Gebrauchs-Oldtimer
Was soll jetzt dieser Kleiderbügel auf einer Oldtimerseite? Folgen Sie mir in meinem Gedankengang, bitte!
Heute morgen fiel mir im Badezimmer dieser Kleiderbügel, gefertigt aus Holz, auf. Die Form ist wenig spektakulär, aber die Inschrift entführte meine Gedanken weit in die Vergangenheit. Das Kleiderhaus A. Böhler bezog Mitte der Sechzigerjahre eine neue Liegenschaft in Sarnen (im Kanton Obwalden, in der Schweiz) und bediente seine Kunden mit Herrenkonfektion und massgeschneiderten Kleider. Für die Damenwelt gab es “Jaquettes” und Mäntel, wie die Inschrift zeigt.
Zu meiner ersten Kommunion erhielt ich Ende der Sechzigerjahre einen Anzug und den gab es eben in diesem Geschäft. Etwa aus jener Zeit muss auch der Kleiderbügel stammen, er ist also vermutlich über 60, sicher aber über 50 Jahre alt. Ein Oldtimer eben.
Aber anders als viele Autos dieser Zeit, tat er ohne Unterbruch bis heute seinen Dienst. Er wurde weder geschont, noch fiel er besonders auf. Seine Nachfolger, meist aus Plastik geformt, kollabierten meist in deutlich jüngerem Alter.
Angewandt auf die Welt des Automobils stellt sich nun die Frage, welche meiner frühen Autos wohl heute noch fahren. Genau kann man dies nie wissen, aber ich bin ziemlich sicher, dass weder mein blauer Alfa Romeo Alfasud 1.5 ti, noch der darauf folgende schokobraune Sprint Veloce 1.5 überlebt haben. Beim danach neu erworbenen Fiat Panda 45 ist das Ableben sogar gewiss, sah ich ihn beim Nachbesitzer doch mit vom Rost durchsetzter Karosserie und für den Abbruch bestimmt stehen. Nur wenige meiner vor 30 oder 40 Jahren gekauften Alltagsautos dürften älter als 10 oder 12 Jahre geworden sein. Kaum einer dürfte es je zum Gebrauchs-Oldtimer gebracht haben.
Da hatten die sportlicheren und typischerweise mehr geschonten Sportwagen, von denen ich auch etliche besass, schon bessere Überlebenschancen. Ich bin zum Beispiel ziemlich sicher, dass alle TVR, die durch meine Hände gingen, auch heute noch fahren. Allerdings nicht im Alltag, weder damals noch heute.
Zurück zum Kleiderbügel. Die Nachfolgefirma des Kleiderhauses A. Böhler wurden 2012 liquidiert, auch sie hat nicht bis heute überlebt. Nur noch der (oder die) Kleiderbügel zeugt (zeugen) heute von der Existenz dieses Ladens.
Ich jedenfalls habe mich entschieden, diesem Bügel die Treue zu halten. Er braucht ja deutlich weniger Stauraum und im Unterhalt ist er auch sehr viel preiswerter als ein altes Auto.
P.S. Das Thema “Gebrauchs-Oldtimer” wird übrigens in der kommenden SwissClassics Revue , die Ende Januar 2026 herauskommt, behandelt. Der in Vorbereitung begriffene Beitrag hatte mich vermutlich auch auf obige Gedanken gebracht …


























