Renault 4 CV - mit gut 20 PS an der Mille Miglia

Erstellt am 19. Mai 2015
, Leselänge 8min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
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Renault 
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Archiv Reinhard / Max Pichler 
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Archiv 
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106 km/h betrug die Durchschnittsgeschwindigkeit, die Jean Rédélé im Jahr 1954 an der Millie Migla fuhr. In 15 Stunden, 4 Minuten und 33 Sekunden legte er 1597 km zurück, in einem Wagen, der in der Serie mit 748 cm3 Hubraum gerade einmal 21 PS produzierte. Natürlich war der Renault 4 CV, den Rédélé fuhr, nach allen Regeln der Kunst, frisiert, aber auch die Serienversion offerierte viele Talente und wurde als Renault Heck respektive Crèmeschnittchen zum wahren Volkswagen Frankreichs. 


Renault 4 CV (1957) - Mille-Miglia-erprobter Renaul Heck
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Über 50 Jahre später ist man mit dem kleinen Renault an der historischen Mille Miglia besser angezogen als mit einem millionenschweren Ferrari oder Maserati, denn erstens hat man ein Dach über dem Kopf und zweitens ist ein Renault 4 CV heute  an der Mille die grössere Rarität,  womit die Chancen, ohne grosse Investitionen einen der sehr begehrten Startplätze zu ergattern, überdurchschnittlich hoch sind. Nicht einmal die Hälfte der angemeldeten Fahrzeuge kommt jeweils zum Zug. Der für diesen Artikel  portraitierte Renault schaffte es auf Anhieb!


Renault 4 CV (1957) - in den Fünfzigerjahren gut für eine Durchschnittsgeschwindigkeit über 100 km/h an der Mille Miglia
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Nachkriegskonstruktion

Bereits 1941 entstanden die ersten Zeichnungen für den 4 CV, am 26. September 1946 wurde der französische Kleinwagen der Presse erstmals gezeigt, im Oktober 1946 der Öffentlichkeit am Pariser Salon, ab 1947 konnte man ihn kaufen, wenn man denn wegen der grossen Lieferfristen geduldig genug war. (Die ausführliche Geburtsgeschichte wurde in einem früheren Artikel bereits dokumentiert).


Renault 4 CV (1946) - ohne Heckbeleuchtung hinten links
Archiv Automobil Revue

Vielfalt

19 PS leistete der 760 cm3 grosse Heckmotor ursprünglich und er übertrug seine Kraft mittels Dreiganggetriebe auf die Pendelachse, während vorne Einzelradaufhängungen mit Trapez-Dreieckslenkern die Räder führten.


Renault 4 CV (1955) - betörende Offenheit - Abbildung aus einem Verkaufsprospekt
Archiv Automobil Revue

Schon bald entstand eine Vielzahl an Varianten mit Rolldach (Décapotable), Schiededach (toit ouvrant) mehr (Grand Luxe) oder weniger Luxus (Luxe). Zudem gab es eine Version für den Handwerker (Commerciale), die allerdings nicht sehr beliebt war. Sogar eine Variante mit automatischer Kupplung (Ferlec) entstand, allerdings wurde diese erst 1954 vorgestellt und ab 1956 verkauft.

 

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Erfolg an der Rallye Monte Carlo 1949

12 Renault 4 CV nahmen 1949 an der Rallye Monte Carlo teil. Sie traten damit gegen 14 weitere Fahrzeuge in der Klasse 750 bis 1100 cm3 an und gegen 218 in allen Klassen. Das Ziel erreichten allerdings nur 166 Fahrzeuge, darunter 10 der 12 Renault, zwei waren mit Unfällen ausgeschieden. Jean Louis Rosier gewann zusammen mit seinem Sohn die Klasse 750 bis 1100 cm3 und wurde als 13. des Gesamtklassements gefeiert, vor ihm erreichten 10 Autos mit über 3,5 Litern Hubraum und zwei mit mind. 1,9 Liter Hubraum die Ziellinie. Der kleine Wagen hatte es den grossen gezeigt, Grund genug dafür extra einen Verkaufsprospekt zu drucken!


Renault 4 CV (1955) - bewährt im harten Rallye-Einsatz - Abbildung aus einem Verkaufsprospekt
Archiv Automobil Revue

Zuverlässiges und komfortables Alltagsauto

Der Renault 4 CV war aber trotz dieser Rennsportehren vor allem ein praktisches Alltagsfahrzeug. Dies bestätigte auch die Automobil Revue im Jahr 1949, nachdem der 4 CV einem Langstreckentest über 2600 km unterzogen worden war.

