Arrivederci, Alberto!
Nachruf Albert Spiess • 19. Januar 1950 — 20. September 2026
Putzen fürs perfekte Foto – Albert Spiess 2013 mit seinem Lamborghini 350 GTV von 1963
Lieber Albert,
Du hast Dich neulich gar nicht mehr zurückgemeldet – das kenne ich nicht von Dir. Muss ich mir Sorgen machen …?
Solche Gedanken umwehen mich noch immer. Weil es einfach so unbegreiflich ist, dass Du plötzlich nicht mehr da bist. Am 20. September 2026 hast Du Dich ganz still von dieser Welt verabschiedet. Und Deinem Umfeld damit einen Leerraum hinterlassen, den einzig eine tiefe Trauer füllen kann.
Husch, husch, aus dem Bild – flüchtender Albert Spiess vor dem allerersten Lamborghini-Prototyp
Was bleibt, sind Erinnerungen an ungewöhnliche Momente. Wie zum Beispiel an der Villa d'Este oder in Pebble Beach. Du liebtest es, wenn Menschen – vom kleinen Jungen bis zum erhabenen Connaisseur – Deine Autos bewunderten, bliebst dabei aber stets im Hintergrund. Wenn Du Dich nicht sogar anonym unter das staunende Publikum mischtest. Bei den schillerndsten Concours-Events, im Auflauf der Grellen, Lauten und Selbstverliebten, warst Du der bescheidene Typ im Abseits, den man erst bei der Siegerehrung wahrnahm. Und zwar zumeist als Gewinner.
Dominik Fischlin kürt Albert Spiess beim 2013er Concorso d'Eleganza Villa d'Este mal wieder zum „Best in Class“ – diesmal für seinen Lamborghini 350 GTV
Bis dahin galt Dein ganz persönliches “Ladies first”: Deine bezaubernde Rita, mehr als 50 Jahre lang Deine bessere Hälfte, lenkte meistens die Traumautos durch die Spaliere der applaudierenden Besucher; mit der ihr natürlichen Gelassenheit – und traditionell barfuss. Dass Dir in der Diskretion der sicheren Kulisse am wohlsten war, wirkt fast wie ein Widerspruch zu Deiner geradezu kindlichen Begeisterungsfähigkeit. Aber das war eben Deine charakteristische Melange: etwas menschenscheu, aber passionsmässig leicht entzündlich.
Wässern für das tiefste Schwarz – Albert Spiess im nächsten Einsatz als Fotoassistent, diesmal mit dem einzigen gebauten Lamborghini Miura Roadster
Auf meinen journalistischen Streifzügen durch einige der spektakulärsten Automobilkollektionen der Welt habe ich manche der bedeutendsten Sammler kennengelernt. Es ist eine sehr eigene Spezies – zu der Du nicht gehörtest. Du warst stets offen, ansprechbar, zugewandt, geduldig, liebenswert, zuverlässig, unprätentiös. Dabei hast Du von Deinem unbekannten Vis-à-vis nichts verlangt; es reichte, Deine Euphorie, Deine Faszination für die Materie zu teilen.
Lady first – Albert Spiess' langjährige Lebensgefährtin Rita Kälin im Miura Roadster
Dabei warst Du der grösste Sammler von allen. Nicht nur, weil Du Deine Autos mehr geliebt hast als andere Granden der Szene. Sondern auch, weil niemand einen atemberaubenderen Fuhrpark sein Eigen nennen kann. Unter den zahlreichen Studien, Showcars und Unikaten, die Lamborghini seit der Gründung 1963 hervorgebracht hat, tummelten sich bei Dir gefühlte 90 Prozent – obwohl Du es nicht einmal darauf anlegtest, sie möglichst vollständig zu besitzen.
Pausenplausch hinterm Wildgeflügel – Albert Spiess (links) und sein Wagenmeister Nik Waser (rechts) lassen sich vom Lamborghini Marzal ablenken
Für Dich geboten nüchterne Vernunftentscheidungen, einige stehenzulassen. Wie den 1966er Flying Star II, der Dir einfach zu teuer war. Oder den 1964er 3500 GTZ, an dessen Zagato-Kleid Dir der eckige Hintern missfiel. Viele haben das nicht verstanden. Ich fand es prinzipientreu. Und, ganz ehrlich: Marzal, Miura Roadster, 350 GTV, Athon, Bravo, 350 GT Spider und viele weitere Einmaligkeiten à la Bolognese unter einem Schweizer Dach sind schon unglaublich genug.
Einige dieser Ikonen hätten andere Bewerber nicht für Geld und gute Worte bekommen. Warum Du? Weil Du immer Deine Freundschaften ohne jede Berechnung gepflegt und ein Höchstmass an ehrlichem, ansteckendem Enthusiasmus bei profunder automobilhistorischer Wertschätzung vermittelt hast. Was die Anbieter, die ihr Schätzchen in besten Händen wissen wollten, aus langjähriger, unbestechlicher Erfahrung mit Dir wussten. Bei Dir, das war allen klar, stellte ein zwölfzylindriger Superlativ kein Stück Handelsware auf dem Zwischenstopp zum Maximalprofit dar.
