Ferrari 340 America Vignale Coupé – die überraschenden Wandlungen eines Supersportwagens

Erstellt am 28. November 2020
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
2
David Newhardt - courtesy Mecum Auctions 
12
Bruno von Rotz 
6
Vincent von Rotz 
2
Bonhams 
1
FCE Media 
1
Courtesy Bonhams 
1
Archiv 
8

Enzo Ferrari schaffte das, woran viele andere scheiterte. Er baute eine Sport- und Rennwagenfirma auf und sie überlebte die schwierigen Anfangszeiten genauso wie die folgenden sieben Jahrzehnte. Anfangs der Fünfzigerjahre verliessen gerade einmal knapp 100 Autos pro Jahr die Gebäude in Maranello, aber sie gehörten zu den weltbesten Sport- und Rennwagen. Die Vielfalt an Typen, Motorvarianten und Karosseriestilen war enorm und hätte jeden Betriebsoptimierer zur Weissglut getrieben. Doch Enzo Ferrari kam immer wieder mit neuen Fabrikaten auf den Markt, um im Rennsport zu siegen und bei den schnellen Serienwagen das Geld zu verdienen, das ihm den Rennsport an der Spitze erst ermöglichte.


Enzo Ferrari mit dem 125 S im Innenhof der Fabrik (1947)
Copyright / Fotograf: FCE Media

Dazu passt eine Aussage Enzo Ferraris gegenüber Journalisten aus dem Jahr 1951:
“Wer einen leisen, geräuschlosen Wagen haben will, darf nicht zu mir kommen. Und wer ein Auto haben möchte, das wenig verbraucht, täuscht sich bei mir in der Adresse. Auch wer einen richtig bequemen Wagen besitzen möchte, muß sich anderswo umschauen. Na, und wer einen billigen Wagen braucht – darüber wollen wir gar nicht reden. Wer aber den Wunsch hat, mit seinem Auto unheimlich schnell und unheimlich sicher zu fahren, der kann nur zu mir kommen!“

Mehr Hubraum für mehr Leistung

Aurelio Lampredi hatte für den Rennsport einen neuen V12-Motor entwickelt, der ohne Kompressor, dafür mit mehr Hubraum für Siege sorgen sollte. Finanziert hatte diesen Motor die Firma Pirelli, von der Enzo Ferrari ein Darlehen besorgten konnte. Zunächst wurde der neue V12, dessen Bauweise an den kleineren Colombo-V12 erinnerte, der aber mit einigen von Lampredi ersonnenen Verbesserungen daher kam, mit 3,3 Liter Hubraum erprobt.

Es folgte dann die Aufbohrung auf 4,1 Liter. Auf dem Prüfstand erreichte dieser Motor 335 PS bei 7000 Umdrehungen.


Ferrari 340 (1953) - der 4,1-Liter Motor
Archiv Automobil Revue

Für den Einsatz in Strassensportwagen “340 America” wurden dann aber standfestere 220 PS bei 6000 U/min angestrebt. Je nach Einsatzzweck liess sich die Leistung allerdings deutlich anheben, so erreichte der 4,1-Liter in der “Mexico”-Konfiguration bei der Carrera Panamericana 260 PS. Schwachpunkte waren die Zündung, die bei hohen Drehzahlen nicht mehr mitkam und die Kraftübertragung. Erstmals wurde ein vollsynchronisiertes Fünfganggetriebe eingesetzt.

Das Fahrgestell und die Aufhängungen wurden von Vorgänger-Sportwagen übernommen, verbessert und an die neuen Gegebenheiten angepasst, ohne komplett neue Wege zu beschreiten.

Viele Karosserievariationen

In Turin stand 1951 ein Touring-Coupé, es gab aber auch Coupés von Ghia und Vignale, sowie Barchettas von Touring und Vignale. Der erste Wagen trug die Chassisnummer 0082A, hatte eine Vignale-Berlinetta-Karosserie und kam an der Mille Miglia im April 1951 zum Einsatz. Ein Sieg zeigte, dass man auf dem richtigen Weg war.


Ferrari 340 America Spider Superleggera (1951) - herrliche Barchetta
Archiv Automobil Revue

Insgesamt entstanden je nach Zählweise 22 bis 24 Wagen, acht trugen ein Touring-Kleid, 11 eine Vignale-Karosserie und 4 wurden als Ghia-Coupé aufgebaut. Nur acht der Sportwagen wurden mit einem Interieur für die Nutzung auf öffentlichen Strassen ausgerüstet, der Rest war für den Rennsport ausstaffiert.