599 kg wog der fahrbereite Renault Heck, er beschleunigte in 36,2 Sekunden von 0 bis 80 km/h und erreichte eine Spitzengschwindigkeit von 92 km/h (im Mittel). Als Verbrauch wurden 5,1 bis 7,0 Liter pro 100 km/h notiert, wobei damals mit Reinbenzin mit Bleizuatz (OZ ca. 72) gefahren wurde. Und die Tester der AR zeigten sich angetan: “Für den normalen durchschnittlichen Gebrauch ist er als vollwertiger Wagen zu betrachten. Für kurze und mittlere Strecken dient er als Viersitzer, und zwar auch für korpulente Personen. Selbst Spitzenleistungen können mit ihm erreicht werden.


Renault 4 CV (1957) - viel Platz für vier Personen
Archiv Automobil Revue

Natürlich hätten sich auch die AR-Testfahrer im Gebirge noch etwas mehr Leistung gewünscht, aber dies hätte wohl den günstigen Preis von damals 5300 Franken (plus WUST, aber inklusive Luxusausrüstung gesprengt.

Weiterentwicklung zum R 1062

Dass die Kunden gerne ein paar Pferdchen mehr gehabt hätten und dass der 4 CV auch im Rennsport unter den richtigen Umständen bessere Platzierungen erreichen könnte, erkannten auch die Leute bei Renault. So schoben sie im Dezember 1951 den Typ “Sport” mit nun 748 cm3 und 21 PS nach, intern hiess dieser Antrieb R 1062. Dank nun etwas weniger Hubraum konnte man nun in der Klasse bis 750 cm3 starten!

Fulminante Einsätze in Le Mans und an der Mille Migla

In der Folge traten die kleinen Renault 4 CV ins Rennsport-Rampenlicht, erzielten Klassensiege in Le Mans (1951) und an der Mille Miglia (1952 bis 1957).


Renault 4 CV (1951) - Klassensieg in Le Mans
Copyright / Fotograf: Renault

Insbesondere Jean Rédélé, der spätere Gründer der Sportwagenfirma Alpine, tat sich hervor und führte den 4 CV zu vielen Erfolgen. Von der Technik des Renaults war er derart angetan, dass er sie in seinem eigenen Erstling, dem Alpine A 106 mit Kunststoff-Karosserie mehr oder weniger komplett wieder einbaute.

Werks-Tuning mit dem Typ R 1063

Die Einsätze im Rennsport flossen in die Entwicklung des Typs R 1063, eine für Sporteinsätze konzipierten Variante, die in homöopathischen Dosen auch an Privatleute verkauft wurde. Man spricht von rund 60 bis 80 offiziellen Werksversionen, zu denen dann eine Zahl weiterer Varianten kamen, die mit Ersatzteilen von SAPRAR durch das Werk und Vertretungen auf denselben Stand gebracht wurden und dabei auch das neue Typenschild erhielten. Rund 2500 Franken kosteten die Umbauten, mit Fünfganggetriebe waren es sogar 4000 Franken.


Renault 4 CV (1955) - Version '1063' im Rallye-Einsatz
Archiv Automobil Revue

Als Ergebnis erhielt man 32 PS bei 5000 Umdrehungen und eine Spitze von rund 130 km/h. Um dies zu erreichen, waren umfangreiche Anpassungen an Zylinderkopf, Kurbelwelle, Kupplung, Vergaseranlage und Zündung notwendig. Auch die Aufhängungen wurden modifiziert, zudem wurde ein zusätzlicher Benzintank, ein Drehzahlmesser und ein Tacho bis 160 km/h eingebaut.

Die Werks-Rennwagen allerdings leisteten noch einiges mehr. Statt 8.2:1 waren diese bis 9,6:1 verdichtet, der Motor leistete 42 PS, der Wagen war unten komplett verschalt. In Montlhéry erreichten Mitarbeiter der Automobil Revue damit eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 131,4 km/h und schafften die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in knapp 20 Sekunden, was den Wagen in direkte Konkurrenz zu Boliden wie Alfa Romeo 1900 CD, Lancia B21 oder Bristol 401 brachte.

“Der hochgezüchtete Renault 1063 ist dank seiner geschlossenen vierplätzigen Karosserie ein ideales Fahrzeug für sportliche Fahrer, die mit geringen Kosten sich im Training halten, aber daneben den Wagen auch für den täglichen Gebrauch benutzen wollen”, meinte J. C. Maroselli an die AR-Leser gerichtet damals aus Paris


Renault 4 CV (1958) am Slalom Dübendorf im Jahr 1959
Copyright / Fotograf: Archiv Reinhard / Max Pichler

Der Renault 4 CV wurde bis im Juli 1961 produziert, insgesamt verliessen rund 1,15 Millionen Fahrzeuge die Fertigungsbetriebe der Regie Nationale.

Freudenspender

Heutzutage ist ein Renault 4 CV zwar keine unbekannte, aber eine selten gesehene Grösse. Kreuzt man im kleinen Franzosen auf, wird man schnell von Leuten umringt, die früher einmal einen dieser Viertürer gefahren haben oder das Vergnügen hatten, damit mitgenommen zu werden. Und bald fliessen die Erinnerungen. Man hört von selbst eingebauten Fussbodenheizungen, behebbaren Pannen, Reisen bis nach Spanien und zurück und und und.


