Jaguar XJ 220 - über Jahre der schnellste Supersportwagen der Welt

Erstellt am 10. August 2016
, Leselänge 8min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Daniel Reinhard 
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Wikipedia - Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported 
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Man nähert sich dem schnellsten Supersportwagen der Neunzigerjahre mit Ehrfurcht! Mit über 350 km/h Spitzengeschwindigkeit wurde der Jaguar XJ220 gemessen, den Nürburgring-Serienwagen-Rekord hielt er für acht Jahre mit unter acht Minuten. Und dann ist man erstaunt, wie zivilisiert sich die Super-Raubkatze benimmt.


Jaguar XJ 220 (1993) - deutlich über 320 km/h schnell
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Ouvertüre - der Prototyp von Birmingham

Alles begann mit einem Feierabendprojekt. Jaguar-Chefkonstrukteur Jim Randle wollte den Markt für Supersportwagen nicht einfach Ferrari und Porsche überlassen, zumal man 1988 (und 1990 dann nochmals) die 24 Stunden von Le Mans für sich entscheiden konnte. Im sogenannten Samstag-Club werkelten Randle und seine Boys am Prototypen und wurden gerade einmal acht Stunden vor der offiziellen Präsentation anlässlich der Birmingham Motor Show am 18. Oktober 1988 fertig. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte kaum jemand den Supersportwagen gesehen und selbst die Jaguar-Bosse John Egan and Roger Putnam hatten nur eine Woche Vorlauf, um die Freigabe am Autosalon zu erteilen.


Jaguar XJ 220 Prototyp (1988) - ausgestellt im Heritage Motor Centre Gaydon
Copyright / Fotograf: Wikipedia - Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Was die Besucher in Birmingham zu sehen bekamen, war ein vergleichsweise riesiger Sportwagen mit 2,85 Meter Radstand und 5,14 Meter Aussenlänge. Hinter dem Cockpit sass ein 6,222 Liter grosser V12-Motor, dem deutlich über 500 PS attestiert wurden. Die Leistung sollte über einen permanenten Allradantrieb auf die Räder losgelassen werden. Die 4x4-Konzeption stammte von FF Developments (Ferguson), einem Vorreiter und Technologieführer, dem bereits der Jensen FF der Sechzigerjahre zu verdanken gewesen war.

Viele Komponenten des Prototypen stammten aus dem Rennsport und wurden von den Zulieferern kostenlos im Tausch gegen die erwartete Öffentlichkeitswirkung zur Verfügung gestellt. Die Aluminiumkarosserie entstand von Hand bei Park Sheet Metal, das Design wird Geoff Lawson und Keith Helfet zugeschrieben.

Das Ergebnis überzeugte, bereits auf dem Stand sollen Blanko-Checks die Hand gewechselt haben, dabei gab es noch keinerlei Entscheide für eine Serienfertigung.

Kurz danach erhielt der Jaguar XJ 220 im Jahr 1989 auch noch den internationalen “Car Design Award” mit deutlichem Vorsprung vor dem Italdesign Aztec, dem Citroën Activa und dem Cadillac Voyagé. “Trotz moderner Form ein typischer Jaguar, der an das (frühere) Rennsportimage der Marke anknüpft”, schrieb die Automobil Revue in ihrem Kommentar.

Allegro - Produktionsentscheid

Nach dem mehr als nur positiven Echo von der Öffentlichkeit und potentiellen Käufern entschied sich Jaguar im Dezember 1989, den Supersportwagen zu bauen. Vorweg erfolgte eine Überprüfung der Konstruktion durch Tom Walkinshaws Jaguar Sport Firma, die dann auch die Fertigung übernahm.

350 Exemplare sollten er nun werden. 1400 Kunden waren bereit, den Wagen zu kaufen und 50’000 Pfund Anzahlung zu leisten. Wegen des erwarteten Andrangs hatte man die Produktionsmenge bereits von 220 auf 350 erhöht.

Die Ingenieure von Jaguar Sport krempelten den Prototypen nachhaltig um. Statt des geplanten V12, den man geräuschtechnisch kaum auf die existierenden Lärmnormen hätte reduzieren können, entschied man sich für den V6-Motor aus dem Rennsieger XJR-11, allerdings musste das Renntriebwerk, einst gebaut von Max Heidegger, komplett umkonstruiert werden, fast jedes Gussteil wurde angepasst.


Jaguar XJ 220 (1992) - schöner Motorenbau
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Es resultierte ein 3,5-Liter-Sechszylinder mit 543 PS bei 6500 Umdrehungen und einem maximalem Drehmoment von 640 Newtonmeter, die bereits bei 5000 Umdrehungen anlagen. Soviel Durchsatz machte ein Sechsganggetriebe unnötig, womit man sich mit fünf Antriebsstufen bescheiden konnte.

