Räubergeschichten, Expertenwissen und Jugendförderung
Neulich hatte ich wieder einmal Gelegenheit, etwas darüber nachzudenken, wie es sich anfühlen mag, wenn man als Neuling die ersten Kontakte knüpft. Zum ersten warmen Wochenende des März wollte es der Zufall, dass ein Freund zu einem mehr oder weniger spontanen Treffen auf dem Zürcher Hauspass, dem Albis eingeladen hatte – mit einem bunt durchmischten Haufen von Klassik- und Autoenthusiasten verschiedensten Alters.
Können Sie sich daran erinnern, wie es war, als sie zum ersten Mal eine Klassikmesse besucht haben, zu einem Treffen gefahren sind oder sich an einen Club-Stammtisch gesetzt haben? Wie haben Sie sich gefühlt, so als Neuling, als frisch in der Szene angekommen oder als staunender Besucher inmitten dieser kaum zu erfassenden Fülle einer Klassikmesse?
Vielleicht war es auch eine erste Begegnung an der Tankstelle, die unvergessen ist, wie Sie mit ihrem frisch erworbenen «Alten» zum ersten Mal haben Red- und Antwort stehen müssen gegenüber einem – vielleicht selbsternannten – «Experten».
Ich kann mich entsinnen, wie ein Freund bei der ersten Passfahrt mit seinem Adler Trumpf von 1936 über den Sankt Gotthard am Bach hat Wasser holen müssen. Der Kühler hatte gekocht. Ein alter Herr hielt neben dem Wagen an, hat diesen betrachtet und dann nur gemeint, dass der Jüngling offenbar nicht wisse, dass man früher niemals zur Mittagszeit am Pass unterwegs war: «Da müssen Sie das nächste Mal früher aufstehen, am besten noch in der Nacht, das weiss man doch!» Ein an sich guter Rat, in einem Brustton der Überzeugung von sich gegeben, dass wir wussten, was wir waren: Anfänger, Greenhorns, Frischlinge – noch grün hinter den Ohren.
Ja, wir haben in der Zwischenzeit sehr viel dazugelernt, sind an die vier Ecken Europas gefahren oder waren gar auf anderen Kontinenten unterwegs. Wir haben uns allerlei Autos gegönnt oder hatten zumindest die Gelegenheit, sie zu fahren. Wir kennen Hinz und Kunz und wissen «wer-mit-wem» – und weshalb – und was gut ist und was nicht. Wir stecken mittendrin und sind vielleicht auch etwas Stolz darauf. Oder sagen wir besser: Wir blicken mit stolzer Genugtuung auf das Erlebte und Erreichte in unseren langen Jahren in der Szene. Doch das ist, wie ich immer wieder feststelle, für Junge manchmal ein wahrer Killer.
DriversApp-Treffen auf dem Albis bei Zürich am 8. März 2025, eine gute Gelegenheit für Gespräche
Wir neigen gelegentlich wohl gar stark dazu zu betonen, wie toll und gut früher alles war. Wir erzählen gerne von den Zeiten, als man die Dinge noch «richtig» gemacht hat. Und wir sehen uns manchmal als die glücklichen, die noch bei den «guten» Treffen haben teilnehmen dürfen und die «echten» Abenteuer auf unseren Ausfahrten erlebt haben. Dabei wäre es womöglich gar nicht so schlecht, den frisch dazugekommenen ab und zu etwas zuzuhören – sofern sie sich überhaupt etwas zu sagen getrauen. Dann würde man erfahren, was einem heute so antreibt, das rostige Hobby zu pflegen, wie man sich heute untereinander austauscht oder wie eine neue Generation die Dinge ganz generell versteht.
Ein alter Autoredaktor hat mir einst gesagt: «Wir sind Klugscheisser und wir wissen alles, doch der Leser will dies nicht ständig um die Ohren geschlagen erhalten…». Vielleicht empfindet das die Jugend mit uns – den Wissenden – ähnlich, sie werden mit unserer Erfahrung geradezu erschlagen. Ich versuche deshalb, mich künftig etwas zurückzuhalten und dafür jungen Enthusiasten mehr Anerkennung zu schenken – nur schon dafür, dass sie sich überhaupt getraut haben, in den Zirkel der «Alten» und «Wissenden» vorzudringen um dort frischen Wind hinein zu tragen oder sogar etwas naive Unkenntnis und einen gesunden Erkundungstrieb zu pflegen. Es war damals auch unser Unwissen, das uns Abenteuer mit kochenden Kühlern eingebrockt hat. Und wie haben wir uns darüber gefreut, dass sich auch uns immer mehr Zusammenhänge erschlossen haben, je länger und tiefer wir in die Welt des klassischen Automobils eingetaucht sind – über Dinge, die wir heute als selbstverständlich betrachten. Und ja, unser bester Kumpel hiess damals noch «Herr Meier». Alles, was wir von ihm wussten war, dass er dasselbe Hobby pflegte und diesen Volvo Amazon fuhr…
Sigrist beim Referieren
Bilder: ©Ulrich Frede und Marius Egli


























