Als Modellautos noch auf dem Weihnachts-Wunschzettel standen
Ein Rennwagen von Dinky Toys kostete 1958 Fr. 1.90. Das klingt günstig. Aber das Sackgeld betrug zwei Franken pro Monat. Klingt schon weniger günstig. Da war Kreativität gefragt bei einem Jungen aus einem autofreien Haushalt, der seine ganze Autobegeisterung nur an Spielzeugautos ausleben konnte. Und diese Kreativität musste sich in mehreren konkreten Massnahmen manifestieren, so wie ich sie hier einzeln aufgeführt habe:
A) Die weitaus günstigste Massnahme
Nur den farbigen Katalog kaufen – für 25 Rappen. Das war allerdings immernoch ein halbes Wochengehalt! Und dann tagelang von all den Herrlichkeiten träumen. Ankreuzen, was unbedingt erworben werden sollte, was eventuell, und was definitiv uninteressant war – virtuelles Einkaufen sozusagen, aber strukturiert. Wobei: «den Katalog kaufen»... manchmal wurde er einem auch im Laden geschenkt. Oder man hat ihn sich auch mal selber – äh – geschenkt, im Untergeschoss des Eisenwaren- und Spielzeugladens bei den Modellautos, da wo man am Mittwoch-Nachmittag manchmal ganz alleine war.
B) Die strengste Massnahme
Keinerlei Geld ausgeben – ausser für Modellautos. Eine Art Bausparmodell, also eine früh trainierte Ausgabe-Disziplin. Das brachte rein rechnerisch maximal 12 Personenwagen-Modelle pro Jahr. Sollte es mal ein Lastwagen sein oder gar eine grosse Baumaschine für den Sandkasten im Sommer, sank die Anzahl der jährlichen Erwerbungen entsprechend.
C) Die kostenneutrale Massnahme
Automodelle konsequent auf den Wunschzettel setzen: Für Geburtstage, Weihnachten oder anlässlich der bestandenen Übertrittsprüfung in die Sekundarschule. Letztere zum Beispiel erbrachte 1960 immerhin einen Unic Pipeline-Röhren-Transporter für stolze acht Franken!
D) Die kreativste Massnahme – mit sozialer Komponente
Ich hatte für meinen jüngeren Bruder und meine beiden jüngeren Schwestern eine Art Rollenspiel erfunden. Ich führte dabei ein Bauunternehmen, mein Bruder einen Bauernhof und meine Schwestern standen einer Grosshaushaltung in der Puppenstube vor. Die drei Bereiche waren die Betätigungsfelder einer fiktiven, verzweigten Familie, einer Art Familienholding also. Zwischen Bauernhof, Bauunternehmung und Haushalt fand ein reger Austausch in improvisierten Dialogen statt, und der jeweilige Tätigkeitsbereich sowie der Austausch verlangte selbstverständlich nach den entsprechenden Fahrzeugen, zumal auch der kommunale Bereich (Feuerwehr, Polizei) abgedeckt werden musste. Und dieser Fahrzeugpark wiederum rief naturgemäss regelmässig nach Neuinvestitionen, die unter meiner Leitung umsichtig geplant wurden.
Die Planungsarbeit dieser Investitionen war katalogbasiert. Die vorgesehenen Anschaffungen wurden fein säuberlich mit je einer Farbe für die drei beteiligten Parteien markiert und sorgfältig priorisiert.
Als Chefeinkäufer des geschwisterlichen Wagenparks führte ich über sämtliche Erwerbungen akribisch Buch. Sogar das «Wohnwagenloch» (Anhänger-Kupplungsloch im Wagenboden) wurde dokumentiert sowie die Reifendimension im Hinblick auf einen allfälligen Ersatz. Auch Modellauto-Reifen konnten irgendwann mal kaputt gehen.
Das Problem war allerdings, dass die Geschwister mit ihrem Sackgeld meist andere Einsatzpläne hatten als ich. Deshalb hatte ich die Idee, sie anzuregen, bei Geburtstags- oder Weihnachtswünschen die für das gemeinsame Spiel notwendigen Fahrzeuganschaffungen kostenneutral zu berücksichtigen, was eine Zeit lang recht gut funktionierte. Dass mein Bruder sich mal einen Traktor wünschte, war unter damaligen Gendergesichtspunkten natürlich unauffällig. Erstaunlich war aber, dass sich im Kreis der Schenkenden niemand zu wundern schien, wenn eine meiner Schwestern einen Kipplastwagen auf dem Wunschzettel hatte oder einen fahrbaren Kran. Heute würde dies wohl von den einen Eltern bei der Tochter – fälschlicherweise – als frühemanzipatorischer Akt gefeiert – oder von den andern beim Sohn zu Recht als patriarchalischer, manipulativer Machismo gegeisselt.
E) Die professionellste Massnahme
Arbeiten gehen. Ab dem 7. Schuljahr konnten Schulkinder im Herbst bei der benachbarten landwirtschaftlichen Schule am Mittwoch-Nachmittag Kartoffeln sammeln helfen. Und das brachte pro Nachmittag stolze 5 Franken in Bar auf die Hand, also 10 Wochengehälter auf einen Schlag. Später vernichtete leider der zunehmend eingesetzte «Samro», die Erntemaschine, diese begehrten Arbeitsplätze.
Während dem achten und neunten Schuljahr kamen dann erste Ferienjobs in der örtlichen Porzellanfabrik, was meiner Modellsammlung einen kräftigen Schub verlieh und zugleich die Geschwister entlastete, zumal ich weiterhin auf Schleckware, Comichefte und andere kurzlebige Dinge konsequent verzichtete.
Aber auch in diesem Alter blieben kleinere oder grössere, schachtelförmige, «harte» Weihnachtsgeschenke – die «weichen» waren die alljährlichen Wollsocken – weiterhin hoch willkommen.
Wie war das bei ihnen, lieber Leser, liebe Leserin ? Ich hoffe, sie haben auch dieses Jahr die «richtigen» Weihnachtsgeschenke erhalten!

