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Das Vignale-Coupé 0202A

Zu den Rennsport-Versionen gehörte das 1952 nach Zeichnungen von Giovanni Michelotti bei Vignale karossierte Coupé mit der Fahrgestellnummer 0202A. Bereits der erste Einsatz bei den 24 Stunden von Le Mans endete mit dem fünften Platz. Gemeldete von Luigi Chinetti teilten sich André Simon und Lucien Vincent das Lenkrad. Allerdings siegten damals die Mercedes-Benz 300 SL und ein Nash-Healey 4 Litre schnappte Ferrari den Klassensieg weg.


Ferrari 340 America Vignale Coupé (1952) - die Form stammt von Giovanni Michelotti
Copyright / Fotograf: David Newhardt - courtesy Mecum Auctions

Der Wagen wurde dann an René Marchand verkauft, der ab Juni 1952 an einigen französischen Rennen und dann im November an der Carrera Paramericana  teilnahm, dort aber ausschied.

Am Ende der Rennsaison ging der Wagen in die Fabrik zurück, wo er auf den neuesten Stand gebracht und anstatt in Blau nun in “rosso scuro” lackiert wurde.

Vermittelt durch Luigi Chinetti gelangte der 4,1-Liter-Ferrari in die USA und wurde von Bill Devin übernommen. Dieser setzte den Wagen mit Jack McAfee an US-Rennen ein, bevor der Wagen an Ernie McAfee und schliesslich kurz danach an den Rennfahrer Masten Gregory weiterverkauft wurde.

Test durch Road & Track

Dieser Masten Gregory stellte den Wagen der Zeitschrift Road & Track zur Verfügung. Zu diesem Zeitpunkt (Sommer 1953) war der 410 America mit dem “Mexico”-Motor mit 260 PS bei 6500 Umdrehungen ausgerüstet, gekoppelt mit einem gerade-verzahnten Fünfganggetriebe, dessen oberster Gang eine Art “Overdrive” zur Verfügung stellte. Das Schalten dieser Fünfgangbox verlangte nach Zwischengas-/Zwischenkupplungs-Fähigkeiten, die Masten Gregory offensichtlich perfekt beherrschte, verpasste er doch nie einen Gangwechsel während der Testfahrten.

Obwohl bei den Beschleunigungsmessungen nicht über 6000 U/min gedreht wurde, ergaben sich eindrückliche Messwerte.
Für den Spurt von 0 auf 60 Meilen pro Stunde (also 96 km/h) benötigte das etwa 930 kg schwere Coupé nur 6,1 Sekunden. Nach 27 Sekunden ab Start waren 120 Meilen pro Stunde (192 km/h erreicht. Als Spitze wurden vom Werk 150 Meilen pro Stunde angegeben, eine Geschwindigkeit, die den Road&Track-Leuten mehr als glaubwürdig erschien, die allerdings nicht überprüft werden konnte. Als Verbrauch wurden 14,7 bis 26,1 Liter pro 100 km/h notiert, nicht zuviel für einen knapp strassentauglichen Rennwagen.

Rennwagen für die Strasse

Am Fahrverhalten hatten die Road&Track-Testfahrer weniger Freude als am Motor. Zwar notierten sie, dass ein sehr geübter Fahrer mit dem Coupé unglaublich hohe Durchschnittsgeschwindigkeiten erreichen könne, aber für den Novizen wollten sie den Wagen definitiv nicht empfehlen. Zudem wirkte die Lenkung nicht ausgewogen und der Geräuschkomfort entsprach Rennwagen-Niveau, denn Maschine und Getriebe produzierten angesichts komplett fehlender Dämpfungsmaterialien “a lot of noise”, also viel Lärm.

Innenraum, Sitzposition und Bedienungselemente wurden aber gutgeheissen, obschon der Wagen natürlich wie alle anderen Rennwagen rechtsgelenkt war.

Natürlich waren sich die Schreiberlinge bewusst, dass dieser 340 America eigentlich für die Rennstrecke gedacht war, entsprechend lass sich denn auch das Fazit. “Despite some faults, the 4,1 Ferrari is a type of car which has not been available since the death of Ettore Bugatti. The fact that Enzo Ferrari can produce such machines in Italy, while we in America build nothing at all that can compare (except for a few Cunninghams) is a sad commentary on the American mass production.”
(Übersetzung: Trotz einiger Fehler ist der Ferrari 4,1 ein Wagen, wie es sie seit dem Tod von Ettore Bugatti nicht mehr gab. Die Tatsache, dass Enzo Ferrrari solche Maschinen in Italien bauen kann, während wir in den USA nichts Vergleichbares produzieren können (mit Ausnahme einiger Cunninghams) ist ein trauriger Kommenar zum amerikanischen Serienautobau.)

