Auslegeordnung
Es hat mich dann doch erstaunt, wie viele Teile in meinem an sich doch sehr überschaubaren Graham-Paige-Motor verbaut sind. Der 4.8-Liter Reihensechszylinder des Amerikaners hatte Anfang letzten Jahres ganz subtil und zunächst kaum vernehmbar angefangen eindeutige Klappergeräusche von sich zu geben. Mein Verdacht lag auf einem Pleuellager. Nach einer stetigen Zunahme des Geräuschpegels, vor allem unter Last, habe ich dann erstmal die Ölwanne heruntergenommen. Beim 1929er 5-Passenger Sedan ist es kaum möglich, durch eine normale Ölstandskontrolle einen ersten Eindruck zu gewinnen, da dieser nur über einen externen Ölstandsanzeiger verfügt: Eine kleine Aluminiumkugel rutscht in einer geschlitzten Hülse auf und ab, durch antippen derselben wird einem der Ölstand mitgeteilt. Das Öl selbst kriegt man nicht zu Gesicht.
Der Befund war eindeutig, silberne Metallplättchen auf schwarzem Hintergrund, da konnte es sich nur um Lagermaterial handeln. Nach Rückfrage mit dem Vorbesitzer hat sich herausgestellt, dass der Motor vor der Wiederinbetriebnahme nur durchgespült worden ist, wirklich zerlegt wurde er nicht. In Anbetracht seines ruhigen Laufs und dem moderaten Ölkonsums hätte ich womöglich gleich entschieden.
Nun aber war der Fall klar, der Motor musste raus und sollte zerlegt werden, zur Bestandesaufnahme und aus Furcht, dass sich weiteres Metall irgendwo im Ölkreislauf befindet. Das ist nun geschehen, ausgebaut habe ich ihn zusammen mit einem Kollegen selber, mit der Aufgabe der Zerlegung und Bestandesaufnahme sowie der Revision wurde die Firma Durrer-Motoren in Neuheim (ZG) beauftragt.
Mike Müller, der Mechaniker von Firmengründer Franz Durrer hat mir jede einzelne Komponente gezeigt, das Ziel war, zu klären was Sinn macht, wo ich dem originalen Zustand den Vorzug gebe – etwa bei der Optik – und wozu ich nach einer Generalrevision den Motor, respektive das Auto dann gebrauchen möchte. Das schafft Vertrauen, denn ob man es will oder nicht, der Gedanke, dass eine Kernkomponente seines geliebten Autos irgendwo anders den Geschicken von fremden Händen unterworfen ist, beunruhigt zunächst. Überhaupt: Ein motorloses Auto verursacht bei mir ein seltsames Gefühl in der Magengegend.
Sauber zerlegt: Der Motor des 1929er Graham-Paige 619 zeigt normalen Verschleiss
Und es braucht einen völlig emotionslosen Realismus: Wir stellen fest, dass es sich kaum lohnt, die gegossenen Pleuellager, die tatsächlich Materialausbrüche zeigen – wir vermuten das Alter als Ursache –, wieder zu verwenden und die entsprechenden Lager neu zu giessen. Durrer, der etwas später ebenfalls hinzugekommen ist, meint, es sei derselbe Aufwand, gleich neue Pleuel anzufertigen und diese mit einer passenden Lagerschale zu versehen. Dasselbe gilt für die Kolben, die eigentliche Kunstwerke sind. Aber auch hier macht der Ersatz mehr Sinn, als irgendwelche Versuche zu starten, die alten nochmals zu verwenden. Nun denn, zähneknirschend habe ich mich damit anzufreunden.
Andererseits ergibt die Bestandesaufnahme einen positiven Befund: Wie sich der Motor präsentiert, unterlag er bisher nur dem üblichen Verschleiss, Anomalien sind keine zu bemerken. Umso besser. Doch Franz Durrer stellt gleich zu Beginn klar, dass die Dinge so viel Zeit in Anspruch nehmen werden, wie nötig sein wird. Abkürzungen gibt es keine. Nun ja, somit heisst es nun: warten. Die Saison 2025 kann ich für den Graham-Paige vermutlich bereits jetzt abhaken.


























