Ende Juni 2024 ist die 8. Rallye Peking-Paris nach 37 Tagen Fahrt zu Ende gegangen, mit ganz unterschiedlichen Resultaten für die Teilnehmer.
Während Mario Illien schon bei der Wagenabnahme vor dem Start die Disqualifikation seines weissen und den weiteren zwei (blauen und grünen) Ford Escorts mitgeteilt wurde (sie fuhren dann „ausser Konkurrenz“ in der „Evolution-Klasse“), holte sich die Luzerner Paarung Carlos Rieder/Urs Schnüriger mit ihrem Ford schliesslich einen sauberen dritten Platz. Respekt!
Wenn einer eine Reise tut… (Matthias Claudius)
Wenn man alles schon erlebt haben und glaubt, das Verrückte im Leben noch vor sich zu sehen und unbedingt realisieren zu müssen, dann nehme man an der Rallye Peking-Paris teil. Damit verlässt man das wohlbehütete, durchstrukturierte Heim … und geht auf die grosse Reise. Dort passieren einem dann Sachen, die man sich gar nicht hätte vorstellen können!
So stellt man vielleicht plötzlich Fehlzündungen am Motor fest. Nach langem Suchen findet sich endlich die Ursache, ein beschädigter Stecker. Kein Problem, das Ding kostet im Handel nicht mal einen Franken. Aber: Man ist ja auf der Rallye Peking-Paris und genau diesen Stecker hat man natürlich nicht dabei. „Glücklicherweise habe ich in England einen Mitarbeiter, der aus Honkong stammt und kein Visum für die Einreise nach China benötigte. Der setzte sich in den Flieger und brachte uns das Ersatzteil und zusätzliche Stecker sowie ein neues Steuergerät“, bringt Mario Illien dieses Teilkapitel zu Ende. Die Fahrt ging weiter.
Solche Eskapaden lassen sich aber noch steigern: „Wir haben unsern Escort aufgetankt, nach 150 Metern Fahrt ist er abgestanden und die Ursachen-Suche begann. Die Drähte waren heiss, die Sicherung hat's rausgehauen und ich stellte fest, dass der Induktiv-Sensor des Schwungrades Strom gezogen hat. Die Suche nach dem Kurzschluss begann…“, schildert Illien den nächsten Vorfall. Nacht's wurde auf einem Parkplatz alles demontiert – und immer den Zeitdruck im Genick, rechtzeitig die Fähre nach Baku über das Kaspische Meer zu erreichen, die über normale Strassen 3000 km entfernt war. Die Lösung: Einen LKW organisieren, den Chauffeur überzeugen, dass er die Distanz auch unter die Räder nimmt und den Ford Escort aufladen. Der Rallye-Tross fuhr durch die Wüste direkt dorthin. Die Fähre wurde noch rechtzeitig erreicht, dann nicht nur eine Werkstatt, sondern auch die Defekt-Ursache gefunden: Der Schwungradsensor war beschädigt und das führte zu einem hohen Stromfluss, weshalb dann die Sicherung durchbrannte. Die Fahrt ging dann ohne weitere Probleme bis ins Ziel weiter.
Und dann noch eine Panne beim grünen Escort von Henry Rohrer und Markus Schelbert am drittletzten Tag: Kurz vor dem Tagesziel verabschiedete sich das Kupplungsausrücklager. Im mitgeführten Ersatzteillager fehlte natürlich wiederum genau ein solches Teil. Ein Mitbewerber stellte sein Ersatz-Kupplungsausrücklager grosszügigerweise zur Verfügung, nur: es war eines von Volvo. „Bei strömendem Regen auf einem Parkplatz hiess es nun, das Getriebe ausbauen, das Teil anzupassen und einzubauen,“ schildert Illien dieses Intermezzo. Morgens um 03:00 Uhr war das Gröbste wieder zusammen und nach kurzer Nachtruhe wurde früh morgens die Arbeit beendet und die Fahrt ging weiter.
Angekommen
Alles in Allem ist der Motorenpapst glücklich, zusammen mit seinem Sohn Luca das Ziel in Paris erreicht zu haben, das ganze Team mit den drei Ford Escort unfallfrei. Trotz der ereignisreichen Begleitumstände zieht er ein positives Fazit: „Es war unglaublich schön, dies alles mit meinem Sohn zu erleben, durch Länder zu reisen, die man sonst nie besuchen würde, und auf eine grosse Kameradschaft unter den Teilnehmern zählen zu dürfen“. Dann schmunzelt er und ergänzt: „Und jeden Abend mit schwarzen Händen und Gesichtern ins Etappenziel zu kommen“.
