Probefahren!!!
Jedes Mal sage ich mir dasselbe: Bleib nüchtern, höre und schaue genau hin. Sei kritisch, stelle allerhand Fragen und versuche – äh – nochmals: nüchtern zu bleiben! Nun, ich habe definitiv kein Alkoholproblem, gemeint ist der klare Verstand, den ich anwenden soll. Und was passiert dann? Wie am vergangenen Wochenende schlage ich all diese guten Vorsätze und Absichten in den Wind, setze mich in ein Auto und gebe mich dessen süssen Versuchungen voll und ganz hin. Diesmal war es ein 1964er Jaguar Mk 2 – ein durchaus flotter 3.4-Litre noch mit dem Moss-Getriebe und Overdrive. Vermutlich wurde er einst neu lackiert, der Innenraum aber präsentiert sich erfreulich original mit hübsch patinierten, roten Ledersitzen. Die Historie ist einigermassen bekannt, ausgeliefert wurde der knuffige Saloon beim Schweizer Importeur für den französischsprachigen Teil, der Garage Claparède SA in Genf.
Und dann? Kaum ist der Motor gestartet, blubbert es aus dem Auspuff und hat sich die Fuhre in Bewegung gesetzt, sind diese Dinge vergessen. Ja, der Wagen fährt toll, er schaltet gut, der Overdrive wird sanft zu- und weggeschaltet und es dringen keine Poltergeräusche in den Innenraum. Die Bremsen ziehen auch einigermassen gerade. Nur die Anzeige für den Bremsflüssigkeitsstand flackert gelegentlich. Dann ist die Welt ja in Ordnung. Und so fährt man dahin, spricht mit dem Besitzer über Gott und die Welt, lenkt hierhin und dahin und geniesst die Fahrt. Ja, der Wagen verschluckt sich beim Verlassen eines Kreisels, der fünfte Zylinder veröle die Kerze, es gibt kleine Bläschen an den Türkanten und die Farbe, ob dieses Blau-Metallic original ist, das ist auch unklar. Aber die kurze Ausfahrt war lustvoll. Das tönt ja alles ganz gut, nur stellt sich die Frage, ob ich nun dieses Auto "nüchtern" betrachtet habe, hineingefühlt und es kritisch begutachtet? Ich befürchte nicht! Denn es hat mich um den Finger gewickelt, eingelullt, mir etwas geschmeichelt (in diesem Fall mit kratzfreiem Herunterschalten in den zweiten Gang) und – ganz ehrlich – die Sinne vernebelt. Wenn sich der Nebel aber gelichtet hat, werde ich mich wohl entscheiden – müssen. Da dies noch nicht geschehen ist, verzichte ich auf ein Bild des fraglichen Wagens und präsentiere zum Jaguar Mk 2 indessen einen zeitgenössischen "Serviervorschlag" aus dem entsprechenden Verkaufsprospekt von 1964.


























