Luigi iste kein Fan von die Ferrari
Ja, ich weiss. Mit zweieinhalb Jahren Verspätung kann man eine Filmkritik eigentlich auch bleibenlassen. Aber ich muss nun einmal warten, bis die allerneuesten Streifen irgendwann im Fernsehen laufen – und ich zufällig davor sitze. Denn Filme wie Ferrari sind der Grund dafür, dass ich nicht mehr ins Kino gehe.
Filme nämlich, die so dermassen von ihrer eigenen Herrlichkeit überzeugt sind, dass sie meinen, sich alles erlauben zu können – oder eher: sich nichts erlauben zu müssen. Denn Ferrari ist genau das: nichts. Nicht so wirklich Portrait, nicht so wirklich Firmenbiografie, nicht so wirklich Rennsportdrama, nicht so wirklich Film. Den Umstand, dass es bereits 2003 eine italienische Fernsehproduktion unter gleichem Titel gegeben hat, die deutlich mehr von alledem ist, ignorieren wir an dieser Stelle einmal. Das birgt nur Verwechslungsgefahr.
Zugegeben: Grauhaariger Miesepeter mit Sonnenbrille hat Eheprobleme hätte sich an der Kinokasse wahrscheinlich nicht so gut verkauft. Hätte dafür aber die richtigen Erwartungen geweckt. Denn genau das ist das Problem der Titelwahl: Von all den Assoziationen, die die Marke "Ferrari" hervorruft, enthält der Film nur die banalste: den Vornamen des Firmengründers. Ferrari (der von 2023) beginnt an einem willkürlichen Punkt in Enzos Leben mit vielen losen Enden – und endet 130 Minuten später an einem willkürlichen Punkt in Enzos Leben mit vielen losen Enden.
Ich habe ja gar kein Problem damit, dass Enzo Ferrari einmal von seiner privaten Seite gezeigt werden soll. Aber dann soll es bitte auch eine Seite sein, die man noch nicht kennt. Ferrari galt immer als empathieloses Arschloch. Und der Film zeigt ihn als… empathieloses Arschloch. Dabei war er das laut Peter Schetty gar nicht. Folglich sah jeder Ferrari-Fan, der eine tiefschürfend-emotionale Aufarbeitung einer tragischen Figur erwartet hat, spätestens bei Filmhalbzeit aus wie Vorzeige-Tifoso Luigi aus Cars, als seinem Kumpel Guido der Boxenstopp verweigert wird.
Alle drei Handlungsstränge – die Affäre, die Firma, das Rennen – werden nur oberflächlich angekratzt und haben vor allem erstaunlich wenig miteinander zu tun. Kein Konflikt dauert länger als eine Szene. Zudem bleibt die Motivation der Figuren oft unklar. Denn einerseits gehört subtiles Spiel nicht gerade zu den Stärken der Besetzung; andererseits versuchen die Dialoge so angestrengt tiefgründig sein, dass sie oft überhaupt nichts mehr aussagen. Immerhin hat man in der deutschen Sprachausgabe auf "Italiener, die-e so-e reden-e" verzichtet.
Wer eine Liebesgeschichte, Autorennen und ein Familienunternehmen kurz vor der Pleite mit deutlich mehr Tiefgang und um einiges besser miteinander verknüpft sehen will, sollte sich Herbie: Fully Loaded anschauen. Und das ist mein voller Ernst. Ferrari erreicht dramaturgisch nicht das Niveau einer Disney-Komödie für Kinder. Dort sind die computeranimierten Szenen zwar auch so mies, dass man gelegentlich laut lachen muss. Nur wirkt diese ungewollte Albernheit in einer Geschichte über einen VW Käfer mit übernatürlichen Kräften weit weniger deplatziert als in dem sich selbst so ernstnehmenden Melodram.
Warum Enzo Ferrari nicht zur Nebenfigur machen, wenn man nichts Neues über ihn erzählen darf, kann oder will? Warum sich nicht auf Alfonso De Portago konzentrieren und parallel immer mal wieder Szenen aus den Leben der italienischen Buben zeigen, bis sich die Schicksale an jenem Tag im Mai 1957 auf so tragische Weise kreuzen? Dann hätte man vielleicht einen guten Film und vor allem so etwas wie eine emotionale Bindung an die Charaktere gehabt. Aber hätte man dann natürlich nicht mit dem klangvollen Namen die Kinokassen klingeln lassen können.
In Ferrari ist mir De Portago herzlich egal. Weil die Figur nie wirklich eingeführt wird und man nichts über ihn erfährt, ausser dass er eine Freundin hat – deren Trauer über sein Ableben man dann deshalb nicht wirklich teilen kann. Die todgeweihten Kinder sind mir noch viel egaler, weil sie genauso plötzlich aus dem Nichts auftauchen wie sie verschwinden. Und Enzo Ferrari ist mir mit Abstand am egalsten, weil er selbst klischeehaft-überzeichnete Unsympathen wie Trip Murphy plötzlich liebenswert wirken lässt.
Es scheint so, als habe Regisseur Michael Mann hier Leo Beebe aus Le Mans 66 unbedingt noch unterbieten wollen. Mit dessen Darstellung war ich aus Sicht des Automobilhistorikers zwar auch nicht wirklich einverstanden. Aber im Sinne der Dramaturgie war das Schaffen eines Gegenspielers nun einmal notwendig. Le Mans 66 ist meiner Meinung nach auch weit davon entfernt, ein Meisterwerk oder gar ein Film für Autoliebhaber zu sein. Aber immerhin wusste James Mangold, welche Geschichte er erzählen will und vor allem wie er sie zu erzählen hat, damit das Publikum nicht einschläft.
Tun wir nun einmal kurz so, als würde Ferrari nicht unter dem Nimbus der berühmtesten Sportwagenmarke der Welt stehen. Was bleibt dann noch? Eine eindimensionale Geschichte über einen Typ in Finanznöten mit einer ausserehelichen Affäre – etwas, das man in jedem zweiten Vorabendfilm der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender auch bekommt: generische Mittelmässigkeit, lustlos geschrieben, lustlos gespielt, lustlos gefilmt, ohne jedes Gespür für Zeitgeist in Wort und Bild.
Aber sowas kommt nun einmal heraus, wenn man glaubt, grosse Namen und viel Geld würden automatisch einen guten Film ergeben. Und nur so erklären sich meiner Meinung nach auch die ganzen begeisterten Kritiken. Frei nach dem Motto: "Wenn so viel Gutes zusammenkommt, muss das Resultat ja auch gut sein." Freilich ein Irrglaube. Oder anders ausgedrückt: Ein Colombo-V12 und eine Pininfarina-Karosserie alleine machen noch keinen Ferrari. Es braucht noch den talentierten Handwerker, der sie zusammenfügt.


