Renault 4 CV (1957) - Schwarz war eine durchaus üblcihe Farbe für den 4 CV
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Selbst an der historischen Mille Miglia, heutzutage immerhin fast 400 Teilnehmer stark, ist der 4 CV ein Exote unter Exoten, obschon der Renault nur einen Bruchteil kostet von dem, was andere für ihre rote Barchetta oder ihren renngrünen Engländer bezahlten.

Allerdings zwingen die überschaubar vertretenen Pferdestärken zur Enthaltsamkeit, wie uns der erfahrene Renault-Pilot und Mille-Teilnehmer zu erzählen weiss:
“Mit gut 20 PS im Heck bedeutet dies fahren, fahren und nochmals fahren und das Gaspedal ständig tief zu halten. Kaffeepausen können sich nur die Mannschaften schneller Maserati, Aston Martin, Ferrari, Mercedes, Porsche, Jaguar usw. aus der Nachkriegszeit leisten. Weil sie nach Durchfahrt der mehreren hundert Kreisel und Lichtsignale jeweils nur wenige Sekunden brauchen, um wieder auf Tempo zu kommen, wir dagegen 30 oder 40. Das läppert sich zusammen. Und an Schlaf ist unter diesen Vorzeichen an der Mille Miglia ohnehin kaum zu denken.”

Unterwegs im R 1062

Nicht alle Tage sitzt man hinter dem Lenkrad eines Mille-Miglia-Teilnehmers (2012). Doch abgesehen von den für die Rallye-Prüfungen nötigen Zusatzinstrumenten zeigt sich der gefahrene schwarze 4 CV ganz zivilisiert und verwöhnt mit einwandfreiem Startverhalten und guten Manieren im öffentlichen Strassenverkehr. Hat man sich einmal mit den teilweise ungewohnten Bedienungselementen angefreundet, wird man schnell zum routinierten 4-CV-Fahrer.


Renault 4 CV (1957) - gegenläufig öffnende Türen
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Tatsächlich finden vier ausgewachsene Personen locker Platz im knapp 3,65 Meter langen und 1,45 Meter breiten Kleinwagen. Nur mit den Fahrleistungen ist es bei Vollauslastung dann nicht mehr so weit her. Aber selbst wenn nur der Fahrer an Bord ist, kann das niedrige Leergewicht nicht darüber hinwegtäuschen, dass der wassergekühlte Vierzylinder mit nicht einmal zwei Dutzend Pferdestärken keine Rennmaschine ist.

Doch es geht, nicht zuletzt dank der für den Mille-Einsatz revidierten Motor-Getriebe-Einheit vorwärts und das fröhliche Auspuffgeräusch entschädigt für fehlende Spurtleistung. Vor allem aber ist der “Heck” handlich, die Lenkung arbeitet direkt und der Wagen lässt sich auf einer Strasse von 8,4 Meter Breite problemlos in einem Schwung wenden.


Renault 4 CV (1957) - Zentralinstrument für die wichtigsten Informationen, nachgerüstete Zusatzinstrumente für die Mille
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Nur eines kann man sich heute kaum mehr vorstellen: Wie hat es dieser Rédélé nur geschafft, mit dem 4 CV über rund 15 Stunden einen Schnitt von über 100 km/h zu fahren, notabene inklusive Dorf-Durchfahrten und ohne einen Kilometer Autobahn zu benutzen?

Wir danken der Oldtimer Galerie Toffen für die Gelegenheit zur Probefahrt im schwarzen Renault 4CV R1062.. 

Weitere Informationen

 

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von mi******
20.05.2015 (08:38)
Antworten
Ich bin selbst Besitzer eines 1952er 4CV und habe mich sehr über diesen Artikel gefreut. Eine Teilnahme an der MM schwirrt mir auch schon länger durch den Kopf, seit ich mir das Spektakel gegen Ende der 1990er Jahre mehrmals mit Begeisterung angeschaut habe. Die Entwicklung der Veranstaltung in den letzten Jahren in Richtung eines begrenzt erträglichen Merchandising-Events incl. Promi "Markenbotschafter" Auflauf und einem Riesenrudel an Begleitfahrzeugen hält den Wunsch einer Teilnahme aber dann glücklicherweise doch in engen Grenzen.
Klassensiege gab es für den 4CV bei der MM übrigens durchgängig von 1952 bis 1957 - aufgrund der damals jährlich geänderten und immer weiter ausufernden Klasseneinteilungen ist dies in den heute meist unvollständig veröffentlichten Tabellen nicht immer zu finden. Der höchste erreichte Schnitt mit einem 4CV lag übrigens bei 108,3 km/h, erreicht 1955 von Galtier/Michy - Rédélé wurde damals in der Klasse nur Zweiter.
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