Poesie der Vergänglichkeit
Autofriedhof – das hatte in meiner Jugend in den Sechzigerjahren einen magischen Klang und eine eigentümliche Anziehung für meinen Bruder und mich. Da wurden Autos nicht verschrottet, nicht ausgeschlachtet (was für ein Wort!), sondern lagen friedlich nebeneinander zur letzten Ruhe gebettet.
Diese Autos betrachtete man nicht als potenzielle Organspender oder künftige “Oldtimer”. Nein – sie hatten ihren Dienst getan und wurden nun in einem langsamen Prozess der Natur, der Erde zurückgegeben. Das Eisen, aus dem sie bestanden, hatte man ja der Erde abgewonnen.
Dass da auch schädliche Stoffe in den Boden und damit in das Wasser gelangten, war uns nicht bewusst. Auf unseren Streifzügen faszinierte uns, wie der Zerfallsprozess monochrome Farben in schillernde Farbbilder verwandelte, wie ein Baum durchs Schiebedach wuchs, wie Moos sich wie eine Dachbelederung schützend über einen Wagen ausbreitete und wie sich die Autoleiber müde zu Boden legten, wenn die Reifen ihre Luft verloren hatten. Es entstand in uns ein unbestimmtes Gefühl für die Vergänglichkeit von allem, was Menschen schaffen.
Im Frühling brachte die Automobil Revue jeweils ihre unvergesslichen Sonderausgaben zum Genfer Autosalon, dieser glitzernden Glamourwelt der makellosen Karosseriehüllen. Aber auch sie würden einmal auf einem Autofriedhof zur Ruhe kommen (sofern sie nicht das Glück hatten, heute in einer Sammlung zu stehen).
“Vanitas vanitatum et omnia vanitas” heisst es im Alten Testament – im Buch Kohelet (Prediger Salomo), “Eitelkeit der Eitelkeiten und alles ist eitel”. Es steht für die Vergänglichkeit alles Irdischen und seine Nichtigkeit.
Normalerweise kein Thema, mit dem man als Jugendlicher gross in Berührung kam. Aber es geht mir bis heute nach, so dass ich in meiner Spur-0-Modellbahnanlage eines Tages auf einem bis anhin unbebauten “Grundstück” einen Autofriedhof anzulegen begann. Angeregt durch eine schön patinierte Modellgarage, die ich für zwei Euro an einer Freiluft-Brocante im Südburgund unter einem Tisch entdeckt hatte.
Da liegen sie nun, die Limousinen, die Coupés und die Cabrios, ruhen still in ihrer eigentümlichen Schönheit des Zerfalls und sind ihrerseits im Massstab 1:43 ein Memento an eine “Institution”, die es aus Umweltschutzgründen in der Realität nicht mehr gibt: den Autofriedhof. Er ruhe in Frieden.






















