Fiat 1600 S Cabriolet - italienische Bellezza mit starkem Herzen

Erstellt am 25. Mai 2012
, Leselänge 6min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Balz Schreier 
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Bruno von Rotz 
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Archiv 
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Als die Brüder Maserati, Inhaber der Firma OSCA (Officine Specializzate Construzioni Automobili) einen Partner suchten, um grössere Stückzahlen ihres Doppelnockenwellen-Vierzylindermotors zu bauen, traf es sich gut, dass der Grossserienhersteller Fiat gerade an einen neuen Sportwagen dachte, um die Modellpalette zu erweitern. 1957 erfolgte der Handschlag und Ingeniere Lampredi unterzog den Rennsportsprössling einer gründlichen Kur, um ihm die notwendige Zuverlässigkeit für den Serieneinsatz anzuerziehen. 1959 dann der Motor im Sportcabriolet Fiat 1500 (später 1500S genannt) präsentiert.

Vom Fiat 1100/1200 Trasformabile zum Fiat 1200 Cabriolet

Schon Mitte der Fünfzigerjahren hatte Fiat mit dem 1100 Trasformabile (am Genfer Automobilsalon) einen offenen Sportwagen präsentiert, doch traf sein gewöhnungsbedürftiges Rapi-Kleid auf wenig Liebe bei den Käufern. Ablösung tat Not und folgerichtig wandte sich Fiat an Pininfarina, um ein neues Blechkleid für das kleine Cabriolet zu schneidern. Dieser lieferte einen zukunftsweisenden Entwurf, der sich durch gerade laufende und schlichte Linien auszeichnete. 1959 kam der neue Wagen auf den Markt. Selbst geschlossen sah das kleine Cabriolet gut aus und auch das später nachgereichte Coupé überzeugte durch Eleganz.


Fiat 1200 Trasformabile (1958) - das seltene, optisch etwas gewöhnungsbedürfige Cabriolet war der Vorgänger des 1200 Spyder
Archiv Automobil Revue

Die technische Basis lieferte weiterhin die Fiat 1200 Limousine, was vordere Einzelradaufhängungen an Querlenkern und eine Starrachse hinten bedeutete. Auch der Motor wurde übernommen, er leistete 58 PS bei 5’300 U/Min. Mit Aluminium-Zylinderkopf und Weber-Doppelvergaser-Bestückung überzeugte er durch eine sportliche Natur.

Osca zum Ersten

Wer nach Höherem strebte, dem bot Fiat eine mit dem Osca-Motor angetriebene Variante des neuen Cabriolets. 75 PS lieferten 1’491 cm3 bei 6’000 Umdrehungen. Nicht nur motorisch, sondern auch fahrwerkstechnisch wurde der Sportwagen verfeinert. So sorgten breitere Räder und Stabilisatoren vorne und hinten für bessere Fahreigenschaften, die aber bei Reinhard Seiffert im der Zeitschrift Auto Motor und Sport trotzdem für Kritik sorgten. Im Innern sorgte ein Nardi-Holzlenkrad und allerlei Zubehör für Abstand zum Grundmodell. Allerdings stieg damit auch der Preis. Aber man erhielt auch ein echtes 170-km/h-Fahrzeug, das gemäss Seiffert durchaus unter die Sportwagen einzustufen war.

Ähnlich äusserte sich auch die ADAC Motorwelt im Jahr 1960: “Man erwarte kein Sportvollblut, dazu ist der neue Fiat 1500 nicht teuer genug. Er ist ein eleganter Sportzweisitzer von offensichtlich so vornehm-reservierter Form mit dem Bestreben, daß nicht Wettbewerbsab- sichten, sondern mehr sportliche Repräsentation gemeint ist. Für die Rennstrecke fehlt ihm auch das Hochleistungsfahrwerk, das den Preis merklich höher geschraubt hätte. Daß aber zivile sportliche Fahrt im Fiat 1500 kein unerfüllter Wunschtraum bleibt, dafür sorgt ein reinrassiger Sportmotor, dessen Konstruktion rennerprobt ist, wohl das Eindrucksvollste an diesem Wagen.”

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Osca zum Zweiten

1962 wurde aus dem 1500 S der 1600 S, eine Hubraumvergrösserung auf 1’568 cm3, verbunden mit einer Leistungssteigerung auf 100 SAE-PS (85-90 DIN-PS, je nach Quelle). Schon zwei Jahre vorher hatte man dem kleinen Fiat vorne Scheibenbremsen gegönnt und mit all den Verbesserungen war der Wagen jetzt 175 km/h schnell. Mit der asymmetrischen Lufthutze auf der Motorhaube, die allerdings rein optisch ausgerichtet war und keine belüftende Funktion wahrnahm, sah der 1600 S auch richtig frech aus.