Auch einige Lehren aus dem Peking-Paris-Abenteuer hat Illien gezogen. Die drei Ford Escort werden in England nun komplett zerlegt, die elektronische Einspritzung, die zur Disqualifikation führte, wieder auf Vergaser zurückgebaut. Für Mario ist dies ein spezielles Kapitel: „Im vergangenen Januar nach dem Badawi-Trail und vielen Problemen mit den Vergasern waren wir drei Tage auf dem Rollenprüfstand und haben mit unterschiedlichen Düsenbestückung und Anpassungen experimentiert. Wir haben mit den Weber-Vergasern einfach keine saubere Benzinzufuhr zustande gebracht und uns dann aus Zeitdruck entschieden, die Einspritzanlage einzubauen“. Es gab zwar zur aktuellen Zeit Escorts mit mechanisch gesteuerten Einspritzungen, aber nicht solche mit elektronischer Steuerung. Überzeugt ist Illien trotzdem vom Motor. Jondel in England hat die Motoren aufgebaut, von Illmor kamen nebst verschiedenen Anpassungen und technischem Knowhow die Kolben und Pleuel. „Wir waren schnell unterwegs und hatten auch ein super Fahrwerk“, strahlt er.
Nach Peking-Paris kann sich Mario Illien vorstellen, die eine oder andere exotische Rallye zu fahren. „Es gibt Möglichkeiten in Sibirien oder in der Mongolei, dies zu tun“, blickt er in die Zukunft und hält an seiner Aussage fest: „Im Vergleich zu Peking-Paris ist eine Mille Miglia eine Kaffeefahrt“.
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Der andere Lösungsansatz
Einen andern Lösungsansatz als Mario Illien wählte der Luzerner Carlos Rieder für die Peking-Paris-Rallye 2024. Der Elektro-Ingenieur studierte im Vorfeld lange, welchem fahrbaren Untersatz die Marathon-Distanz am ehesten zuzumuten war. Er entschied sich, nicht auf Renntechnik, sondern auf Einfachheit zu setzen. Schliesslich fiel die Wahl auf ein 1931er Ford Model A Coupé. “Die konstruktive Unkompliziertheit des Autos überzeugte mich ebenso wie der Standard-Motor und die Robustheit als Ganzes”, gibt Rieder als Gründe für seine Entscheidung an. Vorbereitet wurde das Auto bei Fischer Classic in Rain, einem Luzerner Vorort. “Auch dieser Entscheid war absolut richtig, denn die gute und seriöse Vorbereitung ist das A und O für eine erfolgreiche Absolvierung einer solch harten Rallye, Marcel Moser ist wahrer Künstler”, lobt Rieder.
Ohne grosse Probleme brachte die Paarung Carlos Rieder/Urs Schnüriger ihr Ford Model A Coupe von Peking nach Paris. “Der Motor unseres Autos hatte wenig Leistung, das wussten wir und sind dementsprechend zurückhaltend gefahren. Durch die Mongolei wurde verhältnismässig langsam, immer auf Sicht, über die Staubpisten gefahren. Dies zahlte sich aus. Wir hatten ‘nur' gerade zwei Defekte. Einmal verloren wir einen Stossdämpfer, ein anderes Mal ist uns der Luftfilterdeckel davongeflogen”, schildert Rieder die “Pannen-Höhepunkte” und fährt fort: ”Das mit dem Stossdämpfer kostete einiges an Zeit. Wir mussten an die 30 Kilometer ohne Stossdämpfer fahren, das war nur in langsamem Tempo möglich. Dafür war die Service-Truppe, die den Rallye-Tross begleitete, perfekt ausgerüstet. Sogar eine mobile Schweissanlage wurde mitgeführt, die bei der Stossdämpfer-Reparatur zum Einsatz kam”.
Rieder/Schnüriger hatten die Rangliste stets im Auge und waren verblüfft, so weit vorne zu landen. “Die schmalbrüstige Leistung unseres Fords bereitete uns manchmal Sorgen, gerade wenn wieder ein Pass vor uns lag. Aber es gelang uns, den knappen Vorsprung für den dritten Platz bis nach Paris zu retten”, zieht Rieder ein Fazit und ist stolz ”jeden Kontrollpunkt innerhalb der geforderten Zeit erreicht zu haben”.