Silberrücken auch innen – die sensationelle Lamborghini-Studie Marzal, daneben Albert Spiess (rechts) und Nik Waser
Dank dieses Solidaritätsverständnisses haben sogar einige Hersteller höchstkarätiger Fahrzeuge ein tiefes Vertrauen zu Dir gefasst. Mit dem Effekt, dass sie Dich konsultierten, wenn es etwa um individuell kommissionierte Sonderversionen ging. Die Initialzündung dazu gab sicherlich Lamborghinis authentische Rekonstruktion des einst vernichteten Countach-Prototyps LP 500. Ich greife nicht zu hoch, wenn ich behaupte, dass wohl kein Automobilsammler jemals solch einen Einfluss auf die Superauto-Manufakturen und deren aktuelle Sondermodelle hatte wie Du.
Kinder in die Macht – Autorentochter Smilla Blaube bei der Steuerprüfung in Albert Spiess' Ur-Countach (Concorso d'Eleganza Villa d'Este 2015)
Am meisten habe ich Deine unermüdlichen Einsätze bewundert, wenn es um die Perfektion der Fotografie ging: Mit rührendem Fleiss und ausdauernder Hingabe hast Du die Autos, die es abzulichten galt, geputzt, hast die Strasse gefegt, den Aufhellschirm gehalten, den Kamerawagen gefahren. Wünschte ich mir einen schwarz glänzenden Asphalt vor Deiner Halle, hast Du wie selbstverständlich zum Wasserschlauch gegriffen.
Relax-Moment beim Concorso – Albert Spiess (links) in entspannter Gesellschaft
Und wenn ich im offenen Kofferraum eines Wagens lag, um den folgenden zu fotografieren, und Dich dabei anbrüllte, dass Du präziser fahren sollst, hast Du geduldig einfach Dein Bestes gegeben. Ohne Dich jemals zu beschweren. Das tat mir im Nachhinein immer etwas leid. Heute tut es mir unendlich leid.
Damenwahl – Rita Kälin (am Lenkrad) und Tanja Nebel cruisen im Countach Periscopio durch den Park der Villa Erba (2015)
Und dann waren da noch die Spässe, über die wir uns so regelmässig kaputtlachten, dass sie – ohne inhaltlich oder intellektuell besonders anspruchsvoll zu sein – zu gemeinsamen Running Gags aufstiegen. Ob auf unserer legendären Tour zu Lamborghini, den Fotoproduktionen auf den Landstrassen hinter Deiner Halle oder irgendwo dazwischen, stets in liebenswerter Gesellschaft von Nik, Deinem treuen Freund und Wagenmeister, der guten Seele Deiner Sammlung.
Unvergessliche Erlebnisse haben Rita und Du auch meinen Damen beim einen oder anderen Concorso d'Eleganza beschert. Im Countach Periscopio mit geöffneten Scherentüren vor die strengen Preisrichter zu rollen, gehört nun mal zu den maximalen automobilen Freuden. Wobei mich immer wieder rührte, wie eingehend Du Dich in jedem Telefonat nach “den beiden Mädels” erkundigtest.
Granden der Szene – Dottore Adolfo Orsi, Spross der Maserati-Eignerfamilie (1937–68), mit Albert Spiess an der Villa d'Este
Geht es Tanja gut? Wie schlägt Smilla sich im Studium? Bitte grüsse beide ganz herzlich … Das war eigentlich nichts Besonderes. Nur der ganz normale soziale Umgang der Marke Albert Spiess: immer interessiert, respektvoll und empathisch, nie oberflächlich, gestelzt oder gekünstelt.
Nun, mit 76 bemerkenswert frischen Jahren, bist Du verstorben. Irgendwie mittendrin. Mit Dir ist ein Prototyp der raren Art besonders menschlicher Menschen und bedingungslos guter Freunde abgetreten. Ach, mein alter Alberto, wir hatten noch so viel vor … Bei aller Trauer freut es mich sehr, dass Du als umsichtiger, vorsichtiger Zeitgenosse den Fortbestand Deiner unfassbaren Supersportwagen-Sammlung zu Lebzeiten geregelt hast.
In Rot zu Gold – Concorso d'Eleganza 2018 – mit seinem Alfa Romeo 33--2 Stradale holte Albert Spiess, hier am Volant, den begehrten "Coppa d'Oro“
Dir indes mag es ein kleiner Trost sein, dass es dort, wo Du jetzt bist, wenigstens einen Lamborghini gibt. Nämlich Ferruccio Lamborghini. Du erkennst ihn an der rechten Hand, die gleichzeitig die Muratti und das Glas Sangue di Miura hält. Ihr habt sicherlich sehr, sehr viel miteinander zu besprechen.
Dein Wolfgang
































