Muss die Freiheit wohl grenzenlos sein
Im Herbst habe ich mit 22 Jahren zum ersten Mal im Leben einen "Roadtrip" gemacht. Da ich kein Camper-Büssli besitze und mir auch keines leisten kann, suchte ich nach einer anderen, günstigeren Lösung. Kurzerhand erstand ich ein gebrauchtes (vielleicht auch etwas abgerocktes) Dachzelt. Wie alt es ist, kann ich nicht sagen – die Marke Autocamp existiert schon lange nicht mehr. Vermutlich ist das Zelt etwa dreimal so alt wie das zehnjährige Auto meiner Eltern, das ich netterweise für eine Woche entführen durfte. Das betagte Zelt auf einem modernen Auto zu befestigen, war übrigens gar nicht so einfach; die alten Metallträger sind definitiv nicht für eine moderne Dachreling konstruiert worden.
Ende Oktober war es dann so weit: Am frühen Morgen geht die Fahrt los. Das Zelt habe ich zwar vorher schon einmal ausprobiert, aber auf der Autobahn war ich damit noch nie. Ich fahre also vorsichtig auf die Hauptstrasse und beschleunige auf 50. Die graue, schwere Plastikplane flattert. Anstatt auf die Autobahn aufzufahren, folge ich der Hauptstrasse aus der Stadt und trete aufs Gas. Es klingt, als würde das ganze Zelt gleich davonfliegen. Also halte ich im Industriegebiet an und zurre die Plane fester. Ob ich es so überhaupt bis nach Lyon schaffe?
Ich fahre die 80er-Strecke zurück, diesmal sind die Windgeräusche leiser. Also ab auf die Autobahn! Bei Tacho 120 schiele ich auf den Benzinverbrauch und sehe etwas Zweistelliges. Und das, obwohl es nur geradeaus geht und ich mit konstanter Geschwindigkeit fahre. Na super, denke ich, das werden teure 450 Kilometer bis nach Lyon.
Ab Lyon sind wir zu zweit unterwegs, meine Freundin und ich. Unser Gepäck haben wir im Kofferraum verstaut, der es dank umgeklappter Rückbank mühelos schluckt. Am Abend kommen wir auf dem ersten Campingplatz an. Dort klappen wir das Zelt auf, fahren die Leiter aus und werfen Kissen und Schlafsäcke hoch. Im Gegensatz zu den umstehenden Wohnmobilen brauchen wir nie Hilfe beim Rangieren, und anders als die Camper müssen wir nicht erst unseren ganzen Krempel umräumen, um Platz zum Schlafen zu haben. Auch sonst ist das mausgraue Auto zwischen all den weissen Campern und Wohnmobilen ein Exot. Andere Dachzeltnomaden treffen wir keine.
Tagsüber machen wir unterwegs immer wieder Ausflüge abseits unserer Route von Lyon nach Genua. Wir kriechen mit dem VW steile Küstenstrassen hoch und finden immer schnell einen Ort, an dem wir das Fahrzeug stehenlassen können, während wir die Umgebung auskundschaften. Nie werden wir schief angeschaut – nicht einmal, als wir das Auto über Mittag neben einer Kapelle oder auf einem Friedhofsparkplatz abstellen. Es sieht eben nicht aus wie ein Camper, sondern wie ein stinknormales Auto, das eine dicke Matratze auf dem Dach herumträgt. Nach fünf Zwischenstops erreichen wir Genua.
Ab Genua sitze ich wieder allein im Auto und folge der Autostrada Richtung Schweiz. Unterdessen habe ich das sparsame Vorwärtskommen durch Windschattenfahren und Geschwindigkeitsoptimierung so weit perfektioniert, dass ich bis Zürich im Schnitt nur 5,7 Liter Benzin verbrauche. Mit einmal Zwischentanken komme ich problemlos bis nach Hause. Zumindest fast: Kurz vor dem Ziel kämpfe ich mich eine Stunde lang im Kolonnenverkehr durch die Stadt Zürich.
Gleich am nächsten Tag geht es für mich an den Stand von zwischengas an der Auto Zürich (zum Glück mit dem Zug). Zwei Hersteller springen mir dort besonders ins Auge: Opel und der chinesische Autobauer Leapmotor. Beide haben ein Auto mit Dachzelt ausgestellt – ganz zur Freude der Kinder, die an der Leiter hochkletterten und sich ins Zelt legen. Auch erstaunlich viele Erwachsene bleiben vor dem C10 4x4 stehen, um das Kombi-SUV mit Dachzelt genauer anzuschauen.
Ja, das Dachzelt scheint seinen angestaubten Ruf als "Pension Sachsenruh" aus der DDR abgeschüttelt zu haben. Ich frage mich bloss: Sind die Leute, die einen Neuwagen kaufen, wirklich dieselben wie jene, die auf Campingplätzen fröstelnd von der lauwarmen Dusche zurück zu ihrem Stellplatz laufen? Vermutlich nicht – dieser Luxus bleibt denen vorbehalten, die Komfort gerne tauschen gegen Freiheit.



























