Bentley Turbo S – sanfte Sportlimousine mit viel Potential

Erstellt am 15. September 2020
, Leselänge 6min
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Bruno von Rotz
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“Tiefpunkt erreicht?” fragte die Automobil Revue im März 1982 rhetorisch anlässlich des Genfer Saisons und wies auf die gebeutelte britischen Automobilindustrie hin, die am Autosalon einen aufgewerteten Rover 3500 Vanden Plas, den Mini Metro oder etwa einen günstigeren Lotus Eclat zeigte. Auf dem Stand von Rolls-Royce aber stand seit vielen Jahren erstmals ein Bentley im Mittelpunkt, genauer gesagt der neue Mulsanne Turbo. Die AR notierte:
“Auf dem Stand der englischen Nobelfirma Rolls-Royce steht einmal nicht ein RR-Fahrzeug im Mittelpunkt, sondern ein Bentley Mulsanne, dessen Zusatzbezeichnung «Turbo» auf die leistungsfähigere V8-Maschine hinweist. Rolls-Royce nennt wiederum keine exakten PS-Zahlen, doch soll der Abgaslader ein Leistungsplus von rund 50 % bewirken. Nach unserer Schätzung wären das an die dreihundert PS oder gleichviel wie beim Jaguar V12 mit May-Fireball-Zylinderköpfen.”


Bentley Mulsanne Turbo (1982) - am Genfer Automobilsalon von 1982 - um Tradition zu zeigen, stellte Bentley einen alten Blower-Bentley von 1929 neben den neuen Turbo-Motor
Archiv Automobil Revue

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der in Paris 1980 erstmals präsentierte Bentley Mulsanne als Zwillingsschwester des Rolls-Royce kaum grosse Stricke zerrissen.


Bentley Mulsannne (1982) - noch mit den breiten Scheinwerfern
Zwischengas Archiv

Doch der Mulsanne Turbo, der gemäss Werk 217 km/h schnell und in weniger als acht Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigte, war der Anfang einer Erfolgsgeschichte.

Mehr Leistung und kürzerer Name

Bereits im März 1985 trat der Bentley Turbo R die Nachfolge des Mulsanne Turbo an. Wieder wurde die Premiere am Genfer Autosalon gefeiert, allerdings stand die optisch nur wenig veränderte viertürige Limousine etwas im Schatten der ebenfalls erstmals gezeigten Studie “Project 90”, einem Bentley Coupé, das später zum Continental R avancierte.


Bentley Turbo (1989) - in Fahrt
Zwischengas Archiv

Gleichwohl fand auch der Neuankömmling viel Beachtung. Das “R” stand für “Roadholding”, also Strassenlage. Gemeint war damit das optimierte Fahrwerk mit kräftiger dimensioniertem Stabilisator und strafferer Feder-/Dämpferabstimmung. Reifen der Dimension 275/55 VR 55 und ein grosser Frontspoiler waren weitere Merkmale des mit CHF 219’500 angeschriebenen Turbo R. Im noblen Innern gab es einen grossen Drehzahlmesser und eine elegant geschwungene Mittelkonsole.

Schon ein Jahr später widmete die Automobil Revue dem Turbo R einen Testbericht und bescheinigte ihm durchaus sportliche Fahrleistungen. 7,8 Sekunden dauerte der klassische 0-100-km/h-Sprint, 219 km/h wurde als Höchstgeschwindigkeit gestoppt. Als Gesamttestverbrauch wurden 19,9 Liter pro 100 km dokumentiert, als Ölverbrauch 0,5 Liter pro 100 km, was wohl ein Schreibfehler war und eigentlich hätte 0,5 Liter pro 1000 km heissen sollen.

Das Resümee jedenfalls zeugte von positiven Eindrücken der AR-Tester hin:
“Der in Richtung Sportlichkeit weiterentwickelte Bentley Turbo R vermag unter den besonders Betuchten vorab diejenigen anzusprechen, die die Zügel auch in einer aussergewöhnlich noblen Limousine straff zu führen gedenken, auf den typischen englischen Luxus jedoch auf keinen Fall verzichten mögen. Die massige Dynamik des Turbo R passt jedenfalls ausgezeichnet in das von Tradition und Dauerhaftigkeit geprägte Bild der Edelfahrzeuge aus Crewe.“

Immer schneller

Bereits 1986 stieg die Leistung dank Benzineinspritzung ein weiteres Mal an und dem Turbo R wurden nun etwa 330 PS bei bescheidenen 4400 Umdrehungen bescheinigt. Dank ABS wurde er auch sicherer, womit die Piloten die gesteigerte Sportlichkeit (Fahrleistungen gemäss AR 0 bis 100 km/h in 6,9 Sekunden, Spitze 238 km/h) der 2280 kg schweren Limousine noch sorgloser geniessen konnten.