Unfälle und Umbauten

Mitte der Fünfzigerjahre verunfallte der offenbar auch für einen Rennfahrer nicht einfach zu fahrende 340 America und ging an George T. Sawyer, der aus dem Wrack einen 340 Mexico Special mit neuer Karosserie baute. Einige amerikanische Rennen später ging der Wagen 1958 an Bill Owens, der anstatt des Ferrari-V12 einen Chevrolet-V8 einbaute. Damit war der Wagen wohl immer noch zu schnell, denn nach einem Crash im Jahr 1958 wurde anstatt der Vignale-Karosserie eine Devin-Kunststoff-Barchetta-Karosserie, die man für rund USD 295 in der passenden Grösse kaufen konnte, aufgesetzt.


Ford (1962) - Werbung, die einen Devin-karossierten Special zeigt, in den USA im Jahr 1962 (engl.)
Zwischengas Archiv

Um 1990 herum soll der Rennfahrer Mike Sanfilippo den “Special” für USD 200 gekauft haben, er plante daraus einen Dragster zu bauen, zog das Projekt aber nicht durch und liess den Wagen verstauben.

Sechzehn Jahre später ersteigerte Tom Shaugnessy den “Vintage Devin Sportscar” auf eBay für angesichts des Zustands nicht ganz günstige USD 26’912. Eigentlich wollte Tom den Devin restaurieren, doch es zeigte sich schnell, dass ein ganz besonderes Fahrgestell unter der Fiberglas-Karosserie ruhte.

Zurück zu den Anfängen

Nun wurde das Projekt deutlich aufwändiger als geplant, aber dank der Mithilfe von Marcel Massini hatte die Geschichte des Wagens aufgeklärt werden können und das Auto wurde nun von Ferrari Classiche gemäss initialer Spezifikation restauriert.


Ferrari 340 America Vignale Coupé (1952) - der mächtige Lamppredi-4,1-Liter-V12-Motor
Copyright / Fotograf: David Newhardt - courtesy Mecum Auctions

Heute ist ein periodenkorrekter 4,1-Liter-V12-Ferrari-Motor samt Vierganggetriebe montiert und die Vignale-Karosserie neu aufgebaut. Der Wagen sieht nun wohl ziemlich exakt so aus, wie er 1952 zu den 24 Stunden von Le Mans gesandt wurde.


Ferrari 340 America Vignale Coupé (1952) - rechtsgelenkt mit grossem Holzlenkrad
Copyright / Fotograf: David Newhardt - courtesy Mecum Auctions

In dieser Gestalt wurde der Wagen dann von Tom Shaughnessy u.a. am Concours d’Elégance Pebble Beach gezeigt.


Ferrari 340 America Vignale Coupé (1952) - die Form gehört gemäss Designkritikern nicht zu den besten Werken Michelottis
Copyright / Fotograf: David Newhardt - courtesy Mecum Auctions

Im Januar 2021 soll das Ferrari 340 America Vignale Coupé von 1952 nun anlässlich der Mecum Kissimmee-Versteigerung auf den Markt kommen. Es wird im Rahmen der Mecum Gallery Ausstellung vom 7. bis 17. Januar 2021 gezeigt, Preisangebote können dann direkt an Mecum gerichtet werden.

Was aber jetzt schon klar ist: Weder USD 200 noch 26’912 werden auch nur schon für den Aufpreis reichen, man kann davon ausgehen, dass mehrere Millionen das Bankkonto wechseln, sollte das Rennsportcoupé einen neuen Besitzer finden.

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ha******
01.12.2020 (18:44)
Antworten
Da hat doch Vignale für den Cisitalia Abarth 204A was sehr ähnliches karrossiert. Gefällt mir sogar noch besser.
von la******
01.12.2020 (18:15)
Antworten
Wie der Ferrari wohl mit der Devin Carrosserie ausgesehen hat? Unter Google und dem Stichwort "Devin Cars" - Bilder - finden sich eine Menge Fotos, die solche Autos zeigen. Macht Spass, sie anzuschauen!
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