Ein Elf für den Weihnachtsmann
Am Nordpol soll er wohnen, und mit einem Schlitten unterwegs sein, heisst es. Allerdings ist es höchst fraglich, ob das stimmt. Zu viele Faktoren sind widersprüchlich. So scheint es ein logistischer Riesenaufwand zu sein, die Geschenke und das dazugehörige Papier und Verpackungsmaterial bis dahin zu transportieren, damit es von den Weihnachtselfen, so die angelsächsische Lesart, aufbereitet und in hübsche Geschenke verwandelt wir – alles für die lieben Kinderlein. Danach gilt es für das Team der Rentiere zusammen mit dem weissen, alten Mann die ganze Geschichte unter die Leute zu bringen. Man kann sich in etwa vorstellen, was der Tierschutz zu all dem Stress sagt. Fakt ist, die Geschichte ist kontrovers und wir bei Zwischengas, auf investigativen Journalismus spezialisiert, wollten nun endlich Klarheit schaffen. Der Zufall hat uns dabei in die Hände gespielt.
Zwischengas hat Post erhalten
Die Redaktion von Zwischengas ist schon seit längerer Zeit an der Thematik dran. Manche Redaktoren sprechen seit dem Sommer von nichts anderem als Weihnachten. Zum Ärger des Chefs machen einige Striche mit einem Marker auf ihre Schreibtischplatte. Beim einen soll das Christkind einen Motor bringen, beim anderen einen Auspuff-Endschalldämpfer, beim dritten etwas weniger Stress und mehr Zeit für eigene Projekte.
Wie meinen? «Christkind»? Ja, da haben wir bereits das Dilemma, wer ist es nun, der – oder das? – die Geschenke bringt? Wir haben uns darauf geeinigt, dass es beide sein müssen, denn anders wäre der Aufwand ja gar nicht zu bewältigen. Und ein Christkind, das einen 4.8-Liter Gussmotor aus den 1920er-Jahren fallen lässt, das wäre wohl ein grober Unfug.
Nun hat uns im November Post erreicht, dem Weihnachtsmann sei zu Ohren gekommen, dass sich die Redaktion mit den essenziellen Kernfragen beschäftige, aber keine schlüssige Antwort finde: Gibt es den Weihnachtsmann und wie ist er wirklich unterwegs? Und was ist mit dem Christkind? Der Absender des Briefes war niemand geringerer als der Weihnachtsmann selbst.
Konspiratives Treffen über den Wolken
Man wolle sich treffen, hiess es darin. Ab besten gleich links, auf dem Parkplatz über den Winterwolken. Wir müssten uns keine Sorgen machen, der Weihnachtsmann wisse, dass wir nicht sonderlich viel Freude an öffentlichem Verkehr hätten, darum kein Weihnachtszug oder Märchentram oder dergleichen. Wir sollen einfach ein Auto nehmen. Gesagt – getan! Also standen wir Mitte Dezember auf besagtem Parkplatz, sehr-sehr knapp über den Wolken und siehe da, der Weihnachtsmann kurvte deutlich röhrend um die Ecke. Er stieg aus, schüttelte uns die Hände und meinte, es gäbe einiges zu klären.
Der Tierschutz hätte ihm schon länger nahegelegt, auf die Rentiere zu verzichten. Diese kommen nur noch zu Showzwecken zum Einsatz, andererseits hänge die Bande nun hauptsächlich herum und klopfe Sprüche, etwa zum Outfit ihres «Alten», das sie mit seine rot-weissen Grundauslegung und den Fellrändern als fürchterlich altmodisch bezeichneten. Klar gebe es Elfen, meinte der Weihnachtsmann auf unsere Frage, den verflixten Motor hätten sie mit einem Kran herum bugsieren müssen, man könne schliesslich auch nicht zaubern, selbst sie nicht, die Weihnachtselfen. Aber der Endschalldämpfer sein nun OK, man habe dem Lieferanten im Schlaf einige Albträume spendiert, jetzt sei er aufgemuckt und habe sich endlich in den – die genauen Worte sparen wir hier zugunsten der Würde des Weihnachtsmannes – gekniffen.
Geheimer Treffpunkt über den Wolken
Der Spezial-Elfe
Vieles hat der Weihnachtsmann angesprochen: Das Rentierfutter sei wieder teurer geworden, dafür hätte er seit Jahren keine Geschwindigkeitsbusse mehr zugestellt erhalten. Und das mit dem Nordpol sein natürlich völliger Quatsch, das Weihnachtsmann-Hauptquartier läge in einer heruntergekommenen Lagerhalle im Hafen von Rotterdam, da wo das meiste chinesische Plastikspielzeug, das sich die Kinder heute wünschten, herkomme. So sei die Logistik einfacher zu handhaben. Und für die Auslieferungen seien ganz besondere Elfen zuständig, nur welche zu kriegen sei nicht mehr so einfach. Denn sie würden seit mehr als 50 Jahren gar nicht mehr gebaut. Denn, wir mochten es kaum glauben, der Weihnachtsmann war mit einem winzig kleinen, alten britischen Automobil daher gefahren gekommen. Nun stand er da und was wir zunächst als herunter rieselnden Rost interpretierten, hat sich bei näherer Betrachtung als Sternenstaub entpuppt, der goldglänzend sich unter dem Wagen auf dem Boden verteilte.
