden immer weniger. Bis Orvieto schaffe ich es auf keinen Fall bis 24 Uhr. Ich rufe das Hotel an und sage mein Zimmer ab.
Ich montiere den Schlüssel für das Türschloss vom Schlüsselbund ab, damit ich die Giulia mit laufendem Motor abschließen kann. So kann ich mich mit meiner Taschenlampe bewaffnet wenigstens zur Toilette begeben. Nachdem ich zurück am Auto bin, gehen die Lichter der Tankstelle wieder an und ich kann Benzin fassen. Als ich mich hinters Steuer setze und noch überlege, was ich tun soll, geht die Generatorlampe plötzlich aus, die Instrumentenbeleuchtung wird hell und der Scheibenwischer geht wieder. Also weiter. Die Motorleistung ist auch einigermaßen und ich komme gut voran. Ich bin völlig aufgedreht, von Müdigkeit keine Spur. Wo soll ich jetzt um diese Zeit auch ein offenes Hotel finden. Ich beschließe weiter zu fahren, bis ich an der Autobahn auf ein Motel-Hinweisschild treffe. Doch plötzlich kommt die rote Lampe wieder. Es ist 00.30 Uhr, ich bin 10 km vor Orvieto und entscheide mich, jetzt doch diesen Ort anzusteuern. Und ich habe Glück: Gleich am Ortseingang ist ein offenes Hotel, gleich neben einer Tankstelle. Nachdem mir der Portier ein Zimmer gegeben hat, gehe ich nach draußen und stelle den Motor ab. Werde ich ihn jemals wieder zum Leben erwecken können? Egal, jetzt wird erst mal geschlafen. Doch erst nach einer Stunde übermannt mich die Müdigkeit.
Getrieben von der Sorge um mein Weiterkommen wache ich nach vier Stunden auf. Es herrscht ein Höllenlärm – ein Wolkenbruch trommelt auf das Blechdach vor meinem Fenster. Dazu donnert es und ja, auch Blitze sind durch den Vorhang zu erkennen. Wir haben Januar! Ich fühle mich 3000 km nach Süden versetzt. An Weiterschlafen ist nicht zu denken, also gehe ich um 6.30 Uhr zum Frühstücksbuffet und bekämpfe meinen Schlafmangel mit Cappuccino, der einfach göttlich schmeckt. Im Frühstückraum sitzen mehrere kräftige Lkw-Fahrer. Die wären genau richtig, meinen Alfa anzuschieben. Doch als ich mit dem Frühstück fertig bin, sind alle weg.
Ich packe meine Sachen, zahle mein Zimmer und setze mich ohne Ideen in mein Auto. Ohne Hoffnung versuche ich eine Schlüsselumdrehung. Der Motor startet auf den ersten Schlag! Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Auch die rote Lampe ist aus. Ich fahre rüber zur Tankstelle und tanke erst einmal voll. Das Gewitter hat sich auch in die Berge verzogen, es ist trocken!
Zurück auf der Autostrada sieht alles gut aus. Der Alfa läuft, das Wetter ist gut und Hoffnung beginnt zu keimen, dass ich die Giulia doch noch auf eigener Achse nach Hause bringe. Doch nach 60 km geht es wieder los – Leistungsverlust. An Steigungen geht die Geschwindigkeit auf 40 km/h zurück. Ich fahre im dritten Gang auf dem Standstreifen. Jetzt, bei Helligkeit, kann ich erkennen, dass ich eine Rauchfahne hinter mir herziehe. Die Italiener haben Verständnis: Niemand hupt, niemand regt sich auf. Doch wie soll das weitergehen? Ein unbeladener Autotransporter überholt mich. Er hat ein Aichacher Kennzeichen und somit den gleichen Weg wie ich. Doch ehe ich reagieren und ihn mit Hupen und Blinken auf meine missliche Lage aufmerksam machen kann, ist er am Horizont entschwunden. An Einholen ist auch nicht zu denken. So muss sich ein Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel fühlen, wenn ein Schiff vorbeifährt.
Ich bemerke, dass mein Tank nach 70 gefahrenen Kilometern halb leer ist. Die Giulia pfeift mittlerweile aus dem letzten Loch und ich nehme eine Ausfahrt. Der Kassier im Maut-Häuschen beschreibt mir den Weg zu einer Werkstatt. Doch mein Motor läuft nur noch mit 1200 U/min, unabhängig von der Gaspedalstellung. Allerdings hält er die Drehzahl auch mit eingelegtem erstem Gang. Das ergibt immerhin 10 km/h. So zuckel und ruckel ich zu der beschriebenen Werkstatt und halte 100 Italiener im morgendlichen Berufsverkehr auf. Doch wieder regt sich niemand auf. Ein Alfa-Fahrer mit den alten schwarzen italienischen Nummernschildern kann sich hier alles erlauben.
