Nicht mehr in der Zielgruppe
Lotus ist an der Mailänder Design Week. Diese Pressemitteilung fand ich diese Woche in der Redaktions-Mailbox:
Seit 1948 steht Lotus für Leichtbau, Ingenieurskunst und emotionales Design. Diese Entwicklung basiert auf drei Prinzipien:
Digital – intelligente, immersive Erlebnisse
Natural – Mensch, Emotion und Verbindung
Analogue – Fortschritt in der Performance-Technik
Gemeinsam prägen sie die unverwechselbare Designsprache der Marke.
Die Ausstellung zeigt, wie Lotus reduziert, neu denkt und gestaltet: von aerodynamischen Formen über ergonomische Konzepte bis hin zu intuitiven Fahrer-Interfaces. Ergänzt wird dies durch eine Künstlerresidenz mit James Martin, die Fortschritt als persönliche und kreative Reise interpretiert.
Das Fahrzeug ist bereits vom 2. bis 16. April im Larusmiani-Store in Mailand zu sehen.
Nun, ich bin ... etwas überfordert. Oder einfach von gestern. Denn die Marke in Hethel, an die ich mich erinnern kann, war eine Fabrik in einer eher ländlichen Gegend, die Autos für Pertrolheads gebaut hat, kompromisslos, ehrlich und ohne Schnick-Schnack. Gewiss, diese Sorte von Käufern war nicht sehr zahlreich. Lotus verkaufte vor rund 10 Jahren jeweils etwa 1800 bis 2000 Autos im Jahr. Immerhin: 2018 soll der Hersteller einen Gewinn erwirtschaftet haben, dies mit Hardcore-Sportwagen wie der Elise, dem Exige und dem Evora.
Pressefahrt zur Nord-Küste von Norfolk mit dem Exige – es gab ein kurzes Briefing, dann los!
Ich kann mich an Pressemeetings erinnern, die im Durchgang zwischen dem Briefingroom und der kleinen Desingnabteilung von Lotus Head-of-Design Russell Carr stattgefunden haben. Der Chauffeur, der einem in London-Heathrow jeweils abholte, war derselbe, der auch den CEO, Jean-Marc Gales – nach seinem Wochenende zu Hause in Luxemburg – von London hoch nach Norfolk fuhr. Da gab es jeweils auch den neusten Klatsch zu hören, etwa dass Jean-Marc seinen Führerschein habe abgeben müssen, weil er beim Speeding mit einem Lotus erwischt worden sei. Einmal angekommen, war man wieder mit den wichtigen Infos versorgt.
"Was, Du schon wieder!" meinte einst Lotus CEO Jean-Marc Gales bei einer Presseveranstaltung 2017, ja Kunststück, er hatte mich ja zum vierten Mal innerhalb eines Jahres eingeladen...
Lotus schaffte es damals, um 2017, einem ohne viel Tam-Tam mit den wichtigen Infos zu versorgen. Man wurde eingeflogen, der Chauffeur brachte einem in den Norden, die Wagen standen direkt vor der Tür des kleinen Verwaltungstrakts mit einem leicht ausgebleichten Dekor verschiedener Lotus F-1 Rennwagen auf der Wand, ein übergrosser Sticker. Die Route an den südlichen Stadtrand von Norwich war immer dieselbe, die Wegweiser – quasi fest montiert – eigentlich überflüssig. Manchmal begleitete mich Alastair Florance, genannt "Flo". Ich weiss nicht, ob er Geologe ist oder sich nur dafür interessiert hat, aber er erklärte mir die Molasseschichten von Norfolk – bei etwa 70 Meilen pro Stunde, die ich eine B-Road herunterbretterte. Oder wir machten einen Halt in Mulbarton und stakten gemeinsam über den Common – die Allmend - des Nachbarortes der Lotus-Fabrik in Hethel. Das half irgendwie die eher krautigen Kerle rund um Norwich etwas besser zu begreifen – herzensgute Menschen. Oder wir holten uns Fish&Chips, da konnte man ja sowieso keinen Fehler machen.
Perfekt nach einer wilden Fahrt über enge B-Roads rund um Norwich.
Nach dem Strassenkurs ging es danach meist auf die Rennstrecke, der alte Control-Tower war noch präsent, hier wurde einem ein Helm in die Hand gedrückt, eine kurze Einweisung und dann ging es raus auf die Strecke. Es gab kein Pace-Car, keine Extra-Schikane – und niemand sonst! Die ganze Piste für sich alleine – herrlich! Oder Flo meinte, wir sollten uns eine Runde in Colins letztem Esprit gönnen, ja wenn es denn sein musste...
Colin Chapmans letzter eigener Wagen, ein Esprit Turbo, stand bei der Vorstellung des Emira zur Probefahrt bereit, der alte Control-Tower war da bereits abgebrochen worden und durch einen Container (das "Clubhouse") ersetzt.
Die Schuhe stellte ich jeweils auf das Gras beim Tower, sie waren immer zu grob für die filigrane Pedalerie der Lotus. Zurück beim Verwaltungsgebäude stand da meist wieder Jean-Marc und wollte die Eindrücke höchstpersönlich selber erfahren. Da gab es weiteres Hintergrundwissen, etwa dass er die Sitzschienen hatte optimieren lassen, nachdem beim ersten Lotus, in der er sich als frischgebackener CEO gesetzt habe, die Sitze wackelten. Die unsägliche Schalthebelführung früherer Modelle hatte ein Mitarbeiter in seiner Freizeit soweit verbessert, dass sie in den letzten Elise und Exige – eine Skelettkonstruktion mit Zwischenraum-hindurch-zu-schaun – mit zum Besten gehören, was eine Kabelzug-basierte Schaltführung überhaupt hergibt.
Fertige Exige, Evora und Elisen in der Endkontrolle, das Foto ist mit dem Handy entstanden.
Und fotografieren in der Produktion? Ein Verbot war nie ein Thema: "Stehe nicht im Weg herum, frage die Arbeiter, die mit auf dem Bild sind, und gut ist es!" Alles leicht, alles easy. Add lightness and simplify...
Aber Mailand, ein italienischer Herrenausstatter, Wermut statt Bier (besser noch: Ale! Und dazu Fish&Chips), elegante Menschen in eleganten Räumen und Palazzi? Dies statt Blaumänner, etwas zu klein gewordene Polohemden und eine Werkhalle wo gearbeitet wird? Und eine Rennstrecke wo Gas gegeben wird? Nein, ich gehöre wohl nicht mehr zur Zielgruppe... Sorry guys, I'm out!
