Wie? Richtig, das Auto! Es ist ein Riley Elf! Dafür haben wir nun den wissenschaftlichen Beweis und können auch sagen, dass der Weihnachtsmann ein Schaltmuffel ist, denn sein Auto ist ein Automat, wie einer der Redaktoren erstaunt feststellte. Der Weihnachtsmann kickte darauf hin mit seinen schweren Stiefeln an das linke Vorderrad und sagte, die Schaltversion wäre mit seinen dicken Knubbeln an den Füssen nicht zu meistern gewesen, er fahre zwar gerne wie ein wilder und drehe die Gänge voll aus, aber aus Vernunftgründen hätte er sich dann für die Automatikversion entschieden.
Wir haben ihn, Experten wie wir sind, daraufhin in dieser Entscheidung unterstützt und ihn in seiner Richtigkeit bekräftigt. Dann fing der Weihnachtsmann an, von einem 998 cm3–BMC A-Motor, Hydrolastic-Federn ab 1966 und solchen Dingen zu sprechen, worauf wir ihn etwas bremsen mussten, denn wir waren ja nicht gekommen, um über Technik zu diskutieren. Doch Herr Weihnachtsmann bestand darauf, uns die technischen Vorzüge seines Wagens weiter zu erläutern. Brachiale 38 Rentiere hätte der Motor, vielleicht auch mehr, man sei sich nicht bewusst, dass die gehörnten Pelzträger doch eine ganz andere Charakteristik hätte als Pferde, letztere seien ziemliche Memmen und hätten bei einem Schlittentest ständig rote Nasen gekriegt. Wir fragten nach Rudolf, dem Rentier mit einer ebensolchen roten Nase, doch der Weihnachtsmann ignorierte unsere Bemerkung geradeswegs und blieb bei seinem Auto.
Der Fan teilt seine Begeisterung
Er teile ja unsere Meinung, dass sein 1968er Riley Elf eine etwas gewöhnungsbedürftige Farbgebung habe. Dass der Wagen nie danach aussehe, eine konsistente Farbe zu haben, mal wirken die Türen etwas heller, mal die Kotflügel, liege daran, dass seine Lackier-Elfen aus ihren Kitteln den Sternenstaub nicht ausgeklopft hätten und dieser in die Farbdose gelangt sei. Dafür seien das originale Leder im Innenraum und das in Walnussholz belegte Armaturenbrett astrein. Wir wollten anmerken, dass bei Walnussholz darauf geachtet wird, nur Furniere ohne Astlöcher zu verwenden, doch das schien uns klugscheisserisch gegenüber dem alten Herrn im roten Wams. Dieser lief nun zur Höchstform auf, referierte über die Lucas-Kippschalter von denen er aber nicht wisse, wozu welcher diene. «Weihnachty» vergisst zwar nie, welches Kind wann was gemacht oder versäumt hat, doch ansonsten ist er ein vergesslicher Schussel. Und der Besitzer des Riley bestand darauf, dass wir mit seinem Dienstwagen eine Proberunde drehten.
Weihnachtsmann mit souveräner – äh – Kraft
Wir hätten es gleich sagen können, die ersten selbstgefahrenen Meter bestätigten die Vermutung: Es sind doch Pferde, keine Rentiere! Und diese reissen sich gehörig am Riemen. Wir haben uns aber die Bemerkung zu langem Hub und solchen Dingen erspart. Das Automatikgetriebe schaltete derweil in der D-Stellung perfekt rauf und gelegentlich auch wieder runter. Der Weihnachtsmann ist ein gemütlicher Zeitgenosse und dies strahlt auch sein Auto aus. Aber der Riley fährt, recht ordentlich sogar. Wunderlich ist, wie er die zielgenauen Punktlandungen auf den Dächern hinkriegt mit diesen Bremsen! Gleich vorweg: Es blieb ein Geheimnis. Das ist aber auch das wirklich einzige, das uns bei dieser Begegnung verborgen geblieben ist. Alles andere wurde restlos geklärt. Etwa auch, dass das Auto leicht nach verbrannten Lebkuchen riecht beim Gaswegnehmen ...
In unserer Redaktion können wir uns damit wieder den wichtigen Dingen widmen: Müssen etwa Kaffeetassen jeden Abend in die Spülmaschine oder lieber doch nur dann, wenn keine einzige mehr im Schrank steht und der Restkaffee der dreckigen Tassen dafür schon betonhart ist?
Freudig verabschiedeten wir uns und liessen die Informationen des Weihnachtsmanns Revue passieren: Von 1961 bis 1969 wurde der Riley Elf von BMC in drei Serien gebaut. Er war er das letzte Modell mit dem traditionsreichen Namen. Als Wolseley Hornet war der «Mini mit Kofferraum» dann 1970 Geschichte.
Wieder in der Redaktion angekommen, kam rasch die Ernüchterung: Das Christkind hat uns ebenfalls geschrieben und liess in seinem Brief mitteilen, dass unsere Weihnachtsmann-Informationen Quatsch seien: Eine Lagerhalle in Rotterdam, das sei ja völlig absurd, man bestelle heute doch alles bei Temu online!
Tja, und so steht die Redaktion da und wundert sich. Ja mehr noch: Das Auto vom Weihnachtsmann haben wir kurz darauf bei einer bekannten Zürcher Autohändlerin zum Verkauf gefunden.
Das wirft einen dumpfen Verdacht auf? Wurden wir etwa angeflunkert? Hat sich der Weihnachtsmann unsere Naivität zunutze gemacht und uns ein Rentier, also, einen Bären aufgebunden? Es hat doch alles so vernünftig getönt – und der Riley Elf fuhr sich wie ein Traum…


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