Osca zum Dritten

Im Jahr 1963 wurde die ganze Baureihe überarbeitet. Aus dem 1200 Cabriolet wurde das 1500 Cabriolet, das nun als Basismodell mit 67 PS glänzte. Den Osca, dessen Motor unverändert übernommen wurde, setzte sich nun mit Doppelscheinwerfern von der Basis ab, das neue Interieur mit Holzfurnier-Optik erhielt aber auch er.


Fiat 1600 S Cabriolet (1963) - das schnelle OSCA-Modell zusammen mit dem "normalen" Bruder 1500
Archiv Automobil Revue

Inzwischen DM 13’620 teuer lag der Grundpreis fast 4’000 über dem Basismodell, das war kein Pappenstiel. Kein Wunder hielt sich die Verbreitung vor allem in deutschen Breitengraden in Grenzen. Auch in der Schweiz war der 1600 S mit CHF 15’200 teuer, einen Alfa Romeo Giulia Spider gab es bereits für CHF 14’850, eine BMW 1800 ti Limousine gab es für CHF 14’800.

Ablösung durch den Fiat 124 Spider

Trotz zeitloser Linienführung, die man auch im Peugeot 404 Cabriolet/Coupé, gebaut bis 1968, wiederfinden kann, war dem hübschen Fiat Cabriolet schon 1966 das Ende beschieden. Kurz vorher noch hatte man dem kleinen Sportwagen noch ein Fünfganggetriebe und ein steiler stehendes Lenkrad (samt Sicherheitslenksäule) gegönnt, aber die Zeit war bereits abgelaufen.

Der neue Fiat 124 Spider mit muskulöserem Blechkleid und Doppelnockenwellenmotor als Basismotorisierung - vorerst als 1,4-Liter, später bis auf 1,8 Liter wachsend - ersetzte seinen Vorgänger im Herbst 1966.

Dolce Vita

Gute fünfzig Jahren nach seiner Präsentation muss man Fiat und Pininfarina attestieren, ganze Arbeit geleistet zu haben. Viel offener kann ein Sportwagen kaum sein, der dünne Scheibenrahmen vorne verdeckt die Sicht kaum und der Rest um Fahrer und Beifahrer herum ist unverbaut.

Als Fahrer greift man sich das schön gestaltete Holzlenkrad und hat zwei grosse Instrumente für Geschwindigkeit (bis 200 km/h) und Drehzahl (roter Bereich erst bei 6’500 U/Min) vor sich. Der Weg vom Lenkrad zum Schalthebel misst knapp zehn Zentimeter. Als grossgewachsener Zentraleuropäer fühlt man schon beim Einsteigen, dass dieses Cabriolet mit vier Metern Länge und 1,5 Metern Breite knapp geschnitten ist.

Aber damit lässt sich leben. Vor allem dann, wenn man mit der rechten Hand den Schlüssel in das unter dem Lenkrad liegende Zündschloss führt und den Motor startet. Willig nimmt dieser seinen Lauf auf und sofort giert er nach Drehzahlen. Sein Klang ist weniger aggressiv als man dies von einem Osca-Motor vielleicht erwartet, aber er ist melodiös und angenehm.

Die Gänge lassen sich leicht und exakt einlegen, das Fahren des Spiders stellt keine besonderen Anforderungen und auch die Verzögerung geht problemlos vonstatten. Frischluftgenuss pur ist angesagt, der Blick tastet über die rote Motorhaube den Horizont ab und sucht nach der nächsten Wechselkurve. So schön kann das Leben sein.

Teuer gewordene Rarität

Während vom 1500 Cabriolet/Coupé immerhin 21’380 Exemplare gebaut wurden (das 1200 Cabriolet brachte es auf 11’851 Stück), wurden von den Osca-Varianten nur 4’339 Fahrzeuge hergestellt, das Gros 1600S-Modelle.

Entsprechend gelangen sie seltener auf den Markt und sind dem Käufer wegen des konstruktiv aufwändigeren Motors und des wertigeren Interieurs mehr wert. Die Preise liegen bei mindestens Euro 30’000 (CHF 40’000) für Fahrzeuge in schönem Zustand, was rund dem Doppelten der einfacheren Variante 1500 Cabriolet entspricht.

Die Mechanik der Fiat 1500 Cabriolet samt Geschwister gilt als zuverlässig und ausgereift, Ersatzteilsorgen wird man wegen der geringen Stückzahlen am ehesten beim Osca-Aggregaten haben. Karosserieseitig neigen die selbsttragenden Konstruktionen vor allem an den tragenden Teilen zu Rostbefall, Reparaturen sind dann weder einfach noch billig. Eine aufwändige Restaurierung übersteigt selbst bei den Osca-Modellen schnell den Fahrzeugwert, weshalb man beim Kauf keine Kompromisse machen sollte.

Das hier portraitierte Fiat 1600 S Cabriolet von 1964 mit Osca-Motor wurde uns von der Firma allcarta freundlicherweise für eine Probefahrt zur Verfügung gestellt.

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