Auch auf den Allradantrieb wurde nicht zuletzt aus Gewichtsgründen verzichtet, immerhin durfte FF Developments das Getriebe und das Hinterachsdifferential liefern.

Dank des kürzeren Motors konnte der Radstand gekürzt werden, die Gesamtlänge des Wagens wurde um immerhin 25 Zentimeter gestutzt. Noch mehr profitierte das Gewicht des Sportwagens von den Anpassungen. Statt 1780 Kilogramm beim Prototyp resultierten nun 1375 kg, was auch die Entwicklung der spezifischen Reifen bei Bridgestone erleichterte.


Jaguar XJ 220 (1992) - viele Klappen zum Öffnen, aber viel Kofferraum gab es deshalb nicht
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Im Sommer 1991 wurde der modifizierte Sportwagen der Presse gezeigt, fahren durften ihn die Journalisten allerdings noch nicht. Rund ein Jahr später wurden bereits die ersten Produktionsexemplare in Wykham Mill, Bloxham in der Nähe von Banbury in Oxfordshire in einer neuen Fabrik, die von Prince Charles und Diana eingeweiht worden war, zusammengeschraubt.

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Fortissimo - Nürburgring-Rekord

Es war dann aber Andy Wallace, der Jaguar-Test- und Werksfahrer, der dem Jaguar XJ220 zu jenem Ruhm verhalf, der bis heute nachhallt. Bereits am 14. Mai 1991 umrundete er den Nürburgring in sieben Minuten und 57 Sekunden, einige Monate später knallte er eine weitere Nordschleifen-Rekordrunde in den Asphalt, bei 7:46.36 blieben die Uhren stehen, erst im Jahr 2000 wurde diese Bestmarke geknackt.

Der Jaguar XJ220 galt 1991 mit einer Spitze von 349,4 km/h als schnellster Seriensportwagen seiner Zeit, der McLaren F1 allerdings übertrumpfte ihn schon bald.

Capriccioso - teures Vergnügen

50’000 Pfund musste ein Interessent bereits bei der Bestellung für den am 1. Januar 1990 zum Preis von £ 290’000, als rund DM 870’000 oder über CHF 700’000 (vor Steuern) angekündigten Sportwagen anzahlen. Weitere 50’000 britische Pfund wurden neun Monate vor Baubeginn eingefordert.

Doch damit nicht genug. Im Kaufvertrag war aber vereinbart, dass der Endpreis einer Indexierung unterliege und so kamen auf den Käufer des hier gezeigten burgunderroten (Farbton “Monza”) XJ220 weitere Preisanpassungen von insgesamt £ 53’459.60 zu, was den Gesamtpreis vor Steuern auf £ 343’459.60 oder inklusive Auslieferung rund eine Million Schweizer Franken, respektive DM 1,2 Millionen trieb.


Jaguar XJ 220 (1992) - Cockpit der rechtsgelenkter Version
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Natürlich erhielten die stolzen Eigner dafür ein sehr schnelles und auch seltenes Auto, untereinander unterschieden sich die einzelnen Fahrzeuge aber mit Ausnahme von der Farbwahl für Lack und Interieur nicht. Sie hatten alle dasselbe zwar grosszügig mit Leder bezogene Interieur, das aber gleichzeitig nur so von Grossserien-Schaltern und Bedienungselementen strotzte. Sie hatten aber auch die Gewissheit, dass die Karosserie in aufwändiger Handarbeit über ein Holzmodell geklopft worden war und dass kaum ein Roboter beim Bau des Wagens beteiligt war.

Mezzopiano - Ende nach 271 Exemplaren

1990, als die meisten der späteren XJ-220-Besteller ihren Vertrag unterschieden, war die Welt noch in Ordnung. Selbst neue Mercedes-Benz R129 wurden mit deftigen Aufpreisen als Neuwagen weiterverkauft. Nagelneue Aston Martin wurden mit exorbitanten Aufschlägen versteigert, Ferrari-Neuwagen und Klassiker erzielten Spitzenpreise. So war auch der Kampf um die 350 XJ 220 hart.

Doch dann setzte ein wirtschaftlicher Abschwung ein und viele Besteller liessen lieber die angezahlten 50’000 Pfund verfallen, als den Rest des Wagens zu bezahlen. So wurde im April 1994 der letzte XJ 220 montiert, nach exakt 271 Exemplaren.

Vivace - am Lenkrad des seltenen Supersportwagens

Auch der gekürzte XJ 220 wirkt gross, 4,93 Meter Länge und 2,01 Meter Breite lassen sich nicht verbergen, zumal die Höhe mit 1,15 Meter bescheiden ausgefallen ist. Die Aluminiumkarosserie wirkt aber attraktiv und weist eine Vielzahl schön gestalteter Details auf, man kann sich kaum sattsehen. Alleine schon der Mechanismus, der die Lampen freigibt, ist ein Ereignis. Die Lampen werden nämlich nicht ausgeklappt, sondern eine Abdeckung, die sich rasant versteckt, gibt sie frei.


