Eine besondere Rarität: das Blindstopfenmodell!
Jaja, die Schweiz – das Land wo Milch und andere Dinge fliessen, Geldflüsse zum Beispiel. Um den Klischées zusätzlichen Auftrieb zu verleihen, habe ich mich etwas in die Tiefen der Modellpaletten begeben, die einst hierzulande angeboten wurden. Eines ist durch die gesamte Nachkriegsgeschichte hindurch mehr als auffällig und wurde mir nicht nur als Motorjournalist in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder bestätigt: Die Schweizer verachten das Basismodell! Wer sich also hierzulande mit einem wirklich-wirklich raren Stück brüsten will, tut dies am besten mit dem Grundmodell. Diese sind hierzulande kaum zu finden. Bei manchen vermute ich sogar, dass sie nur auf der Preisliste aufgeführt waren, um als Lockvogel zu dienen. Ob sie den wirklich verkauft wurden, ist fraglich. Der Citroën BX ohne jegliche Zusatzbezeichnung etwa, ausgerüstet mit dem 1,4-Liter-Motor und 62 PS, stand 1983 zwar im Schweizer Katalog, scheint jedoch nie homologiert worden zu sein. 1984 begann die BX-Palette in der Schweiz mit dem 14E und 72 PS.
Ein anderes Beispiel war der Opel Kadett, der 1,1-Liter-Stossstangenmotor war Anfang 1984 gar nicht (mehr) erhältlich. Zugegeben, die verschärften Abgas- und Lärmvorschriften des Landes hatten im Jahr zuvor einige Motorvarianten über die Klinge springen lassen. Doch es ist kein Zufall, dass meist am unteren Ende des Modellprogramms der Effort der Importeure am geringsten war, das Auto mit geeigneten Massnahmen doch noch zu typisieren, also zulassungsfähig zu machen.
Schweizer Version des 48er Käfers mit etwas Chromschmuck – sogar auf der noch aussenliegenden Hupe
Aus Tradition
Wie schon angedeutet, hat die Schweiz eine lägere Tradition im "besonders-anspruchsvoll-Sein". Da waren etwa die ersten VW Käfer für die Schweiz. Anders als auf dem Heimmarkt glänzten hier die Stossstangen, Lampenzierringe und Radkappen bereits im Frühling 1948 in Chrom, noch bevor man in Wolfsburg das Expormodell vorgestellt hatte. Oder für die Markteinführung des Citroën 2CV wurde nach ersten Versuchen mit den mausgrauen Modellen aus Paris, die selbst von den Schweizer Händlern als "hässlich" verschrien wurden, nurmehr belgische Exemplare importiert, die so luxuriöse Dinge wie Schweibenwaschanlagen, Radkappen, einen blechernen Kofferraumdeckel oder verschiedene Karosseriefarben zu bieten hatten.
Der Citroën 2CV für die Schweiz kam aus Belgien, erkennbar an Extras wie den breiteren Alu-Stossstangen, einer Waschdüse in der unteren Ecke der Windschutzscheibe, Radkappen oder den aufgesetzten Rückleuchten an den Kotflügeln (Prospekt-Titelblatt 1955)
Der erste Opel Ascona – auf dem Titelbild – wurde ebenfalls für und insbesondere in der Schweiz gebaut. Für die anspruchsvolle Schweizer Kundschaft hatte die General Motors Suisse SA in Biel extra einen Rekord "Ascona" mit noch mehr Ausstattung konzipiert und montierte diesen nicht ohne einen gewissen Erfolg in der Uhrenstadt Biel im grössten Montagewerk des Landes. Von hier stammte aber auch eine Ausnahme von der hier postulierten Regel: Zu Beginn der 1950er-Jahre gab es den Chevrolet extra für den heimischen Markt statt mit dem Stovebolt-Six auch mit dem 2,5-Liter-Sechszylinder aus dem Opel Kapitän, quasi als Downsizing.
Nur für den Schweizer Markt gedacht war auch der Lotus Europa Hemi 807 mit über 100 statt 86 PS
Ja selbst kleinste Hersteller wie etwa Lotus machten sich die Mühe, ein besonders attraktives Schweizer Modell zu homologieren. Für den Lotus Europa "Hemi 807" existiert sogar ein eigener Typenschein. Der Mittelmotorwagen aus Hethel wurde für den Schweizer Importeur, der Garage Perrin in Genf, mit einem getunten Renault-16-Motor mit über 100 PS ausgerüstet. Sogar eine Version mit Kugelfischer-Benzineinspritzung und etwa 130 PS wurde homologiert, ist aber vermutlich nur ein einziges Mal unter den rund 30 "Hemis" gebaut worden. Den volkstümlichen "Seven" hingegen sucht man vergeblich in den Schweizer Preislisten. Das erste Exemplar wurde durch einen Luzerner Coiffeur 1972 im Einzelabnahmeverfahren eingeführt.
Und am anderen Ende der Skala blieb die Preisliste in der Schweiz meist leer. Einen Standard-Käfer findet man kaum. Einen Ford Capri 1300? Fehlanzeige! Und es ist bis heute so geblieben. Damit verbunden waren in meiner Zeit als Autojournalist für Neuwagen auch einige peinliche Momente, etwa als man bei einer Pressevorstellung des Alfa Romeo Stelvio den osteuropäischen Journalisten die Q4-Varianten wieder wegnehmen wollte und diese in die hinterradgetriebenen Diesel umplatzieren. Die Schweizer "Journis" sollten nicht mit einer Modellversion fahren müssen, die für diesen Markt gar nicht vorgesehen war. Für uns Schweizer aber war dies ein durchaus interessantes oder zumindest seltenes Erlebnis...

























