Ein Leben mit Licht und Schatten
Manchmal werden Unternehmer oder Firmenchefs zu Übervätern. Die Glorie eines Lebens klebt wie Honigtau auf ihrer Biografie und verkleistert den Blick auf die zweite Seite der Medaille, die es genauso gibt. Die man aber entweder unter den Tisch fallen lässt oder als geringfügig abtut.
So ein Übervater für Volkswagen ist Carl Horst Hahn. Ab 1954 in führenden Positionen bei VW tätig, von 1981 bis 1992 Vorstandsvorsitzender und danach bis 1997 im Aufsichtsrat. Aktuell wird er anlässlich seines 100. Geburtstags im Zeithaus in der Autostadt gewürdigt, das Kunstmuseum Wolfsburg zeigte bis 30. August "Aus Liebe zur Kunst. Carl H. Hahn zum 100. Geburtstag“.
Dass Carl H. Hahn so erfolgreich werden konnte, lag auch an seinem glücklichen Start ins Leben. Zwar wurde er als 26er-Jahrgang zum Kriegsende noch eingezogen, doch Hahn Senior versorgte ihn 1945 mit Papieren, wie er selbst erzählte, die ihn aus dem sowjetischen Ostsektor in die amerikanische Besatzungszone führten. Später studierte er ab 1950 Volks- und Betriebswirtschaftslehre – in Zürich, Bristol, Paris und Perugia.
Es wird nicht viele junge deutsche Männer gegeben haben, die damals in der Schweiz, England, Frankreich und Italien studieren konnten. Selbst wenn das "oft am Rand des Existenzminimums“ war, wie er in seiner Biografie "Meine Jahre mit Volkswagen" schreibt. Und seinem Start bei VW als Assistent von Generaldirektor Nordhoff 1954 dürfte es auch nicht geschadet haben, dass Vater Hahn früher ein DKW-Werk leitete und über die alte und neue Auto Union in der Szene bestens vernetzt war.
Der Aufstieg von VW in Amerika mit dem Käfer? Sein Verdienst, aber auch eine dankbare Zeit, in der ein Käfer weltweit zum Millionenerfolg wurde. Beim Golf-Debüt war er nicht zugegen, da nahm er eine Auszeit bei Continental, weil er mit dem Nordhoff-Nachfolger nicht auskam. Erst 1981 gab er als neuer Vorstandsvorsitzender nochmal richtig Gas.
Sein Engagement in China und die Übernahme von Seat werden gerühmt, aus heutiger Sicht kann man das auch anders sehen. Nicht nur wirtschaftlich bei Seat, sondern auch bei den Menschenrechtsfragen in China. Fraglos war der Aufstieg zum Welt- und Mehrmarkenkonzern sein Verdienst. Aber einen Devisenskandal 1986/87, der einen kompletten Jahresgewinn vernichtete, hatte er als Chef genauso zu verantworten, selbst wenn er kein Täter war.
Es blieb nichts nach und mit der Übernahme von Skoda und den "goldenen Verkaufsjahren“ nach der Wiedervereinigung endete die lange Karriere in einer Kostenkrise, die Ferdinand Piëch ab 1993 mit dem "Würger von Wolfsburg“ alias José Lopez bekämpfen musste.
Der Übervater ging in einen sorgenfreien und umtriebigen Ruhestand. Der Senator Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Carl H. Hahn hatte weiter Termine auf der ganzen Welt und fuhr gern im kleinen Porsche 914 Oldtimer-Rallyes. Drei Sekretärinnen und ein Referent halfen ihm beim Tagesgeschäft. 2023 starb der Ehrenbürger von Wolfburg friedlich zuhause – mit Regalen voller Orden und Ehrungen.


