“Der Ford geht nun in die Reha-Klinik”, ergänzt Rieder, “dort wird er wieder sorgfältig aufbereitet, damit er für nächstes Jahr wieder einsatzbereit ist”. Er ist völlig “geflasht” von dieser Rallye und hat die Nennung für nächstes Jahr bereits wieder abgegeben, obwohl es das Härteste ist, was er in Sachen “Auto” bisher erlebt hat.
Für Carlos Rieder ist wichtig, dass nicht nur die Vorbereitung des Autos zum A und O gehört, sondern auch der Chauffeur Entscheidendes beitragen kann: “Ich hatte mich entschlossen, im Vorfeld die Fahrzeug-Restaurations-Ausbildung IgF zu absolvieren, dies im zarten Alter eines ‘Silberrückens'”, wie er schmunzelnd erklärt und ergänzt: “Ich habe viel gelernt, das mir bei der Rallye auch geholfen hat – ich kann's jedem empfehlen”.
Die anderen Sieger
Natürlich ist jeder Teilnehmer, der eine derartige Mammut-Rallye beenden kann, ein Sieger. Trotzdem gibt es natürlich auch die “richtigen” Gewinner.
Andy Buchan & Mike Sinclair siegten in der Gesamtwertung auf ihrem Bentley 4 1/2 Litre Le Mans von 1928, gefolgt von Alex Vassbotton und Bas Gross auf einem Alvis Fire Fly 12/70 von 1933. Dritte wurden die erwähnten Rieder/Schüriger auf Ford Model A Coupe von 1931.
In der “Classic Category” schwangen Matt Bryson und Miek Pink auf dem Leyland P76 von 1974 obenauf, gefolgt von Lars und Annette Rolner im Porsche 911 S von 1974 sowie Kevin und Cole Bradburn im Porsche 912 von 1969.
Nachspann: Ford Escort im Rallye-Sport
Einen Ford Escort als Rallye-Fahrzeug aufzubauen ist sicher nicht falsch. Die beiden heckgetriebenen Mk1 (auch Hundeknochen genannt) und Mk2 können grosse Erfolge im Rallye-Sport aufweisen.
Ab 1970 schickte Ford den Escort RS1600 ins Rennen, einen 1,6-Liter-Vierzylinder mit fortschrittlichem Vierventil-Zylinderkopf von Cosworth. “The Flying Finns”, wie Hannu Mikkola und Timo Mäkinen gerne bezeichnet wurden, reüssierten schon bald. Mikkola gewann 1972 die Safari-Rallye, Mäkinen notiert den Sieg bei der Hongkong-Rallye für sich, das britische Urgestein Roger Clark entschied die RAC-Rallye zu seinen Gunsten.
Mäkinens letzter Sieg bei der RAC 1975 war zugleich auch der erste Erfolg eines Ford Escort der zweiten Generation, der sich, neben grundlegend neuem Karrosserie-Design, vor allem durch einen stärkeren 1.8 Liter-Motor auszeichnete. Das neue skandinavische “Rallye-Tier” Björn Waldegard, holte sich 1977 die Siege in der Safari-Rallye, in Griechenland und bei der RAC. Im darauffolgenden Jahr heftete er mit einem Sieg bei der Schweden Rallye einen weiteren Erfolg in sein Palmares.
Der Höhepunkt für den Escort der zweiten Serie kam 1979. Die Konkurrenz mit Lancia Stratos, Fiat Abarth 131 oder Saab-900-Turbo war in jenem Jahr gegen den Hecktriebler aus England machtlos. Ford feierte den Konstrukteurstitel, die Piloten Mikkola (Portugal, Neuseeland, RAC) und Waldegard (Griechenland und Kanada) holten sich fünf Siege bei insgesamt 12 Rallyes. Waldegard setzte sich die Krone auf und wurde Rallye-Weltmeister 1979. Auch nicht schlecht!
















































































































































































































































































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