Mit einem letzten Röchler bleibt mein Motor vor der Reparaturannahme der Werkstatt stehen. Zwei Mechaniker, die aus dem letzten Klischee-Film entsprungen sein könnten, stürzen aus dem Gebäude: unrasiert, Hände und Gesichter verschmiert, aber mit leuchtenden Augen und mit einem „bella Macchina“ ihre Begeisterung für meine Giulia ausdrückend. Sie sprechen sogar ein bisschen Englisch und ich kann ihnen verständlich machen, dass meine Macchina gerade nicht so bella läuft. Der größere von beiden, der bestimmt Luigi heißt, tippt auf die candele, die Zündkerzen. Das könnte sein und ich bitte ihn, diese herauszuschrauben. Zu Tage kommt ein Kerzenbild, das dem eines Briketts ähnelt. Entweder sind diese Kerzen auch schon 42 Jahre im Einsatz oder sie haben gestern Abend bei dem Spannungsverlust im Bordnetz Schaden genommen. Vier neue Kerzen sind schnell gefunden und eingeschraubt. Der Motor startet auf die erste Umdrehung des Zündschlüssels, läuft prächtig und schnurrt wie das vielzitierte Kätzchen!
Aber die rote Lampe ist wieder da. Luigi und sein Partner prüfen alle Kontakte, wischen und putzen und sprühen mit Kontaktspray, doch es nützt nicht. Sie empfehlen mir den Einbau eines neuen Generatore. Ich bezweifle, dass sie ein Original-Teil da haben, und das muss es bei einem Oldtimer schon sein. Auf Lieferzeiten will ich mich nicht einlassen, schon die Zeit, die ein Austausch kosten würde, würde verhindern, dass ich mein Ziel heute noch erreiche. Ich entschließe mich für die Weiterfahrt. Die Generatorlampe ist gestern Abend auch von selbst wieder ausgegangen. Für die Zündkerzen berechnet man mir € 25 - pro Stück wohlgemerkt! Geschäftstüchtig sind die Burschen also auch. Begleitet von besten Wünschen mache ich mich wieder auf den Weg.
In zwei Stunden habe ich heute 80 km geschafft. In diesem Tempo werde ich mein Ziel in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht erreichen. Zurück auf der Autostrada läuft die Giulia mit einer nicht gekannten Leichtigkeit. Ich muss mich zusammenreißen, um die vorgeschriebenen Geschwindigkeiten einzuhalten. Die rote Lampe ignoriere ich einfach. Doch es beginnt wieder zu regnen, und zwar in tropischem Ausmaß. Die Autobahn wird kurvig und bergig, der Regen wird etwas schwächer, geht aber in Schneeregen über. Dabei bin ich noch nicht mal am Brenner, sondern 100 km südlich von Florenz! Ob die Schneeketten vielleicht doch passen? Noch bevor ich mir Gedanken mache, was Beleuchtung, Scheibenwischer, Lüfter und heizbare Heckscheibe meiner Batterie antun, hat die rote Lampe ein Einsehen und erlischt. Jetzt sieht es eigentlich gar nicht so schlecht aus, denn auch die Straße ist gut abgestreut und gibt dem Schnee keine Chance, liegenzubleiben.
Bei Bologna hört sogar der Regen auf und ich rekapituliere: Der Motor läuft perfekt, die Generatorlampe ist aus, bald ist auch die Straße trocken, in Modena kommt die Sonne heraus. Was will ich mehr? In der norditalienischen Tiefebene geht auch noch das Radio wieder und spielt italienische Popsongs. Das Leben kann so schön sein! Die Alpen kommen in Sicht, die Bergspitzen sind leicht mit Schnee überpudert, ein Postkartenpanorama! Die Autobahn durch das Etschtal zum Brenner hinauf ist trocken und bleibt es auch.
An der letzten italienischen Mautstation geht mir der Motor aus – und springt nicht mehr an, der Starter rührt sich nicht. Von solchen Kleinigkeiten lasse ich mich jetzt aber nicht mehr aus der Ruhe bringen. Ein freundlicher Italiener aus dem folgenden Auto hilft mir schieben. Gemeinsam bringen wir den Motor schnell wieder zum Laufen. Beim Pickerl kaufen und Tanken in Österreich muss ich den Motor noch einmal abstellen. Als er danach wieder nicht startet, hilft mir ein Pole, der dort auch gerade tankt.
Der Sprit, der an der österreichischen Tankstelle erstaunlich teuer war, soll eigentlich nur bis zur deutschen Grenze reichen. Der Verbrauch ist aber mittlerweile so gering, dass ich erst zu Hause tanken muss.
Um 18.30 Uhr erreiche ich Moosburg und steuere gleich die Polizeistation an, um mir eine Bestätigung geben zu lassen, dass mein Alfa in Deutschland ist. Die braucht Pietro für die Abmeldung in Italien. Der Polizist will sie mir nicht geben. Dafür sei er nicht zuständig und da könnte ja jeder kommen. Ich bitte ihn, mir einen Strafzettel zu auszustellen, weil ich auf dem Behindertenparkplatz stehe. Die € 15 wären es mir wert. Auch das verweigert er mir. Er weist mich darauf hin, dass bei vorsätzlichem Parken auf dem Behindertenparkplatz € 50 an Strafe fällig wären. Ich muss froh sein, so davon zu kommen. Die Polizei, Dein Freund und Helfer – das war früher.
Trotzdem erreiche ich mein Zuhause schließlich überglücklich und quartiere die Giulia in der Garage ein, die sie in den nächsten Monaten nicht mehr verlassen wird. Wenn die Restaurierung so spannend wie die Heimfahrt wird, haben wir zwei ja noch einige Abenteuer zu bestehen, dachte ich damals. Fortsetzung, sprich die Restaurierungsgeschichte, folgt ...


























