Der blaue Sündenbock
Ich mag Sechszylinder. Und genau deswegen muss ich an dieser Stelle einmal eine Lanze für den "Blue Flame Special" brechen – jenen ach so laschen Eisenklotz, der gemeinhin für das Scheitern des ersten Chevrolet Corvette verantwortlich gemacht wird. Konnte ich nie so ganz glauben. Oder wollte es nicht, da ich die Corvette der ersten drei Jahre für die schönste diesseits der '63er Sting Ray halte.
Immer wieder heisst es, der 3,9-Liter und die aus seinen mageren 155 HP resultierenden Fahrleistungen wären eines Sportwagens nicht würdig gewesen. Gegenfrage: Was galt denn 1954 als richtiger Sportwagen? Möglicherweise ein Jaguar XK 120. Da wird mir ja wohl niemand widersprechen. Dessen 3,4-Liter-Sechszylinder brachte es nämlich auf unglaubliche 160 HP – übrigens ebenfalls nach SAE-Brutto-Standard ermittelt.
Damit spurtete der Engländer im Test von Road & Track in 10,1 Sekunden von 0 auf 60 Meilen pro Stunde. Die Corvette brauchte glatte elf Sekunden – mit Zweigang-Automatikgetriebe wohlgemerkt, während im Jaguar vier manuell zu sortierende Gänge nahezu verlustfrei zur Verfügung standen. Auf der Viertelmeile hatte die Amerikanerin mit einer Zeit von 18,0 Sekunden sogar trotzdem die hübsche Nase um drei Zehntel vorne.
Viel mehr als die Fahrleistungen dürfte die lausige Verarbeitungsqualität der ungewohnten Kunststoffkarosserie die meisten potenziellen Kunden abgeschreckt haben. Dass die völlig unsportliche Powerglide das einzige erhältliche Getriebe war, wird den Verkäufen eines Sportwagens sicherlich auch nicht geholfen haben. Hätte ich eine '54er Corvette, ich würde deshalb sofort ein Vierganggetriebe einbauen – und jederzeit gegen einen XK 120 antreten.


























