Waren die Alten besser?
Vor ziemlich genau 50 Jahren beschäftige sich Dieter Knoop in der Nummer 12/1974 von “auto motor und sport” mit der Frage, ob die Autos früher besser waren, also mit einer Frage, die auch in der Neuzeit immer wieder auf den Tisch kommt. Schon damals schauten offenbar viele Autobesitzer mit verklärten Augen in die Vergangenheit zurück und befanden, dass früher alles besser war.
Knoop wagte die Gegenthese. Es lohnt sich, den damaligen Beitrag nochmals zu lesen, wir fassen hier aber einige der interessantesten Aussagen zusammen:
Motoren hielten in den Siebzigerjahre trotz deutlich höherer Literleistung deutlich länger. Während in den Dreissigerjahre oft nach 40'000, manchmal auch nach 20'000 km eine Motorüberholung nötig war, taten die Aggregate in den Siebzigerjahre oftmals über 80'000 oder gar 100'000 km ihren Dienst, bis eine Revision nötig war. (50 Jahre später rechnet man wohl mindestens mit dem Doppelten). Der Grund dafür sind/waren bessere Werkstoffe, exaktere Fertigung, wirksamere Schmiermittel und vermutlich auch weniger Belastung der Motoren.
Dass die Autos der Siebzigerjahre deutlich flotter unterwegs waren, statt 85 km/h auch 140 km/h schnell fuhren und bezüglich Fahrleistungen den Autos der Dreissigerjahre in allen Punkten überlegen waren, muss nicht besonders betont werden (der Fortschritt der letzten 50 Jahre ist ebenso eindrücklich).
Kritisch beurteilte Knoop den Übergang zur selbstragenden Karosserie, welcher natürlich vor 50 Jahren weitgehend komplett vollzogen war, in den Dreissigerjahren aber noch in den Anfängen steckte: “..sie (die selbsttragende Karosserie) bot mit verringertem Gewicht auch reduzierte Kosten für Hersteller und niedrige Preise für den Abnehmer. Aber sie bestimmte von nun an und mit jedem Jahrzehnt gezielter die Lebensdauer des ganzen Autos. Um so kunstfertiger man da bei immer dünner werdendes Blech bei nahezu unverminderter Steifigkeit verarbeiten lernte, um so niedriger wurde damit die Lebenserwartung des blechernen Gehäuses: nach Unfällen, wenn es sich irreparabel verzog. Oder, noch häufiger und immer deutlicher werdend, wenn der Rost an tragenden, gleich wohl nicht sehr starken Partien nagte … “
Dem steifen “Rahmenwerk” auf der anderen Seite war es zu verdanken, dass viele Autos der Vorkriegszeit überlebten (und notfalls mit neuen Karosserien eingekleidet wurden). Dafür waren Siebzigerjahreautos halt auch leichter, preiswerter und verwindungssteifer. Gleichzeitig wurden die Fahrwerke deutlich aufwändiger und sicherer, die Autos verfügten über Knautschzonen, Sicherheitsgurten waren Mitte der Siebzigerjahre für die Vornesitzenden bereits obligatorisch. (Bis heute wurde dies alles perfektioniert, der Rostschutz ab den Achtzigerjahre deutlich verbessert).
Auch das “Zubehör” wurde zwischen den Dreissiger- und den Siebzigerjahren deutlich besser. Gemeint hier sind zum Beispiel Reifen, Bremsbeläge, Stossdämpfer, Zündkerzen, Scheibenwischer und ähnliches. (Und bis heute wurden alle diese Dinge weiter perfektioniert, das sieht man beispielsweise gut bei Scheibenwischern, aber auch bei Zündkerzen, die statt 10'000 km heute locker 50'000 und mehr Kilometer zuverlässig zünden).
Grosse Unterschiede zwischen den Autos der Dreissiger- und Siebzigerjahren bestand auch in der fortwährenden Wartung. Hatte ein Autofahrer noch in den Dreissigerjahre vor jeder Fahrt einiges zu tun, hatten sich die Wartungsintervalle bis in die Siebzigerjahre auf 10'000 km und mehr verlängert, ein Ölwechsel war nicht mehr alle 1000 oder 1500 km nötig, sondern alle 5000, 10'000 oder gar 20'000 km (z.B. bei Porsche). (heute erlebt der erste Besitzer eines Autos oftmals den ersten Ölwechsel gar nie, denn dieser ist erst noch 40'000 oder 60'000 km nötig).
Fettbüchsen und Schmierarbeiten gehörten in den Siebzigerjahren nur noch selten zum Alltag von Fahrzeugbesitzern, während ihre Vorgänger noch stets dafür sorgen mussten, dass Lager oder das Kupplungsseil jederzeit geschmiert waren. (heute öffnen Fahrzeugbesitzer oft über Jahre die Motorhaube ihres Autos nie selber).
Ja, das Auto der Siebzigerjahre war pflegeleichter, zuverlässiger und sicherer als seine Vorfahren aus der Vorkriegszeit. Einen ähnlichen Sprung haben wir wohl seither bis heute nochmals geschafft, bis zum Punkt, an dem sich Fahrzeugbesitzer kaum noch mit ihrem modernen Wagen beschäftigen müssen und diesen vieles selber machen lassen. Die zunehmende Komplexität im Fahrzeug aber limitiert die Chance für ein langfristiges Überleben der heutigen Automobile, und das Gegenteil ist eben beim vergleichsweise primitiven Klassiker der Vorkriegszeit der Fall.


