Jaguar XJ 220 (1993) - interessant die Zusatzinstrumente in der Türe
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Der Einstieg gelingt problemlos, eine gewisse körperliche Biegsamkeit vorausgesetzt.


Jaguar XJ 220 (1993) - auch etwas Musik darf sein
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Der Start per roten Taster klappt auf Anhieb und hinter einem beginnt sich der V6 bemerkbar zu machen, ohne mit ungehobelten Manieren aufzufallen. Türe zu, erster Gang eingelegt, Kupplung losgelassen, die Fahrt beginnt ohne Aufregung, als sässe man in einem Ford Sierra jener Zeit.

Besonders dynamisch wirkt die Superkatze nicht, zumindest solange nicht, bis etwa 3000 Umdrehungen erreicht sind. Dann allerdings ändert sich der Charakter des Wagens eindrücklich. Der Jaguar schiesst nach vorne und man fühlt sich wie ein Jet-Pilot, der von einem Flugzeugträger in die Luft geschleudert wird.


Jaguar XJ 220 (1993) - wirkt wie ein Rennwagen, war aber immer für die Strasse gedacht
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Wer jetzt die Gänge alle durchschaltet, sieht die Tachonadel in kürzester Zeit die Skala entlang wandern, 100 km/h sollen in gut vier Sekunden erreichbar sein, 320 km/h nach einiger Zeit. Aber da wäre man seine Fahrerlaubnis bereits los, wenn man sich nicht gerade auf einer Rennstrecke befindet. Also beherrschen wir uns, schliesslich befinden wir uns auf einer Landstrasse und fahren schon bald wieder in eine kleine Ortschaft ein.

Was auf freiem Feld nicht stört, nimmt man innerorts schnell als Nachteil wahr. Der Jaguar ist sehr unübersichtlich, die Gänge überaus lang übersetzt. Im zweiten Gang gebärdet sich der Motor bei 50 km/h recht unlustig, mehr als den dritten braucht man auch ausserorts nicht, dabei geht die Schaltarbeit durchaus problemlos vonstatten.


Jaguar XJ 220 (1993) - fast fünf Meter lang
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Wir sind froh, dass wir den “Jag” nicht in einen enge Parklücke manövrieren müssen und schon bald wieder auf breiten Landstrassen fahren dürfen. Dort fühlt er sich in seinem Element, wirkt trotz der fehlenden Servolenkung handlich.

Man fühlt sich überraschend schnell zuhause im Übersportwagen der Neunzigerjahre, kommt allerdings auch nie in die Geschwindigkeitsbereiche, wo die aufwändige Aerodynamik richtig zum Wirken käme. Im Hinterkopf hat man stets den einst immensen Kaufpreis, der auch im Jahr 2016 noch nicht von den Handelspreisen für gut gehütete Exemplare eingeholt worden ist.


Jaguar XJ 220 (1993) - Rennsporttechnik strassentauglich gemacht
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Ein Japaner soll seinen XJ 220 im 34. Stock eines Wolkenkratzers parkiert haben, so lassen sich dann auch die unglaublich tiefen Laufleistungen vieler dieser Superkatzen erklären. Schade eigentlich, denn so sieht man diese Autos ja auch kaum je auf der Strasse. Und fürs Verstecken sind sie doch eigentlich viel zu schön!

Wir danken der Oldtimer Galerie in Toffen für die Gelegenheit, den raren Jaguar XJ 220 (Nummer 147) aus dem Jahr 1993 in Szene setzen zu können.

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von ab******
20.07.2020 (21:07)
Antworten
Ich fahre ihn über 25 Jahre und er ist bildschön und wunderbar, hat mich nie im Stich gelassen.Und wenn ich ihn fliegen lasse kommt kaum einer mit. Geht locker über 350 kmh.
von ic******
04.12.2019 (22:16)
Antworten
Dieses Auto hat leider verunglückte Proportionen. Der Radstand ist für die Außenlänge viel zu kurz. So sind die Überhänge vorn und hinten viel zu lang und das Auto wirkt unproportioniert, albern, unbeholfen. Der V6 Turbo hat den Charme eines japanischen Mittelklassewagens und die Übersetzung des 5-Gang-Getriebes tötet jegliche sportlichen Ambitionen und vor allem sorgt sie für tiefe Enttäuschung beim Fahrer. Ein glückloses und leider sehr typisch englisches Auto.
Antwort von ab******
21.07.2020 (22:29)
Da schreibt einer der keine Ahnung von Autos hat.
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