Shakedown in Goodwood – Archies Scott Browns Lister-Maserati und ein Renndebut
Der Freitag ist der ehrlichste Tag eines Rennwochenendes. Noch hat niemand gewonnen, noch glaubt jeder alles. In Goodwood ist er sogar mehr als das: Hier zählt das Qualifying bereits, und wer am Freitag schläft, startet hinterher.
Wir sind mit der "Jaguar Sportscar Collection" unterwegs, unter den Fittichen von Pendine Historic Cars, und ich habe das Vergnügen, Teil der Mannschaft zu sein. Zwei Autos, ein Tag, und das übliche Ritual: hier eine Schraube nachgezogen, dort etwas mehr Luft gegeben. Im Einsatz standen der XK 120 "Hansgen Special" und – das Herzstück – der Lister-Maserati.
Zwei Liter gegen den Rest der Welt
Man muss es so sagen: Der Lister ist untermotorisiert. Sein Zweiliter-Sechszylinder aus dem Maserati A6GCS leistet rund 200 PS. Wir haben in den unzähligen Ständen sogar einen Brief von Brian Lister gefunden, in dem er dem Motor 170 PS attestiert. Unserer ist ein Nachbau von Crostwaithe & Gardiner, er soll etwas mehr bringen. 200 PS sind eine hübsche Zahl, bis man sieht, was neben einem in der Boxengasse steht. Ein Lister-Knobbly mit dem 3,8-Liter-Jaguar-XK Motor bringt auf gegen 330 PS. Die Lister-Costin wohl noch mehr. Man rechnet also kurz nach, – nur rund 200 Kilo sollen die Costins oder Knobblys mehr wiegen, lässt es dann und konzentriert sich aufs Fahren.
Fast die doppelte Leistung bei der Konkurrenz
So geht es einem, wenn man in der Sussex Trophy antritt – einem Feld, das besonders auch dem Werk von Brian Lister huldigt und nebenbei den Fahrkünsten von Archie Scott Brown gedenkt. Richtig, einige Lotus 15 und Cooper Monaco sind auch mit dabei. Der Schotte Scott Brown aus Paisley kam 1927 zur Welt – die Rötelnerkrankung seiner Mutter hatte Folgen: Beine, die ihn erst nach 22 Operationen trugen, und eine rechte Hand ohne Finger. Mit genau dieser Hand hat er dann Rennwagen gelenkt. Und wie! An unserem kleinen "MER 303" erkennt man dies bis heute, sämtliche Schalter sitzen links vom Lenkrad. Dort trug Archie Finger, rechts hat er beim Schalten seinen Armtrumpf ins Lenkrad gestemmt.
Archie Scott Brown wird noch heute in UK hoch verehrt: Ein wilder Hund und trotz Handycap ein Siegfahrer
Gerade hier in England merkt man, wie beliebt dieser Mann war. Sein Name fällt an den Boxen, ohne dass jemand ausholen müsste. Er war ein Teufelskerl, ein Fahrkünstler erster Sorte – und, so wie unser Pilot Robin Dönni, offenbar auch ein Talent darin, dem Team die richtigen Rückmeldungen zu geben. Bei Lister traf das auf einen Konstrukteur, der zuhörte: Brian Lister baute die Wagen, der Cambridger Motorenspezialist Don Moore machte die Motoren schnell, und Archie Scott Brown fuhr sie (den Maserati leider nur meistens) ans Ziel. Im April 1954 gewannen die drei ihr erstes Rennen gemeinsam, in Snetterton. 1956 dann kam nach MG und Bristol-Motoren der Entscheid für die delikate und teure Maserati-Maschine – damals ein heikles, hochgezüchtetes Ding. Heute ist die Maschine standfest. Nur eben: nicht üppig mit Leistung gesegnet.
Keine Chance gegen die D-Types (rechts) oder selbst den Lotus 15 (ganz links hinter dem Lister-Maserati)
Ein Schweizer gibt sein Debüt
Der Tag war trotzdem – oder gerade deshalb – aufschlussreich. Der Wagen schlug sich gut, die Piloten ebenso. Das Shakedown ist damit erledigt und das erste Training im Kasten, nichts ist gebrochen, niemand lag im Kiesbett. Und das Wichtigste: Robin Dönni hat vor internationalem Publikum debütiert. Ein voller Erfolg!
Meine Wenigkeit, der Besitzer Christian Jenny und der Pilot: Robin Dönni
Bemerkenswert an diesem Fahrer ist seine Bandbreite. Vom Klassiker bis zum modernen Supersportwagen beherrscht er das ganze Spektrum – eine Kombination, die in seinem Alter selten ist. In einem Auto, das man mit dem Hinterteil fährt und nicht mit dem Drehzahlmesser, zeigt sich das schnell sehr schnell. Nun, heute später an diesem Samstag wissen wir mehr, dann ist das Rennen. Gestern Freitag wussten wir am Ende des Tages immerhin, dass es geht.

