Deutschlands grösste Automobilzeitschrift “auto motor und sport” verglich im Jahr 1987 den Bentley Turbo R mit dem Spitzenprodukt aus Sindelfingen, dem Mercedes-Benz 560 SEL. Der Mercedes kostete mit DM 123’804 gerade einmal die Hälfte des Bentley-Preises (DM 269’838). Die Unterschiede in den Fahrleistungen waren minimal, der 450 kg schwerere Bentley genehmigte sich im Vergleich allerdings fast sieben Liter mehr Superbenzin pro 100 km. “Dem Bentley täte die Karosserie-Qualität des Daimler gut, dem Daimler die Eleganz des nur auf dem Papier mit Unterstatement gesegneten Bentley”, schrieben die ams-Redakteure und es war ihnen klar, dass die Mercedes S-Klasse für den typischen Bentley-Fahrer keine Alternative sein würde.

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Es geht noch mehr

Im Oktober 1994 zündete Bentley anlässlich der British International Motor Show in Birmingham eine weitere Leistungsstufe, genannt Turbo S. Zwischen dem ebenfalls brandneuen TVR Cerbera, dem Caterham 21 oder dem auf dem Lotus-Stand glänzenden Bugatti EB110 mag der Turbo S nicht aufgefallen sein, aber unter dem Blech hatte er einiges zu bieten.


Bentley Turbo S (1995) - V8-Leichtmetallmotor
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Während man nämlich inzwischen dem normalen V8 Turbo inzwischen 360 PS attestierte, sollten es beim Turbo S 430 PS sein und dies bei unverändertem Leergewicht. 800 Nm Drehmoment wurden genannt und es lag bereits bei 2000 bis 2200 Umdrehungen an. Ein neu konzipiertes Ansaugsystem in Verbindung mit einem Wasser-Luft-Intercooler sowie einem von der F1-Technik inspirierten Motormanagement und ein höherer Ladedruck von nun 0,56 bar wurden als Quelle für die Mehrleistung genannt.

Als Fahrleistungen waren weniger als sechs Sekunden für den Spurt von 0 bis 100 km/h angesagt, als Spitzengeschwindigkeit 250 km/h (limitiert). CHF 319’800 wurden als Neupreis genannt. Interessanterweise hatten die Reifen der schnelleren Version zwei Zentimeter an Breite verloren, die neue Dimension lautete 255/55 WR 17.

Rarität

Der Turbo S blieb eine Rarität, mehr als 75 Exemplare wollte Bentley in den Jahren 1994/1995 gar nicht bauen, aber tatsächlich sollen es nur 60 Stück gewesen sein.


Bentley Turbo S (1995) - das "S" wies auf 20 Prozent mehr Leistung hin
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Damit war die S-Version eine der rarsten Turbo-Ausführungen, von denen insgesamt rund 7800 Limousinen entstanden, darunter auch die Abschlussvorstellung Turbo RT. 1998/99 war endgültig Schluss mit der mit dem Mulsanne 1980 eingeführten Baureihe. Der Nachfolger hiess Arnage.

Sanfte Gewalt

Es ist immer ein besonderes Gefühl, sich in einen Bentley Turbo zu setzen. Trotz seiner schieren Grösse (5,4 m x 1,95 m x 1,49 m) und des doch erheblichen Gewichts von 2,4 Tonnen wirkt der Bentley dank seiner grossen Fensterflächen und der gut dosierten Servounterstützung handlich. Natürlich fühlt man das Gewicht, aber es lässt den Wagen trotz der Niederquerschnittsreifen sanft abrollen. Alles wirkt majestätisch und edel.


Bentley Turbo S (1995) - die Doppelscheinwerfer gab es ab Modelljahr 1985 beim Bentley
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Gestartet wird der Motor per Zündschlüssel links vom Lenkrad, für die Bedienung des Vierstufen-Automatikgetriebes wird ein konventioneller Schalthebel auf der Mittelkonsole genutzt. Mit fast unterirdischen Drehzahlen setzt sich der Wagen in Bewegung. Vom Turbo spürt man kaum etwas, aber Kraft ist immer genug vorhanden. Beschleunigung ohne Hektik ist angesagt.


Bentley Turbo S (1995) - elegantes Interieur mit viel Leder und Holz
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Dank hoher Sitzposition hat man die Situation gut im Griff, das hochwertige Fahrwerk mit rundum einzeln aufgehängten Rädern wird man kaum je herausfordern, warum sollte man auch. Schliesslich kann man nach der Kurve durch sanften Druck auf das rechte Pedal beliebig schnell Strecke gewinnen.


Bentley Turbo S (1995) - schöne 17-Zoll-Räder
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Meistens will man aber gar nicht schnell sein, sondern mit leise säuselndem V8 genüsslich durch die Landschaft gondeln, die Füsse im hochflorigen Wilson-Teppich abgestützt, das feine Leder der Sitze fühlend, die eleganten Armaturen auf wertvoller Holzarbeit betrachtend. Die Emily auf der Kühlerhaube fehlt einem dabei nicht, schliesslich bevorzug man Understatement. Ein Gentleman schweigt und geniesst …


Bentley Turbo S (1995) - Bentley-Zeichen am Heck
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Wir danken der Emil Frey Classics für die Gelegenheit, den seltenen Bentley Turbo S von 1995 im Neuwagenzustand (Schweizer Schmohl-Auslieferung) für eine Fotofahrt entführen zu dürfen.

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